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Die Faszination ständig neuer Rätsel

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Am meisten fasziniert die Wissenschaft, wenn sie Rätsel löst. Die gegenwärtig spannendsten sind die Suche nach Grundbausteinen des Lebens auf dem Mars und nach Higgs-Boson.

Anfang Juli hat wieder einmal das europäische Kernforschungsinstitut CERN bei Genf für mediales Aufsehen gesorgt. In einem via Internet übertragenen Seminar wurde über aktuelle Forschungsresultate am Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider) berichtet. Im Anschluss daran fand eine kurzfristig einberufene Pressekonferenz statt. Beides gab - nicht zum ersten Mal - Anlass zu Spekulationen über den Stand der Suche nach dem mittlerweile schon fast berüchtigten Higgs-Teilchen. Auch dass sein Namensgeber, der 83-jährige Physiker Peter Higgs, dem Seminar beiwohnte, beflügelte die Spekulation. Zur Erinnerung: 1964 hatte Higgs die Existenz des später nach ihm benannten Teilchens postuliert. Es ist der letzte experimentell noch nicht bestätigte Bestandteil des "Standardmodells“ der Teilchenphysik und erklärt, warum Elementarteilchen Masse besitzen. Für die Suche nach dem Higgs-Teilchen werden im LHC Protonen beschleunigt und zur Kollision gebracht. Detektoren zeichnen die dabei entstehende Kaskade von Zerfallsprodukten auf, anschließend untersuchen verschiedene Gruppen weltweit die enormen Datenmengen auf Hinweise auf das begehrte Teilchen.

Higgs-Boson oder neues Partikel?

"Wir beobachten in unseren Daten klare Hinweise auf ein neues Partikel im Massebereich um 126 Gigaelektronenvolt mit einer statistischen Signifikanz von fünf Standardabweichungen“, erklärt die Physikerin Fabiola Gianotti das Zwischenergebnis dieser Auswertungen. Anders ausgedrückt: Es ist gelungen, die Existenz des Higgs-Teilchens nachzuweisen. Zumindest fast. Dass es sich bei den beobachteten "Hinweisen“ um zufälliges, statistisches Hintergrundrauschen handelt, ist mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 0,0001 Prozent nahezu ausgeschlossen. Streng genommen ist aber noch immer nicht klar, ob das entdeckte Teilchen wirklich das Higgs-Boson ist oder ein völlig neues Partikel. Das sollen weitere Untersuchungen bis spätestens Ende des Jahres zweifelsfrei zeigen.

Die Meldung lässt also einen gewissen Interpretationsspielraum zu, der irgendwo zwischen den Extrema "Sensation“ und "Warten wir erst mal ab“ liegt. Dass CERN zum wiederholten Mal Journalisten nach Genf bestellt, die Welt mit dem endgültigen Nachweis des Higgs-Teilchens aber erneut auf später vertröstet, hinterlässt bei manchen Beobachtern einen fahlen Nachgeschmack. Der niederländische Physik-Nobelpreisträger von 1999, Martinus Veltman, nannte dieses Vorgehen in einem Interview "ziemlich doof“. Der deutsche Astronom und Moderator diverser Wissenschafts-TV-Sendungen, Harald Lesch, plädierte in der Süddeutschen Zeitung sogar dafür, sich statt mit dem Higgs-Teilchen besser mit "realen Dingen“ zu beschäftigen, etwa mit dem Klimawandel.

Ein riesiger Teilchenbeschleuniger tief unter der Erde, gewaltige Energiemengen und ein ominöses Teilchen, das sich nur mithilfe ausgeklügelter Hochtechnologie dingfest machen lässt - aus diesem Stoff bestehen packende Geschichten, die der nüchternen Wissenschaft oft abgehen. Dennoch besteht Potenzial für eine etwas solidere Dramaturgie. In dieser Hinsicht könnte sich CERN ein wenig von einem anderen wissenschaftlichen Großereignis abschauen, das demnächst auf dem Programm steht. Läuft alles nach Plan, wird am 6. August der NASA-Rover Curiosity auf dem Mars landen. Der rund 900 Kilogramm schwere Curiosity ist ein umfangreich ausgerüstetes, mobiles Labor. Zu den acht primären Missionszielen gehört die Suche nach den Grundbausteinen des Lebens (Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff etc.) sowie nach Spuren biologischer Prozesse.

Die Öffentlichkeitsarbeit dieses Projekts demonstriert amerikanisches Selbstbewusstsein und Siegermentalität. Die Webseiten der Mission sind gefüllt mit Informationen, Fotos und animierten Videos. Wer stets auf dem Laufenden sein möchte, kann Curiosity auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgen. Seit dem Start im vergangenen November baut die NASA kontinuierlich Spannung auf, die in der Landephase des Rovers gipfelt. So komplex und riskant ist die Landung, dass NASA-Wissenschaftler Tom Rivellini sie markig als "sieben Minuten des Grauens“ bezeichnet.

Ein Gradmesser für die Beachtung wissenschaftlicher Forschung in der Öffentlichkeit ist das Ausmaß an medialer Berichterstattung. In dieser Hinsicht dürfen CERN und NASA ohne Übertreibung als höchst erfolgreich bezeichnet werden. Es ist instruktiv, sich die Versatzstücke dieses Erfolgs genauer anzusehen.

Was für die Wissenschaft zählt

Der große Trumpf beider Organisationen ist es, dass sie ein Rätsel zu verkaufen haben. Hier ein geheimnisvolles Elementarteilchen, dort die vage Aussicht auf außerirdische Lebensspuren. Menschen lieben Rätsel. Noch mehr lieben sie es, wenn Rätsel gelöst werden. Die reale Möglichkeit, dabei leer auszugehen, liefert zusätzliche Spannung. So lassen sich die Details und Schwierigkeiten des Suchprozesses attraktiv thematisieren.

Damit ist noch keine Universalformel für erfolgreiche Wissenschaftskommunikation gegeben, denn nur wenige Wissenschaftler haben die Gunst eines derart enigmatischen Forschungsfeldes. Darin liegt notwendig eine Form der Ungerechtigkeit. Was macht eine Entdeckung epochal? War die Entdeckung Amerikas bedeutsamer als die Entdeckung des Penicillins? Die Frage ist absurd.

Das öffentliche Interesse für Wissenschaft ist leider ein beschränktes Gut. Forscher buhlen miteinander um einen gebührenden Teil daran. Viel relevanter ist jedoch der Kampf der wissenschaftlichen Community als Ganzes gegen die ihr oft entgegengebrachte Gleichgültigkeit. Unter diesem Gesichtspunkt ist noch eine weitere Gemeinsamkeit hervorzuheben, die CERN und NASA eint: Beide Forschungsunternehmungen haben kurzfristig keinen erkennbaren praktischen Nutzen für die Gesellschaft. Das ist kein Vorwurf, sondern Charakteristikum jeder Grundlagenforschung. Es ist deshalb ein positives Signal, dass Higgs und Mars zu begeistern vermögen. Wissenschaft mangelt es nicht an Erfolgen, sondern an der allgemeinen Kenntnisnahme davon.