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Die Gesellschaft der Gesunden

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Der Europäer der Zukunft: Ein Mensch, der in geschlossenen Stadtlandschaften lebt, sich mit Millionen anderer Menschen in heute noch nicht konstruierten Fahrzeugen an seine Arbeitsstätte begibt, die nicht mehr eine verrußte Fabrik ist, sondern ein klinisch sauberes technisches Büro — das ist die Vision der Futurologen, jener Wissenschaftler, die sich mit der Zukunft, ihren Erwartungen und Problemen beschäftigen. Diese Futurologen sind heute schon in unzähligen wissenschaftlichen Bereichen tätig. Private und öffentliche Institutionen bedienen sich ihrer Kenntnisse und Methoden. Und was sie sagen, ist nicht Kaffeesud oder Astrologie, es sind von Computern hochgerechnete Eingaben aus unserer Gegenwart.

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Der Europäer der Zukunft: Ein Mensch, der in geschlossenen Stadtlandschaften lebt, sich mit Millionen anderer Menschen in heute noch nicht konstruierten Fahrzeugen an seine Arbeitsstätte begibt, die nicht mehr eine verrußte Fabrik ist, sondern ein klinisch sauberes technisches Büro — das ist die Vision der Futurologen, jener Wissenschaftler, die sich mit der Zukunft, ihren Erwartungen und Problemen beschäftigen. Diese Futurologen sind heute schon in unzähligen wissenschaftlichen Bereichen tätig. Private und öffentliche Institutionen bedienen sich ihrer Kenntnisse und Methoden. Und was sie sagen, ist nicht Kaffeesud oder Astrologie, es sind von Computern hochgerechnete Eingaben aus unserer Gegenwart.

Für tun Gebiet unseres zukünftigen Lebens allerdings sagen die Futurologen noch vielfach Utopisches voraus: weil „Planung“ im klassischen Wortsinn in diesem Bereich versagt: für das Feld der Humanmedizin. Kaum eine wissenschaftliche Entwicklung hat solche Vorstöße in neue Dimensionen unternommen wie die Medizin der letzten hundert Jahre.

Deutlichster Ausdruck des medizinischen Fortschritts ist das Durchschnittsalter, das die Menschen erreichen. Betrug die durchschnittliche Lebenserwartung um die Jahrhundertwende in Mitteleuropa rund 50 Jahre, so stieg sie bereits vor dem zweiten Weltkrieg auf 60 und liegt heute bei 70 Jahren (bei Männern etwas niedriger). 1988 — so schätzt man — wird die Lebenserwartung bei 80 Jahren liegen, vielleicht sogar bei 85.

Das heißt, daß der 20jährige des Jahres 1970 vielleicht einmal ein Durchschnittsalter von 100 Jahren erreichen wird, wenn die Entwicklung so weitergeht (dann schreibt man allerdings bereits das Jahr 2050). Zwar hat es in der Menschheitsgeschichte schon immer alte Menschen von über 80, 90, ja 100 Jahren gegeben, doch war ihre Zahl verschwindend gering. In Hinkunft wird der vorzeitige Tod — beginnend mit der Säuglingssterblichkeit, bis zum Tod in mittleren Jahren — immer seltener werden.

Die Periode des Alters wird nicht mehr von Bresthaftigkeit und von greisenhafter Anfälligkeit belastet sein, denn die Geriatrie — jener Zweig der Medizin, der sich mit den Alterserscheinungen beschäftigt — ist vom allgemeinen Fortschritt nicht ausgeschlossen. Die körperlich gesunden alten Menschen werden also rein zahlenmäßig zunehmen, was die Frage nach der Arbeits- und der psychischen Welt dieser Menschen aufwirft.

Denn während der gesunde und durchaus leistungsfähige Siebzigjährige arbeitslos und pensioniert ist, verschiebt sich die Kurve der Höchstleistungsfähigkeit immer mehr auf jüngere Jahrgänge. Internationale Unternehmen lassen Männer über 45 nicht mehr zur Firmenspitze aufsteigen; Manager müssen sich bereits zwischen 20 und 30 bewähren; Nachher gibt man ihnen kaum mehr Chancen. Und in der Politik sind die 30 bis 40jährigen gefragt — nicht mehr die „Männer der Erfahrung“. Dieses deutliche Mißverhältnis hat seinen Grund vor allem in einer statistischen und immobilen Arbeitswelt. Tatsächlich sind die Leistungsfähigkeit und die Ansprüche, die verschiedene Tätigkeiten an den Menschen stellen — in den verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich. Es wird daher in der Zukunft nur dann zu einer Vermeidung von Mißverhältnissen kommen, wenn neben der Berufsmobilität aus wirtschaftlichen Motiven auch eine nach medizinischen kommt.

