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Eine neue Epoche beginnt

Die Sonne ist für menschliche Maßstäbe ein ziemlich ineffizientes Kraftwerk. Die Kernfusion, durch die in dem glühenden Feuerball Energie freigesetzt wird, ist ein physikalisch wenig wahrscheinlicher Vorgang: Mehrere Millionen Jahre können vergehen, bis sich in einem Stern zwei Wasserstoffatome bequemen, zu einem Heliumatom zu verschmelzen. Die Sonne jedoch ist so groß, daß dies oft genug passiert, um jene Energie zu produzieren, die auf unserem Planeten das Leben gedeihen läßt.

Seit den fünfziger Jahren versuchen Forscher, das Sonnenfeuer auch auf der Erde zu entfachen: Kraftwerke auf Basis der Kernfusion könnten einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung der Menschheit leisten, argumentieren sie. Die unkontrollierte Kernfusion brachte der Mensch schon des öfteren zustande: Wasserstoffbomben basieren auf der Kernfusion. Doch die gesteuerte Kernfusion zum Zweck der Energiegewinnung mag nicht so recht gelingen.

Die vielversprechendste Methode, mit der die Wissenschaftler eine kontrollierte Fusion herbeizuführen versuchen, [basiert auf dem Prinzip des magnetischen Einschlusses (siehe Kasten): Eine Wolke aus schwerem Wasserstoff wird in einem kreisförmigen Magnetfeld eingefangen und wie in einem Karussell immer mehr beschleunigt. Schließlich entstehen durch die hohe Geschwindigkeit Temperaturen von über 100 Millionen Grad, die Voraussetzung für eine Kernfusion sind.

Bisher ist auf diese Art erst im „Joint European Torus" (JET) in Abington, Großbritannien, und in einem ähnlichen Versuchsreaktor im amerikanischen Princeton für wenige Sekunden der Fusionsprozeß ausgelöst worden.

Die Fusionsforschung ist im Laufe der Zeit derart kostspielig geworden, daß sie fast nur mehr durch internationale Zusammenarbeit fmanzierbar

ist. Der geplante Internationale Thermonukleare Experimental-Beaktor ITEB wird deshalb von der Europäischen Gemeinschaft zusammen mit Japan, Bußland und den USA errichtet. 100 Milliarden Schilling soll das Projekt kosten.

Im letzten Herbst allerdings kürzte der US-Kongreß die Mittel für die Fusionsforschung um ein Drittel. Und Anfang Mai veröffentlichte das britische Wissenschaftsmagazin „Nature" den Bericht eines Wissenschaftlergremiums an die zuständige EU-Kommissarin Edith Cresson. Die hundert hochrangigen Experten empfahlen einen Strategiewechsel: Nicht mehr in Mammut-Projekte wie ITEB, sondern in Grundlagenforschung sollten die vorhandenen finanziellen Mittel investiert werden. „Die Kernfusion, die schon viele Milliarden verschlang, kommt nicht voran", verkündete daraufhin „Der Spiegel". Die „Fusionsgemeinde" stünde vor einem „Debakel", ätzte das deutsche Nachrichtenmagazin.

Hannspeter Winter, Vorstand des Instituts für Allgemeine Physik an der Technischen Universität Wien, sieht das anders: „In der Fusionsforschung geht eine Epoche zu Ende". In den letzten zehn Jahren habe die Fusionsforschung große Fortschritte gemacht, beteuerter: Die Fusion auf Basis des magnetischen Einschlusses sei im Prinzip erforscht.

In Österreich steht eine Wende bevor

Die Forschung stünde nun vor ganz anderen Aufgaben, erklärt der Physiker: Das Material, aus dem Fusionsreaktoren bestehen, würde durch ständigen Neutronenbeschuß gewissermaßen mechanisch abgenutzt und radioaktiv verstrahlt. Die näohsten zwanzig Jahre sollten nun für die Suche nach neuen Materialien verwendet werden. „Dabei ist nicht mit Sicherheit gesagt, daß dieses Problem auch gelöst wird", räumt Winter ein.

Den Ratschlag des EU-Gremiums, mehr Grundlagenforschung zu betreiben, interpretiert Winter als „Selbsterhaltungstrieb der Forscher". Jene, die in Hinkunft nichts mehr beizutragen hätten, kämen in existentielle Bedrängnis: Schließlich leben Forscher von ihren Projekten. Aber wer könnte schon etwas gegen Grund -

lagenforschung einwenden? Und Grundlagenforschung findet vor allem auf nationaler Ebene statt, wie auch Peter Fricker, Generalsekretär der European Science Fondation, bestätigt.

Eine aridere Methode, Atomkerne miteinarider zu verschmelzen, ist die Trägheitsfusion. Dabei werden wenige Millimeter große, mit schwerem Wasserstoff gefüllte Kapseln mit Laser- oder Ionenstrahlen erhitzt und auf Tausendstel des ursprünglichen Volumens komprimiert, bis schließlich die Kernfusion in Gang kommt.

Dieses vor allem in den USA praktizierte Verfahren dient allerdings hauptsächlich der Kriegsforschung. Die winzigen Kapseln sind nichts anderes als Mini-Wasserstoffbomben, die perfekte Simulationsmodelle für die vernichtenden Sprengsätze abgeben. Da wahrscheinlich ein weltweites Verbot von Atomtests bevorsteht, fördern die Amerikaner nun verstärkt die Trägheitsfusion. Die radikalen Einschnitte im amerikanischen Fusionsprogramm betreffen denn auch nur die Versuchte auf Basis des magnetischen Einschlusses, nicht aber die Trägheitsfusion.

„Den Bürgern wird eingeredet, daß dabei der zivile Nutzen überwiegt", empört sich Hannspeter Winter. Dieser jedoch mache nur etwa ein Zwanzigstel der Ergebnisse der Trägheits-fusionsforschung aus. Überdies sei die Fusion mittels Laser und Ionenkanonen zehnmal weniger ertragreich als das Konkurrenzverfahren, erklärt der Physiker.

In Osterreich bahnt sich eine Wende in Sachen Fusionsforschung an: Seit Oktober des vorigen Jahres lag

ein unterschriftsreifer Vertrag, den die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit der Europäischen Atomgemeinschaft EUBATOM ausgehandelt hatte, auf Eis. In den nächsten Tagen jedoch wird das Wissen-Schaftsministerium den Assoziationsvertrag an das Europäische Fusionsprogramm prüfen und wahrscheinlich grünes Licht geben. „Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es keine Einwände gegen den Vertrag geben", sagt Wolfgang Fingernagel, der Sprecher von Minister Budolf Schölten im Gespräch mit der furche.

Sinnlose Großprojekte?

Schon haben die Grünen eine parlamentarische Anfrage zu diesem Thema eingebracht. Denn die kleinste Parlamentspartei hat sich stets vehement gegen die Kernfusion ausgesprochen. Die Grünen lehnen

Großprojekte, die Unsummen verschlängen, ab. Anstatt dessen solle man sich intensiver mit Formen nachhaltiger Energienutzung wie etwa Solar- und Windenergie widmen, wie Energiesprecherin Monika Langthaler, gegenüber der furche erklärt.

Hannspeter Winter sieht zwischen Kernfusion und alternativen Energieformen kein Konkurrenzverhältnis: Mit der Kernfusion könne man hochwertige Energie für die Industrie produzieren, für Haushalt und Verkehr sei dies nicht sinnvoll. Diese Formen der Energieerzeugung seien auch mittlerweile gut erforscht, man müsse sie lediglich in die Praxis umsetzen. Und während mit einem funktionierenden Fusionsreaktor erst in Jahrzehnten zu .rechnen. ,sei, müsse das, Problem der durch die Energiegewinnung bedingten C02-Zunahme in der Atmosphäre schon jetzt in Angriff genommen werden.

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