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Die unheimliche Faszination des Planeten Mars

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Weltraumforscher Siegfried J. Bauer über die gelüfteten Geheimnisse des roten Planeten Mars, die Weltraumstation MIR und die umstrittene Mission zum Saturn. Bauer ist Abteilungsleiter am Grazer Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und langjähriger NASA-Mitarbeiter.

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Weltraumforscher Siegfried J. Bauer über die gelüfteten Geheimnisse des roten Planeten Mars, die Weltraumstation MIR und die umstrittene Mission zum Saturn. Bauer ist Abteilungsleiter am Grazer Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und langjähriger NASA-Mitarbeiter.

DIEFURCHE: Die erfolgreiche Landung des NASA-Roboters „Pathfinder” im Juli auf dem roten Planeten Mars hat viel Aufsehen erregt Nun hat auch die Mars-Sonde „Mars GlobalSurveyor” - das zweite große Mars-Projekt der NASA - planmäßig in der Umlaufbahn des Mars ihren Betrieb aufgenommen Sie waren als einziger Oster-reicher im NA SA-Zentrum, als die ersten Daten von der Mars-Sonde eingetroffen sind Wie war dort die Stimmung?

Siegfried J. Bauer: Großartig. Ks war ein einzigartiges Erlebnis. Das haben wir natürlich gleich mit Champagner begossen.

DIEFURCHE: Welche Aufgaben hat dieser Satellit'

BAUER: Der Satellit ist für eine ganze Reihe von Untersuchungen vorgese hen. Er erforscht beispielsweise die Bodenbeschaffenheit, die mineralische Zusammensetzung des Planeten und die Atmosphäre. Meine Untersuchungen beschränken sich auf die Frage, ob der Mars ein Magnetfeld besitzt. Diese Untersuchungen wurden bereits durchgeführt, weil der Satellit in einer extrem elliptischen Bahn angeflogen ist und dadurch bis auf 100 Kilometer an die Marsoberfläche herangekommen ist. Bis zum März nächsten Jahres wird die Umlaufbahn durch die atmosphärische Reibung immer kreisförmiger. In dieser kreisförmigen Bahn kommt der Satellit natürlich nicht mehr so nahe zur Oberfläche. Jetzt können wir bereits mit den ersten Daten, die soeben vom Mars gesendet worden sind, mit Gewißheit sagen: Ja, der Mars hat ein Magnetfeld, aber nur ein sehr schwaches. Ich persönlich habe diese Meinung schon seit 1973 vertreten. Aber bisher war noch kein Satellit dem Mars nahe genug, um diese Theorie zu beweisen. Das Magnetfeld ist allerdings im Gegensatz zu jenem auf unserer Erde höchst komplex und durcheinander. Mit einem Kompaß könnte man dort nichts anfangen.

DIEFURCHE: Warum ist das Magnetfeld anders als auf der Erde? Bauer: Es spricht einiges dafür, daß der Mars, im Gegensatz zur Erde, sein Magnetfeld heute nicht mehr erzeugt. Da die Erde einen flüssigen metallischen Kern, also einen Leiter besitzt, entsteht durch die Botation um die eigene Achse, ein Magnetfeld. Beim Mars ist es nur mehr übriggebliebener Magnetismus im Krustengestein. Der Mars dreht sich zwar auch um seine Achse, aber wir vermuten, daß das Innere des Mars bereits erstarrt ist. Das ist für uns sehr interessant, weil es bedeuten würde, daß der Mars vielleicht vor vier Milliarden Jahren ein sehr viel stärkeres Magnetfeld gehabt haben muß. Wann also ist der Mars inaktiv geworden? Viel hängt damit zusammen: Hat es einmal eine größere Atmosphäre, einmal Wasser gegeben? Vielleicht konnte ein stärkeres Magnetfeld früher verhindern, daß sich die Mars-Atmosphäre in das All verflüchtigt hat. Wir wissen heute nur, daß der Mars kalt ist und wenig Atmosphäre besitzt. Im Prinzip geht es um die Frage: Waren die Umweltbedingungen auf dem Mars einmal geeignet, primitives Leben hervorzubringen? Daß sich primitives Leben in der ersten Milliarde Jahren entwickelt hat, ist nicht unwahrscheinlich.

DIEFURCHE: Warum ist ein Magnetfeldfür die Entwicklung von Leben so wichtig? bauer: Wenn der Mars einmal ein stärkeres Magnetfeld besessen hat, war er auch besser gegen die kosmische Strahlung geschützt, weil sie durch das Magnetfeld abgelenkt wird. Die harte Teilchenstrahlung verursacht Mutationen und ist daher für Lebewesen äußerst schädlich. Das ist ja auch das Problem für Menschen bei Baumflügen.

DIEFURCHE: Wie hoch ist Ihrer Einschätzung nach die Wihrscheinlich-keit, daß es noch heute Leben auf dem Mars gibt' Bauer: Ich bezweifle sehr, daß es heute noch Leben auf dem Mars gibt. Aber daß wir Spuren von primitiven Leben finden werden, das vor über drei Milliarden Jahren existiert hat, das glaube ich eher.

DIEFURCHE: Warum bemühen sich die Wissenschafter so sehr um die Erforschung des Mars?

Bauer: Es geht eine unheimliche Faszination von diesem Planeten aus. Das ist gewiß nicht ganz unbegründet. Denn der Mars ist nach der Erde sicherlich der Hauptkandidat für Leben in unserem Sonnensystem. Auch Wasser ist vorhanden, wenn auch nur als Eis auf den Polkappen und unter der Oberfläche. Es gibt Menschen, die meinen, wir sind wirklich alleine, unsere Erde ist etwas Besonderes. Aber stellen Sie sich vor, wenn sich sogar gleich zweimal in unserem Sonnensystem Leben entwickelt hätte, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daß sich in anderen Sonnensystemen auch Leben entwickelt hat, sehr hoch.

DIEFURCHE: Glauben Sie, daß wir alleine im Weltall sind? Bau kr: Ich glaube es eigentlich nicht. Aber ich würde sagen, aufgrund der Entfernungen werden wir einander nie treffen, auch wenn sich technologische Zivilisationen entwickelt hätj ten. Die ganze Erforschung des Mars und die Konzentration auf diesen Planeten in den nächsten Jahren hat alles mit der Frage nach dem Ursprung des Lebens zu tun; die Möglichkeit, Leben außerhalb der Erde nachzuweisen, sei es auch nur primitives, wie etwa Bakterien. Wissenschafter definieren in jedem Sonnensystem Zonen, in denen Leben möglich wäre. In unserem Sonnensystem liegen die Erde und der Mars in dieser Zone, und auf beiden hat sich wahrscheinlich Leben entwickelt. Die Evolution am Mars ist aber anscheinend irgendwann abgedreht worden.

DIEFURCHE: Themenwechsel zu einem andern aktuellen Weltraum-Dauerbrenner. Was halten Sie von der Raumstation „MIR”? Kann sie sich Ihrer Einschätzung nach noch längere Zeit im Weltraum halten, oder ist die MIR bereits ein Schrotthaufen? bauer: Ich würde das wirklich nicht als Schrotthaufen bezeichnen. Die MIR ist jetzt bereits über zehn Jahre im All. Daß dabei auch einmal etwas kaputt geht, ist verständlich. Sie ist sicherlich reparaturbedürftig, das ist keine Frage. Aber sie ist derzeit in einer sicheren Höhe, und es besteht keine Gefahr.

DIEFURCHE: Apropos Gefahr. Stimmt es, daß es im Weltall bereits soviel Weltraumschrott gibt, daßfür Satelliten und Raumsonden die Gefahr besteht, mit diesem zusammenzustoßen? Bauer: Ja, das stimmt. Ich habe selbst einige Studien darüber gemacht. Am bedenklichsten ist es in der geosta-tionären Bahn, wo unsere Kommunikationssatelliten stehen.' Das ist eine sehr enge Bahn. Wenn heute ein neuer Satellit dort stationiert werden soll, dann müssen diese Satelliten mit einem zusätzlichen Triebwerk ausgerüstet sein, um sie aus dieser Bahn hin-auszumanövrieren, falls sie nicht mehr funktionstüchtig sind. Sonst wird es früher oder später zu einem Zusammenstoß kommen. Aber es gibt natürlich viele, viele kleine Teilchen, manchmal nicht größer als ein paar Millimeter. Man hat zum Beispiel in einem Fenster eines Weltraum-

Shuttles Farbsplitter von einer Rakete gefunden. Und es gibt einige direkte Hinweise, daß die Funktion von Nachrichtensatelliten durch Solche kleinen Zusammenstöße gestört wurde. Jedoch sind alle Teilchen, die größer als zehn Zentimeter sind, von der Erde aus erfaßt.

DIEFURCHE: Noch einmal Themen-wechsel Derzeit gibt es, vor allem in den USA, starken Protest wegen einer Sonde, die zum Saturn geschickt werden soll Sie hat zur Energieversorgung Plutonium dabei (siehe FUR-CHENr.40,Seitel). Bauer: Natürlich verwendet auch die amerikanischeuropäische Cassi-ni-Huygens-Mission zum Planeten Saturn und dessen Mond Titan Plutonium für die Beaktoren zur elektrischen Energieversorgung. Es handelt sich dabei um 32 Kilogramm Plutoniumdioxid. Das Grazer Institut ist übrigens an einigen Experimenten dieser Mission beteiligt. Bei jedem Baumfahrzeug, das man weiter als bis zum Mars schickt, braucht man Plutonium. Wo soll es sonst die Energie hernehmen? Da brauchte man kilometerlange Sonnensegel. In der Saturnnähe ist die Verwendung von Solarzellen wegen der geringen Inten sität der Sonnenstrahlung eben nicht möglich.

DIEFURCHE: Wenn etwas passieren würde, wiegro/3 ist dann die Gefahrfür die Erde?

Bauer: Im Prinzip bestehen zwei Unfallrisiken. Die erste große Gefahr besteht darin, daß es beim Start zu einer Explosion kommt. Aber auch da haben Wissenschafter ausgerechnet, daß nicht das ganze radioaktive Material austreten würde beziehungsweise der keramische Schutzmantel gar nicht aufbrechen würde. Die zweite Gefahr besteht, wenn die Sonde 1999 an der Erde vorbeifliegt (Anm. d. Bed.: Die Sonde wird die Venus umkreisen und danach wieder bei der Erde vorbeikommen, um sich durch die Erdanziehung neuen Schwung für den Flug zum Saturn zu holen) und dabei in der Erdatmosphäre verglühen sollte. Dabei könnte es zu einer Pulverisierung des Plutoniums kommen. Dies ist jedoch höchst unwahrscheinlich, da die Distanz der Sonde zur Erde beim Vorbeiflug von 300 auf 800 Kilometer erhöht wurde. Dadurch ist die Sonde weit weg von der Atmosphärenreibung.

Eine Risikoanalyse für diese absolut schlimmste, allerdings höchst unwahrscheinliche Katastrophe ergibt eine Zahl von etwa 2.000 Krebs-toten über eine Periode von 50 Jahren. Aber schauen Sie, alle russischen Militärsatelliten verwenden Plutonium zur Energieversorgung, sogar in den Erdsatelliten. Da hat sich bisher niemand aufgeregt. Für mich ist das ganze nur Hysterie - und eine politische Sache. Das beruht auf einem amerikanischen Gesetz, das besagt: Die Ausfuhr von radioaktivem Material kann nur über die Unterschrift des Präsidenten erfolgen. Das Weiße Haus wird jetzt mit Protesten bombardiert. Wenn etwas passieren würde, dann liegt die Verantwortung beim Präsidenten. Aber ich glaube schon, daß der Start, der jetzt für den 13. Oktober festgelegt worden ist, genehmigt wird, und soweit ich informiert bin, hat der Präsident bereits unterzeichnet. Denn wenn die Sonde nicht bis Anfang November startet, dann ist die nächste gute Möglichkeit erst wieder in einigen Jahren, und dann kann man das ganze vergessen -und damit etwa 1,5 Milliarde US-Dollar.

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