7130322-1997_22_14.jpg
Digital In Arbeit

Die Krankheit an der Wurzel packen

DIEFURCHE Sie haben sich als praktischer Arzt auf Naturheilverfahren spezialisiert. In welchem Verhältnis steht die sogenannte Alternativmedizin zur Schulmedizin?

Thomas G. Kroiss: Die Schulmedizin ist in ihrem Wesen eine Akutmedizin. Sie ist darauf ausgerichtet, daß es dem Patienten schnell bessergeht. Er bekommt Antirheumatika, Tabletten für den Magen - was auch immer. Damit werden meist nur die Krankheitssymptome behandelt, nicht aber die Ursache. Wenn jemand bei Gastritis ein Medikament bekommt, um die Magenschleimhaut zu überschichten, ist das keine ursächliche Behandlung. Die Alternativmedizin - ich sage dazu lieber Naturmedizin oder Ganzheitsmedizin - versucht dagegen, die Krankheit an der Wurzel zu packen. Erst dann beginnt man als Arzt, wirklich Medizin zu betreiben und nicht Phar-maverschreibung.

DIEFURCHE „Naturmedizin” klingt doch ein bißchen nach Omas Hausmittelchen im Gegensatz zur Medizin als Wissenschaft... kroiss: Naturmedizin ist laut Brockhaus „die Lehre der Krankheitsbehandlung, die auf die Steigerung der dem Thomas G. Kroiss Menschen innewoh-nenden Naturheilkräfte (Selbstheilungskräfte) hinzielt. Diese müssen unterstützt und krankheitsfördernde Faktoren ausgeschaltet werden.” Die Naturmedizin wirkt in die gleiche Richtung, wie es der Organismus mit seiner eigenen Abwehr-kraft tut. Und das soll unwissenschaftlich sein?

DIEFURCHE Und wofür steht der Begriff,, Ganzheitsmedizin ”? kroiss: Zum einen geht es darum, den ganzen Menschen und sein Umfeld, also das Gesamtsystem zu betrachten und nicht nur das isolierte Krankheitsgeschehen. Der zweite mir sehr wichtige Aspekt ist ein rein medizinischer. Wenn jemand Kopfschmerzen

Thomas G. Kroiss, praktischer Arzt in Wien und Leiter der Osterreichischen Gesellschaft für ganzheitliche Medizin, im FüRCHE-Gespräch. hat, muß die Ursache nicht im Kopf liegen. Auch Verstopfung, Magenbeschwerden, Vitaminmangel oder eine Beinlängendifferenz können die Ursachen sein. Es gibt Zusammenhänge innerhalb des gesamten Organismus, die der Arzt erkennen muß, um Krankheiten wirklich ausheilen zu können.

DIEFURCHE Warum werden diese Zusammenhänge Ihrer Ansicht nach in der Schulmedizin zu wenig berücksichtigt? kroiss: Vielleicht liegt das an unserer schnellebigen westlichen Welt. Der Patient will, daß ihm schnell geholfen wird - also gibt ihm der Arzt eben irgendein Medikament. Das Sozialversicherungssystem schöpft das Geld ab, die Arzte bekommen etwas, etwas fließt in die Administration, und der Rest geht direkt zur Pharmaindustrie. Sie und nicht der Arzt ist es, die eigentlich das Schiff lenkt. Außerdem ist unser System leider darauf ausgerichtet, nur das absolut Notwendige zu machen und erst dann einzugreifen, wenn der Gesundheitszustand wirklich ganz unten ist.

Daher kann sich die Schulmedizin gar nicht anders entwickeln als zu einer Akutmedizin. Ich behaupte: Medizin als Wissenschaft auf dem chronischen Sektor gibt es nicht. Es gibt nur eine Pharmawissenschaft auf dem chronischen Sektor. Und der Arzt degradiert sich dabei zum Hobby-Phar-mavertreter.