Der Mensch der Zukunft wird in den hochindustrialisierten Ländern ein gesunder Mensch sein. In 20 Jahren wird man wahrscheinlich alle Infektionskrankheiten unter Kontrolle haben. Kinderlähmung, Tuberkulose, Syphilis, Diphtherie sind heulte bereits gebannt. Es gibt in Buiropa so gut wie keine Malaria mehr und die Grippe ist seit der Entdeckung des Impfstoffes harmlos geworden. Auch die harmlosen Erkältungskrankheiten und der Schnupfen werden eingedämmt werden können. Die spektakuläre Entwicklung der Chirurgie wird wahrscheinlich weitergehen. Die Herzverpflanzung — von der schon heute kaum noch in den Zeitungen berichtet wird — ist nur ein Symbol dafür. Man erwartet, daß die sogenannte Immunitätsschranke, die heute noch fremde, in den Körper verpflanzte Organe abstößt, in diesem Jahrzehnt überwunden wird.

Die Entwicklung geht heute allerdings dahin, Tierorgane oder auch künstliche Teile zu verpflanzen. Auch die Entwicklung der Kühltechnik erschließt für die Zukunft neue Aspekte. Denn heute können zwar Hornhaut und Sehnen tiefgekühlt gelagert werden, nicht aber andere — vor allem innere — Organe. Die Bekämpfung des Krebses ist zu einer der vordringlichsten Aufgaben der Medizin geworden. Hunderte Forscherteams sind der heimtückischen Krankheit, die zu den häufigsten Todeskrankheiten geworden ist, auf der Spur. Schon die nächsten Jahre — so erwartet man — sollen den Sieg über die Krankheit bringen. Und schließlich ist der Herzinfarkt, dem alljährlich etwa 2 Millionen Menschen zum Opfer fallen, zumindest dann, wenn er nicht sofort zum Tode führt — durch Kontrolle wieder überwindbar geworden. Elektronische Meßgeräte, die am Körper angeschlossen werden, können Arzt oder Pflegerin jederzeit über den Zustand des Patienten Aufschluß geben. Wie überhaupt der Einsatz des Computers in der Medizin eine Selbstverständlichkeit werden wird. Heute geht die Tendenz dahin, den Computer bei der Diagnose bald neben den Arzt zu stellen. Eine umfassende Gesundheitskartei der gesamten Bevölkerung wird wahrscheinlich schon in absehbarer Zeit dem Arzt jene Unterlagen verschaffen, die er bei seiner Beurteilung der einzelnen Patienten braucht. Auf diesen Computerkarten wären alle persönlichen Daten des Kranken, alle bisherigen Impfungen, Krankheiten und Befunde gespeichert. Der Arzt hätte nur noch die Symptome in den Computer einzugeben, und schon würde nach dem Grundsatz der größten Wahrscheinlichkeit die Krankheit des Patienten ermittelt werden können.

Solche Utopien sind keinesfalls unerprobt. Man ermittelte bei Versuchen, die in den USA im Zusammenwirken von elf Universitäten gemacht wurden, daß die Datenverarbeitungsanlage mehr als 90 Prozent richtiger Diagnosen — auf allen Fachgebieten — liefern konnte, einen Prozentsatz also, den auch sehr erfahrene Mediziner (auf ihrem eigenen Fachgebiet) relativ selten erreichen.

Durch den Einsatz der Elektronik könnten auch ohne Schwierigkeiten obligatorische Gesundenuntersuchun-gen ermöglicht werden. Zentrale nationale Datenbanken könnten dann um so leichter alles Wichtige über den Patienten aussagen. Der bewußtlos Eingelieferte könnte jederzeit versorgt werden und könnte sogar bei einer Erkrankung im Ausland auf Grund der Meldung seiner „Karte“ ohne Voruntersuchung behandelt werden. Über den Computer könnten darüber hinaus Medikamente auf wirklich breiter Basis erprobt werden. Man könnte ohne Schwierigkeiten Zusammenhänge aufdecken, die zwischen der Einnahme von Arzneien und gewissen Nebenerscheinungen bestehen. Man könnte etwa exakt festhalten, ob nun gewisse Pillen und Tabletten zu Schwangerschaftsstörungen oder zu Deformationen des Kindes führen oder nicht

Schließlich wird der Unfallverhütung in der Zukunft ein größeres Augenmerk zuzuwenden sein. Es wird sich herausstellen, daß einfache Sicherheitsvorkehrungen billiger kommen als teure Behandlungen. Und es ist zu erwarten, daß die Gesetzgebung hier möglichst bald umfassend reagiert. Denn bald könnte — vor allem durch die Zunahme des Verkehrs — der Unfall zur Todesursache „Nummer eins“ werden. Nicht mehr von der Hand zu weisen aber sind auch kollektive Heilver-Photo: ouror fahren, die bereits in der Praxis erprobt wurden. So ist die Beimengung gewisser Substanzen in das Trinkwasser ganzer Städte schon üblich. Der Wirkstoff Fluor etwa verhindert Kariesbildung. Die (harmlose) Beimengung von Fluor ins Trinkwasser könnte somit zur Eindämmung, ja Beseitigung von Zahnerkrankungen führen. Noch utopischer sind Pläne, gewisse Fehlverhaltensformen in der Psyche des Menschan auf diese Weise zu regulieren — etwa den Abbau des Aggressions-triebes zu ermöglichen.

In solchen Bereichen allerdings scheint auch die Bedrohung der geistigen menschlichen Existenz durch Manipulation nicht nur möglich, sondern leider sehr wahrscheinlich!

Alle Erwartungen der Zukunft gipfeln in einer Forderung: Vorrang für die Gesundheitspolitik und für alle damit zusammenhängenden Fragen. Denn die Gesellschaft ist sich heute der auf sie zurollenden Probleme noch gar nicht recht bewußt. In Österreich hat der medizinische Fortschritt schon immer eine Heimstätte gehabt, wenngleich die mangelnden finanziellen Mittel den Vorstoß zur Spitze der Humanmedizin nicht mehr zulassen. Auf dem Gebiet der Früherken-nung (etwa durch Krefosunter-suchungen und durch die Diabetis-Früherkennung) sind aber auch schon hier Schritte nach vorwärts getan worden. Impfaktionen und Reihenuntersuchungen zeigen schon heuite Erfolge. Die Lebenserwartung steigt auch in Österreich unaufhaltsam.

Daneben freilich graseiert der Ta-blettenmißbrauch (hervorgerufen durch ein verfehltes Krankenkassen-system), ist die ärztliche Versorgung in regionaler und beruflicher Hinsicht sehr unterschiedlich, bat Österreich zuwenig Spitäler, zuwenig Altersheime, zu wenig Pflegepersonal.

Elf Bezirke Österreichs sind ohne eigenes Spital; die Entfernung zum nächsten Krankenhaus etwa in Imst, Rohrbach oder Murau ist unvertretbar groß. Viele Spitäler sind zu klein.

In der Säuglingssterblichkeit halten einige Bundesländer Negaittvrekorde. In Kärnten liegt die Säuglingssterblichkeit noch immer um 4,5 Prozent über dem Österreichdurch-sohnitt, in der Steiermark um 33 Prozent.

In Wien entfällt auf 1356 Menschen ein Zahnbehandler, im Burgenland auf 3746, in der Steiermark auf 4021. Den Rekord hält Neusiedl (Burgen-land), wo 5000 Einwohner auf einen Zahnbehandler entfallen. In diesem Zusammenhang muß es als unvertretbares Standesdenken angesehen werden, wenn die Ärztekammer Studenten davor warnt, das Medizinstudium zu ergreifen. Was wir in der Zukunft, bedingt durch den ärztlichen Fortschritt, brauchen werden, sind mehr und mehr besser ausgebildete Ärzte. Die Gesellschaft der Zukunft wird gerade zufolge der Technisierung der Medizin auf dein Arzt nicht verzichten können.

Österreich muß auch eine neue Strukturbereinigung im Kranken-hauiswesen vornehmen. Zu viele Kleinkrankenhäuser mit zu vielen Abteilungen für zu viele Patienten sind eine unerfreuliche Realität. Das Raumordnungkonzept der Bundesregierung empfiehlt, nur in den Bezirken Kleinkrankenhäuser einzurichten, Normalkrankenhäuser mit den vier Hauptabteilungen in den Zentren mittlerer Stufe und Großkrankenhäuser nur in den Landeshauptstädten.

Was aber ebenso vordringlich scheint ist die völlige Umstellung unseres Krankenkassenwesens. Der heutige Zwangsversicherte erhält zwar — überspitzt formuliert — sein Aspirin gratis, die teure, langwierige Behandlung mit kostspieligen Medikamenten aber muß er selbst bezahlen. Aus dem Risikoprinzip ist ein kollektives Versorgungsprinzip geworden, das die Wartezimmer der Ärzte füllt und den Arzt mit Papierkrieg belastet, dem Versicherten aber keinen Schutz vor den schweren Wechselfällen des Lebens gewährt. Gelingt hier keine Reform, so muß damit geredinet werden, daß wir den Anschluß an die Entwicklung der Zukunft verlieren und über kurz oder lang in eine nationale Misere geraten. Der Bund, die Länder und Gemeinden müßten sich darüber hinaus auf ein Konzept einigen, daß die Krankenhäuser und Heime optimal aufeinander abstimmt und den Einsatz der Mittel planvoll ermöglicht. Denn die Medizin der Zukunft wird Geld, Geld und nochmals Geld kosten.

Dem Gesetzgeber erwachsen neue Aufgaben auf allen Gebieten: denn immer mehr Bereiche des täglichen Lebens müssen in ein Gesundheitskonzept eingeordnet werden: Umwelt, Lebensmittelgesetzgfibung, Bekämpfung der Verunreinigung von Wasser und Luft, Förderung von Hygiene und Sport. Das Humanprogramm der SPÖ und ein Konzept der „Aktion 20“ der ÖVP haben Vorschläge in dieser Richtung erstattet. Es gilt, die Zukunft nicht nur auf dem Papier zu gestalten, sondern sie in Österreich auch zu realisieren.

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