In-vitro-Fleisch - Weltweit versuchen Wissenschafter, Fleisch aus einzelnen Zellen herzustellen. Aus einer Biopsie wird im Labor ein Stück Gewebe, das dann weiter zum Wachstum angeregt wird. - © Foto: iStock / bonchan
Wissen

Der Traum vom „sauberen“ Steak

1945 1960 1980 2000 2020

Tierleid, Klimakrise und wachsende Weltbevölkerung: Es gibt gute Gründe, nach einem neuen Weg der Fleischproduktion zu suchen. Aber können Gewebekulturen im Labor tatsächlich einmal Schlachthöfe überflüssig machen?

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Tierleid, Klimakrise und wachsende Weltbevölkerung: Es gibt gute Gründe, nach einem neuen Weg der Fleischproduktion zu suchen. Aber können Gewebekulturen im Labor tatsächlich einmal Schlachthöfe überflüssig machen?

Kommt eine Vision in die Welt, steht oft eine abenteuerliche Geschichte dahinter. Die Vision von künstlichem Fleisch, das nicht mehr aus den Schlachthöfen, sondern aus dem Labor stammen soll, ist ein Paradebeispiel dafür. Ihre Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg, in einem japanischen Gefangenenlager in Indonesien, damals noch eine holländische Kolonie. Mit 17 Jahren wurde Willem van Eelen dort interniert. Der niederländische Arztsohn erfuhr frühzeitig, was Hunger bedeutet: Er litt an jahrelanger Mangelernährung, und eigenen Berichten zufolge wäre er fast daran verstorben. Zugleich wurde er Zeuge, wie grausam die Gefängniswärter mit Tieren umgingen.

Während des indonesischen Unabhängigkeitskriegs, nachdem die Alliierten die Lager befreit hatten, musste van Eelen in die Niederlande übersiedeln. Dort fand er seine zweite Heimat. „Nahrung war für ihn damals das wertvollste Gut“, erinnert sich seine Tochter Ira im Gespräch mit der deutschen Buchautorin Nadine Filko. Er liebte Supermärkte und stand lange vor den Regalen, wo er die zahlreichen Konserven bestaunte. „Im Krieg waren Konserven mit Gold gleichzusetzen, auf einmal gab es all dieses Essen.“ Nur langsam erholte sich Willem van Eelen von den Folgen der Mangelernährung. Er hatte großen Appetit auf Fleisch; zugleich fühlte er eine moralische Verantwortung, sich gegen unnötiges Tierleid zu engagieren.

Das prägte seinen weiteren Lebensweg, denn der ehemalige Kriegsgefangene gilt als Vater einer Vision, die heute mit vielen Hoffnungen verbunden wird: „Clean Meat“, „sauberes Fleisch“, das im Labor hergestellt wird – aber ähnlich schmecken soll wie Fleisch, das von glücklichen Tieren auf der Weide stammt. Diese Idee dämmerte van Eelen, der mittlerweile Psychologie und Medizin studierte, als er 1948 erstmals Experimente mit Zellkulturen beobachten konnte. Diese waren zwar für Patienten mit Verbrennungen gedacht, doch der Niederländer hatte einen Geistesblitz: „Kann man das auch für unser Essen verwenden?“, fragte er sich unvermittelt. „Für meinen Vater stand fest, wenn die Medizin Haut für Brandopfer züchten konnte, dann könnte sie auch ein Steak wachsen lassen“, erzählt Ira van Eelen. Der Gedanke an industriell produziertes Fleisch, für das keine Tiere sterben müssen, sollte ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen.

Van Eelen war bereits in seinen 70ern, als er es schaffte, die Finanzierung für ein wissenschaftliches Konsortium sicherzustellen, das binnen weniger Jahre endlich Fortschritte erbrachte: ein fruchtbarer Nährboden für spätere Projekte – darunter der erste Hamburger mit In-vitro-Fleisch, der 2013 in London medienwirksam verkostet wurde. Für den Geschmack („eher fad“) und das Gewicht (140 Gramm) waren die Herstellungskosten freilich recht hoch: 250.000 Euro hatte das Projekt verschlungen, wie der Biomediziner Mark Post von der Universität Maastricht damals berichtete.

Gern hätte Willem Van Eelen erlebt, wie künstliches Fleisch in den Supermarktregalen Einzug hält. Doch 2015 verstarb der Biotech-Pionier 91-jährig in Amsterdam. Die Praxis der biotechnologischen Forschung war zäher als die schöne Theorie von „Retortenfleisch“, die Nadine Filko nun in ihrem Buch „Clean Meat“ (LangenMüller, 2019) beschreibt: Unternehmen wie das niederländische „Mosa Meat“, die israelischen Start-ups „SuperMeat“ und „Aleph Farms“ oder das US-amerikanische „Memphis Meats“ setzen bereits darauf, doch die Gruppe der Visionäre ist noch überschaubar. Sollte dieser Ansatz tatsächlich einmal die Fleischproduktion massenhaft prägen, könnte der kaum bekannte Willem van Eelen zu einer Gründerfigur werden, der im Geschichtsunterricht gebührender Platz einzuräumen wäre. Genauso wie seiner Tochter, heute eine der Aktivistinnen dieser Bewegung. Ira van Eelen ist ebenfalls in der Start-up-Szene aktiv und Beraterin der internationalen „Cellular Agriculture Society“, die als Plattform für sämtliche Ansätze dient, tierische Produkte aus einzelnen Zellen statt aus ganzen Tieren zu gewinnen – nicht nur Fleisch, sondern auch Milch, Eier, Leder, Seide oder Rhinozeros-Horn.

Kommt eine Vision in die Welt, steht oft eine abenteuerliche Geschichte dahinter. Die Vision von künstlichem Fleisch, das nicht mehr aus den Schlachthöfen, sondern aus dem Labor stammen soll, ist ein Paradebeispiel dafür. Ihre Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg, in einem japanischen Gefangenenlager in Indonesien, damals noch eine holländische Kolonie. Mit 17 Jahren wurde Willem van Eelen dort interniert. Der niederländische Arztsohn erfuhr frühzeitig, was Hunger bedeutet: Er litt an jahrelanger Mangelernährung, und eigenen Berichten zufolge wäre er fast daran verstorben. Zugleich wurde er Zeuge, wie grausam die Gefängniswärter mit Tieren umgingen.

Während des indonesischen Unabhängigkeitskriegs, nachdem die Alliierten die Lager befreit hatten, musste van Eelen in die Niederlande übersiedeln. Dort fand er seine zweite Heimat. „Nahrung war für ihn damals das wertvollste Gut“, erinnert sich seine Tochter Ira im Gespräch mit der deutschen Buchautorin Nadine Filko. Er liebte Supermärkte und stand lange vor den Regalen, wo er die zahlreichen Konserven bestaunte. „Im Krieg waren Konserven mit Gold gleichzusetzen, auf einmal gab es all dieses Essen.“ Nur langsam erholte sich Willem van Eelen von den Folgen der Mangelernährung. Er hatte großen Appetit auf Fleisch; zugleich fühlte er eine moralische Verantwortung, sich gegen unnötiges Tierleid zu engagieren.

Das prägte seinen weiteren Lebensweg, denn der ehemalige Kriegsgefangene gilt als Vater einer Vision, die heute mit vielen Hoffnungen verbunden wird: „Clean Meat“, „sauberes Fleisch“, das im Labor hergestellt wird – aber ähnlich schmecken soll wie Fleisch, das von glücklichen Tieren auf der Weide stammt. Diese Idee dämmerte van Eelen, der mittlerweile Psychologie und Medizin studierte, als er 1948 erstmals Experimente mit Zellkulturen beobachten konnte. Diese waren zwar für Patienten mit Verbrennungen gedacht, doch der Niederländer hatte einen Geistesblitz: „Kann man das auch für unser Essen verwenden?“, fragte er sich unvermittelt. „Für meinen Vater stand fest, wenn die Medizin Haut für Brandopfer züchten konnte, dann könnte sie auch ein Steak wachsen lassen“, erzählt Ira van Eelen. Der Gedanke an industriell produziertes Fleisch, für das keine Tiere sterben müssen, sollte ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen.

Van Eelen war bereits in seinen 70ern, als er es schaffte, die Finanzierung für ein wissenschaftliches Konsortium sicherzustellen, das binnen weniger Jahre endlich Fortschritte erbrachte: ein fruchtbarer Nährboden für spätere Projekte – darunter der erste Hamburger mit In-vitro-Fleisch, der 2013 in London medienwirksam verkostet wurde. Für den Geschmack („eher fad“) und das Gewicht (140 Gramm) waren die Herstellungskosten freilich recht hoch: 250.000 Euro hatte das Projekt verschlungen, wie der Biomediziner Mark Post von der Universität Maastricht damals berichtete.

Gern hätte Willem Van Eelen erlebt, wie künstliches Fleisch in den Supermarktregalen Einzug hält. Doch 2015 verstarb der Biotech-Pionier 91-jährig in Amsterdam. Die Praxis der biotechnologischen Forschung war zäher als die schöne Theorie von „Retortenfleisch“, die Nadine Filko nun in ihrem Buch „Clean Meat“ (LangenMüller, 2019) beschreibt: Unternehmen wie das niederländische „Mosa Meat“, die israelischen Start-ups „SuperMeat“ und „Aleph Farms“ oder das US-amerikanische „Memphis Meats“ setzen bereits darauf, doch die Gruppe der Visionäre ist noch überschaubar. Sollte dieser Ansatz tatsächlich einmal die Fleischproduktion massenhaft prägen, könnte der kaum bekannte Willem van Eelen zu einer Gründerfigur werden, der im Geschichtsunterricht gebührender Platz einzuräumen wäre. Genauso wie seiner Tochter, heute eine der Aktivistinnen dieser Bewegung. Ira van Eelen ist ebenfalls in der Start-up-Szene aktiv und Beraterin der internationalen „Cellular Agriculture Society“, die als Plattform für sämtliche Ansätze dient, tierische Produkte aus einzelnen Zellen statt aus ganzen Tieren zu gewinnen – nicht nur Fleisch, sondern auch Milch, Eier, Leder, Seide oder Rhinozeros-Horn.

Allein aufgrund der Kostenfrage ist fraglich, ob sich Laborfleisch am Markt behaupten kann. Noch ist völlig unklar, wie eine Massenproduktion genau aussehen könnte.

Was der erträumte Umzug vom Stall ins Labor verspricht, ist in Nadine Filkos Buch detailliert dargestellt: weniger Tierleid, ökologische Verbesserungen und eine gesündere Ernährung. Die weltweite Fleischproduktion hat sich in den letzten 50 Jahren fast vervierfacht. Bleibt der Trend aufrecht, soll sie bis 2050 noch einmal um 85 Prozent steigen, wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganistation der Vereinten Nationen (FAO) prognostiziert. Das ist nicht zuletzt für die Klimakrise relevant: Durch Methan-Ausstoß trägt die Nutztierhaltung mehr zur Erderwärmung bei als die Abgase aus Luft- und Straßenverkehr zusammen. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung kämen neue Technologien also gerade recht, um die steigende Nachfrage nach tierischen Proteinen ressourcenschonender abzudecken.

Doch für Konrad Domig von der Universität für Bodenkultur Wien ist das noch reine „Zukunftsmusik“: Der Lebensmittelforscher ist allein aufgrund der Kostenfrage skeptisch, dass sich künstliches Fleisch in absehbarer Zeit am Markt behaupten kann. „Klarerweise wird es günstiger werden, aber ich halte wenig von dieser Startup-Hysterie“, sagt er im Gespräch mit der FURCHE. „Viele gute Ideen sind wieder verschwunden, weil letztlich das Geld gefehlt hat.“ Noch ist völlig unklar, wie eine Massenproduktion von künstlichem Fleisch genau aussehen könnte.

Authentisches „Mundgefühl“

Pflanzliche Alternativen wie Seitan, Hülsenfrüchte oder Sojaprodukte sind für Domig Erfolg versprechender, da diese Produkte viel schneller preiswert verfügbar sind. Auch deren geschmackliche Anpassung sei schon gut gelungen. So gut wie niemand müsse heute von seinem Essverhalten Abstriche machen, wenn er auf pflanzliche Alternativen umsteige, so der BOKU-Experte, der im europäischen „LikeMeat“-Projekt einen Fleischersatz mit authentischem „Mundgefühl“ mitentwickelt hat: „Der unbedarfte Konsument würde es wohl nicht einmal merken, dass er kein Fleisch gegessen hat. Am einfachsten ist das Huhn nachzuahmen, am komplexesten das Rind. Bei Pfannengerichten ist auch das kein Problem, da hier andere Aromen den Fleischgeschmack überdecken.“

In den Wurstabteilungen der Supermärkte haben daher vegane Produkte Einzug gehalten. Sie haben fast immer eine viel bessere Klimabilanz als das Fleisch. Beim Laborfleisch ist dies allerdings fraglich, wie heuer eine Studie in der Fachzeitschrift Frontiers in Sustainable Food Systems vorgerechnet hat. Wissenschaftler der Universität Oxford zeigen darin, dass „Retortenfleisch“ mit hohem Energiebedarf hergestellt werden muss – und in langfristigen Szenarien sogar klimaschädlicher sein könnte als die Rinderhaltung. Der Grund: Während das Methan aus der Rinderhaltung nur für rund zwölf Jahre in der Atmosphäre verbleibt, führt die Produktion von Laborfleisch in erster Linie zu CO₂-Emissionen, die sich über Jahrtausende ansammeln. Nur wenn künftig deutlich mehr erneuerbare Energie zur Verfügung steht, könnte der CO₂-Abdruck des In-vitro-Fleisches merkbar kleiner werden. „Laborfleisch ist nicht unbedingt besser für das Klima; es gibt somit auch keine Lizenz zum uneingeschränkten Fleischkonsum“, so die Forscher. Andere Umweltfaktoren wie Wasserverschmutzung oder die Versauerung von Böden wurden in ihrer Studie nicht berücksichtigt; hier könnte das Laborfleisch doch klare Vorteile haben.

Willem van Eelen hätte sich sicherlich gefreut über die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Laborfleisch in letzter Zeit erfährt. Vielleicht würde er sich heute auch für so manchen Fleischersatz begeistern, der auf pflanzlichen Proteinen basiert. Dieser ist schon ganz schön ausgefeilt – und kann einer vegetarischen Mahlzeit bereits den Charme eines Grillgerichts verleihen.

Clean Meat - © Verlag Langen Müller
© Verlag Langen Müller
Buch

Clean Meat

Fleisch aus dem Labor:
Die Zukunft der Ernährung?
Von Nadine Filko
Langen Müller 2019
224 S., geb., € 18,50