DIEFURCHE Wie geht der Ganzheitsmediziner an die Sache heran? kroiss: Das wichtigste ist, zu erkennen, was im Körper abläuft. Das Wort „Diagnose” bedeutet „die Krankheit durchschauen” - und nicht bloß, ihr einen lateinisch-griechischen Namen zu geben. Eine Krankheit besteht immer aus einem schädlichen Einfluß und der Reaktion des Organismus -also zum Beispiel dem Virus und dem Fieber, der Entzündung, dem Schmerz. Man kann entweder versuchen, das Virus zu bekämpfen, oder aber das Abwehrsystem ankurbeln und so dem Körper helfen, sich selbst zu helfen.

DIEFURCHE Letzteres ist aus der Sicht der Ganzheitsmedizin sinnvoller? kroiss: Es nützt immer, auch dann, wenn der Feind unbekannt ist. Wenn jemand mit unklaren Symptomen ins Spital kommt, wird dort meist endlos nach einem Virus gesucht. Findet man nichts, heißt es: „Tut uns leid”. In der Naturmedizin dagegen werden die Selbstheilungskräfte angekurbelt, und plötzlich kann der Organismus selbst den schädlichen Einfluß überwinden, und der Patient wird gesund. Durch Abwehrsteigerung, Entgiftung und ähnliches können wir viel bewirken, selbst wenn wir den Krankheitserreger nicht kennen.

DIEFURCHE Die Bekämpfung der Krankheitssymptome, der Beschwerden des Patienten steht eher im Hintergrund? kroiss: Bevor man sich um die Symptome kümmert, muß der Gesundheitszustand insgesamt verbessert werden. Ich nenne das „Basisregeneration”, und sie funktioniert bei jedem, weil jeder im täglichen Leben irgendwelche Fehler macht, zum Beispiel durch denaturierte Ernährung. Werden diese Fehler korrigiert und die Selbstheilungskräfte angeregt, verbessert sich der Gesamtzustand, und der Körper kann besser auf Therapien ansprechen.

DIEFURCHE Mit Suggestion oder Einbildung hat das nichts zu tun' kroiss: Wer das behauptet, argumentiert wirklich unwissenschaftlich.

DIEFURCHE: Wie breit ist das Methodenspektrum in der Ganzheitsmedizin?

KROISS: Sehr breit. Die größte Schwierigkeit dabei ist, daß vieles angepriesen wird und man zunächst nicht weiß, was davon wertvoll ist und was nicht.

DIEFURCHE Erfordert nicht die Methodenauswahl jenseits des wissenschaftlich Erwiesenen vom Arzt noch mehr Vzrantwortungsbewußtsein? kroiss: „Wissenschaftlich erwiesen” bedeutet nicht viel. Ob etwas wissenschaftlich nachgewiesen wird, hängt vor allem davon ab, ob jemand bereit ist, für diesen Nachweis zu zahlen. Richtig ist aber, daß manche Ärzte unter dem Titel „Naturheilkunde” Dinge tun, die tatsächlich wirkungslos sind. Das ist das Schlimme daran.

DIEFURCHE: Wie ziehen Sie für sich selbst die Grenze? kroiss: Was zu weit ins rein Geistige, Esoterische hineingeht, ist nicht meine Sache, weil es nicht die gewünschten raschen Ergebnisse bringt. Krankheiten haben meist körperliche Ursachen. Hier muß angesetzt werden, um kurz- bis mittelfristig konkrete Erfolge zu erzielen.

DIEFURCHE: Immer mehr Arzte wenden sich ganzheitlichen Methoden zu - und haben damit belegbare Erfolge. In die medizinische Lehre finden diese Methoden dennoch kaum Eingang. Woran liegt das? kroiss: Mit anderen Ärzten darüber zu diskutieren, habe ich längst aufgegeben. Ich wollte mich dann an die Studenten wenden und habe ein Skriptum verfaßt - es wurde nicht gekauft. Prüfungen zu machen ist beim Studium leider oft wichtiger als Zusammenhänge verstehen. Jetzt lesen mein Skriptum eben die Patienten. Immer mehr Patienten fordern heute ganzheitliche Behandlungsmethoden, und das ist gut so. Das ist der beste Weg zur Anerkennung.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau