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Die Gegner Darwins sterben aus

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Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie wird nun auch von der katholischen Kirche akzeptiert.

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Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie wird nun auch von der katholischen Kirche akzeptiert.

Das hätte sich Charles Darwin in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können: Fast 150 Jahre nach ihrer Veröffentlichung räumte Papst Johannes Paul II. in einer Botschaft an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften Ende Oktober ein, daß die Evolutionstheorie „mehr als nur eine Hypothese” sei. Schon Pius XII. hatte in einer Enzyklika „die Lehre vom Evolutionismus” als ernstzunehmende Hypothese bezeichnet, die eine genauere Untersuchung verdiene. Johannes Paul II. ortete nun neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die „bedeutsame Argumente zugunsten dieser Theorie” darstellten.

Als der Britische Naturforscher Charles Darwin 1859 sein berühmtes Werk „Über die Entstehung der Arten” veröffentlichte, entfachte er einen Sturm der Entrüstung. Darwin, beschrieb nämlich, wie sich das irdische Leben im Laufe von Jahrmillionen durch das Prinzip der natürlichen Auslese entwickelt hat. Daß er eine gemeinsame Abstammung von Mensch und Säugetieren nicht ausschloß, stand im radikalen Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte, die damals sogar von Wissenschaftlern für bare Münze genommen wurde. Noch glaubten viele an die Berechnungen des Bischofs James Usher, der im 17. Jahrhundert zu dem Ergebnis gekommen war, daß die Erde im Jahre 4004 vor Christus erschaffen worden sei.

Im Zeitalter der Aufklärung wich die statische einer dynamischen Vorstellung von der Welt: Unter Philosophen und Wissenschaftlern verbreitete sich der Gedanke der Veränderbarkeit der Welt und ihrer Lebewesen. Der große deutsche Philosoph Immanuel Kant etwa vermutete 1755, daß die Erde Hunderte von Millionen Jahren alt sei. 1809 vertrat erstmals der französische Naturforscher Jean

Baptiste de Lamarck die Theorie, daß sich Pflanzen, Tiere und und auch der Mensch aus einfachen Organismen entwickelt hätten.

Der 1809 geborene Darwin, seit seiner Jugend von Pflanzen und Tieren fasziniert, trat mit 22 Jahren eine fünfjährige Forschungsreise auf dem Schiff „Beagle” an. Auf dieser Fahrt hatte Darwin die Möglichkeit, die Wunder der Natur rund um den Erdball eingehend zu studieren. Auf den Galapagos-Inseln beobachtete er eine Reihe von Tier- und Pflanzenarten, die einerseits ausschließlich auf diesem Archipel anzutreffen sind, andererseits eng miteinander verwandt waren. Jahre später führte ihn dies zum Gedanken, daß jene Arten sich auf der isolierten Inselgruppe entwickelt hätten. „Die Beise mit der Beagle ist das bei weitem bedeutungsvollste Ereignis in meinem Leben gewesen”, schrieb Darwin in seiner Autobiographie.

Der amerikanisch-deutsche Evolutionsbiologe Ernst Mayr nennt folgende vier Punkte als die zentralen der Darwinschen Evolutionstheorie:

■ Die Welt der Lebewesen ist nicht statisch, sondern in ständiger Entwicklung begriffen. Die Arten verändern sich unaufhörlich, neue Arten entstehen, andere sterben aus.

■ Diese Entwicklung verläuft langsam und kontinuierlich, nicht in Sprüngen oder plötzlichen Änderungen.

■ Einander ähnliche Organismen sind verwandt und stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab. Alle Säugetiere oder alle Insekten sind aus einer einzigen Urart hervorgegangen.

■ Die Evolution ist das Ergebnis von natürlicher Selektion: Jede Generation von Lebewesen bringt neue genetische Varianten hervor. Unter den Nachkommen finden sich manche, die besser mit den vorherrschenden Umweltbedingungen fertig werden als andere. Durch ihre höhere Überlebenschance hinterlassen diese mehr Nachkommen und werden schließlieh zur dominanten Form innerhalb der Spezies. Eine neue Art entsteht, wenn verschiedene Populationen lange genug voneinander isoliert sind, zum Beispiel auf einer Insel.

Dieser Prozeß verlaufe zwar nicht zielgerichtet, jedoch keineswegs zufällig oder willkürlich, betont Zoologe Mayr: „Zwar entstehen die Varianten nach dem Zufallsprinzip, aber bei der Auswahl durch Überleben werden sie keineswegs willkürlich selektiert. Es werden jene Anlagen zunehmen, die zu einer gegebenen Zeit an einem gegebenen Ort anpassungsfähig sind, die Fitness erhöhen, Spezialisierung fördern und der Ausbreitung Vorschub leisten.”

Das Beispiel der künstlichen Selektion zeigt, wie rasant evolutionäre Entwicklungen verlaufen können: Innerhalb nur weniger tausend Jahre hat der Mensch aus dem Wolf so verschiedene Hunderassen wie den Bernhardiner und den Chihuahua gezüchtet. Bei der Hühnerrasse White Leghorn ließ sich durch Züchtung die Eierproduktion binnen 32 Jahren verdoppeln. Statt Anpassung an die Um. weit zählen für den Menschen freilich (fragwürdige) ästhetische und wirtschaftliche Selektionskriterien.

Eine große Lücke in Darwins Beweisführung sei die Unkenntnis der Quelle der genetischen Variationen gewesen, schreibt Ernst Mayr. Zwar entdeckte der österreichische Augustinermönch Gregor Mendel noch zu Lebzeiten Darwins, daß es Erbanlagen gibt, die unverändert von Eltern auf die Nachkommen übergehen, doch Mendels Forschungen Wiarden erst im 20. Jahrhundert allgemein bekannt. Die Entdeckung der DNS (Desoxyribonukleinsäure), der menschlichen Erbsubstanz, durch die Molekularbiologen James Watson und Francis Crick 1953 brachte den Durchbruch auf dem Gebiet der Erblehre - und den beiden Forschern den Nobelpreis. Demnach sind Gene kur-POETISCHER REVOLUTIONÄR

Charles Darwin hat mit seiner Evolutionstheorie eine naturwissenschaftliche Revolution ausgelöst, „In der Geschichte der Wissenschaften lassen sich nur sehr wenige Gestalten finden, deren Werk derart weitreichende kulturgeschichtliche Folger zeitigen sollte”, meint der Biologe Mark Ridley, Herausgeber eines jüngst erschienen Darwin-Lesebuches. Der Naturforscher war noch vor Erscheinen seines Werkes „Über den Ursprung der Arten” weit über die Fachwelt hinaus bekannt. Darwin, der sich nach zwei abgebrochenen Studien (Medizin und Theologie) anfänglich der Geologie zugewandt hatte, veröffentlichte insgesamt 19 Bücher und zahlreiche kleinere Arbeiten.

Seine Theorie über die Entstehung von Korallenriffen löste alle früheren Theorien ab und ist bis heute anerkannt. Sein Bericht „Reise eines Naturforschers um die Welt” über die große Fahrt mit der Beagle fand eine breite Leserschaft. Auch seine vierbändige Abhandlung über die Rankenfüßer, eine Krebsart, dient noch heute als Nachschlagewerk. Darwin schrieb zumeist verständlich und gefällig, phantasiereiche und poetische Abschnitte verleihen seinen Werken Lebendigkeit. ze Abschnitte auf der DNS, einer langen, aus vier verschiedenen Grundbausteinen (Basen) aufgebauten Kette, die einer Wendeltreppe ähnelt.

Allein die sexuelle Vermehrung, wo die Erbanlagen von Mutter und Vater neu gemischt werden, garantiert eine hohe genetische Variabilität unter den Nachkommen. Eine Variation der Erbsubstanz kann auch durch eine Mutation entstehen, einen Fehler in der Aufeinanderfolge der Bausteine der DNS. Auch Änderungen in Zahl oder Organisation der Gene kön -nen zur genetischen Variation beitragen: DNS-Abschnitte können sich verdoppeln oder verlorengehen. Bei der Gen-Verdoppelung kann der neu hinzugekommene DNS-Abschnitt eine neue Aufgabe übernehmen, ohne daß eines der alten Gene seine Funktion aufgeben muß.

Es waren wohl die molekularbiologischen Erkenntnisse der letzten 30 Jahre, die den Papst dazu veranlaßten, die in der Wissenschaft mittlerweile unumstrittene Evolutionstheorie als seriös anzuerkennen. Allerdings mit Einschränkungen: Diejenigen Ansätze, „die den Geist für eine Ausformung der Kräfte der belebten Materie oder für ein bloßes Epiphänomen der Materie halten”, seien nicht mit der „Wahrheit über den Menschen vereinbar”. Gleichzeitig rief das Oberhaupt der katholischen Kirche aber auch dazu auf, sich nicht über die Erkenntnisse der Wissenschaft zu erheben oder sie zu ignorieren: „Um den Bereich ihrer Zuständigkeit klar abzugrenzen, müssen Exegeten und Theologen sich über die Ergebnisse, zu denen die Naturwissenschaften gelangen, auf dem laufenden halten.”

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