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Einer gegen den Aufschub

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Welt kann gerettet werden. Und wie? Denkverbote aufheben, Unvorstellbares vorstellen, Endlichkeit endlich zur Kenntnis nehmen, Erforderliches nicht mehr aufschieben. Und das Ganze mit Humor und Ironie. Bereits drei Bücher lang kämpft der Nachhaltigkeitsmanager Fred Luks darum, Weltrettung in Worte zu fassen. Paradox: Es gelingt.

Fred Luks will, was sonst, überzeugen. Weniger der Selbstvergewisserung wegen als vielmehr um der Weltrettung willen. Diese duldet, erraten, keinen Aufschub. Damit ist aber nicht weiterer Beschleunigung, ganz im Gegenteil, der Entschleunigung das Wort geredet. In Begegnungen und in Büchern pflegt Fred Luks, wenn er denn am Wort ist, wohldosierte Regenschauer prasseln zu lassen. Begriffe sprudeln, Zitate fließen, Gedankenströme mäandern durch die Landschaft gegenwärtiger Themenlagen. Nach der Endlichkeit und der Transformation hat er sich des Aufschubs angenommen.

Mit Endlich im Endlichen schrieb Luks im ersten der - der Farbe des Umschlages zufolge - "weißen Bücher“ gegen die auf Unendlichkeit angelegten Prozesse in einer endlichen Welt an. Dieser Gedanke prägt auch das soeben erschienene dritte, Irgendwas ist immer. Zur Politik des Aufschubs. Im zweiten Büchlein dieser Reihe, Lost in Transformation? Weltrettungs-ABC nach Fukushima, verarbeitete Luks die "Fassungslosigkeit“ über das Reaktorunglück im japanischen Fukushima. Mit Irgendwas ist immer, seinem dritten, jetzt ebenfalls im Metropolis-Verlag erscheinenden Buch, nimmt er die Prokrastination, die "Aufschieberitis“ ins Visier: "Prioritätensetzung zu Lasten sozialer und ökologischer Ansprüche und langfristiger Zielsetzungen sind markante Kennzeichen der Politik des Aufschubs.“

Nachhaltigkeit wurde zu Tode zitiert

Im "Umfeld von Beliebigkeit und Allzuständigkeit“ sei es "vielleicht besonders einfach, Dinge aufzuschieben, zu prokrastinieren“, schreibt Luks unter dem Buchstaben P im Kapitel Politik?! Denn die Politik, die handle zwar, doch "sehr große Ankündigungen kontrastieren mit sehr wenig effektiven Handlungen“. Also lauteten die Fragen, was die Politik tue, ob dies ausreichend, ja, ob dies überhaupt das Richtige sei? "Da kann man Zweifel haben, ob die Dinge zum Beispiel mit Blick auf das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie in die richtige Richtung laufen“, gibt er sich und seinem Publikum die Antwort. Warum das so ist? Es werde "unglaublich viel“ von Nachhaltigkeit, von Generationengerechtigkeit gesprochen. Die Folge davon? "Ende 2011 ist es Gewissheit statt Vermutung: die Nachhaltigkeit ist nahezu totzitiert worden“, befindet Luks.

Die Nachhaltigkeit habe sich von einem "anspruchsvollen Reformbegriff“ zu einem "gehaltlosen Plastikwort“ gewandelt: "Sich zur Nachhaltigkeit zu bekennen, ist für politisch und unternehmerisch handelnde Personen gefahr- und folgenlos möglich.“

Also wird aufgeschoben. Aufschub bedeute doch unter anderem, "dass man sich vornimmt, etwas, das fällig ist, später zu tun.“ Die Parallelen zur Politik - etwa zur Klimapolitik - sind mit Absicht gezogen, wenn Luks die Definition der Prokrastination von Max Goldt zitiert: "Der Begriff bezeichnet ein nicht zeitmangelbedingtes, aber umso qualvolleres Aufschieben dringlicher Arbeiten in Verbindung mit manischer Selbstablenkung, und zwar unter Inkaufnahme absehbarer und gewichtiger Nachteile.“

Einem Aufschub pflegt ja erfahrungsgemäß stets ein weiterer zu folgen, weswegen Luks die "behaviouristische Erklärung für Aufschieberei“ von Kathrin Passig und Sascha Lobo zitiert: "Man verschleppt zwei, dreimal eine Aufgabe, stellt fest, dass nichts Schlimmes passiert, und verwandelt sich auf der Stelle in einen unverbesserlichen Prokrastinierer.“ Ja, genau so passiert es, wie - als ein Beispiel von vielen möglichen - die Erfahrungen etwa mit Pensions- und anderen Reformen hierzulande zeigen.

Genau darin lägen dann die Tücken des Objekts, wie Luks erläutert. Denn diese bestünden bei der Nachhaltigkeit, in der Demografie und beim Klimawandel darin, dass "man regelmäßig zu spät merkt, dass etwas passiert - und wenn, ist erfolgreiches Gegensteuern oft unmöglich, sehr teuer oder nur mit langen Zeitverzögerungen zu haben“. Das ist, es lässt sich nicht anders sagen, äußerst trefflich beobachtet. Was also tun, wenn man die Welt schon retten will? Nach den Erfahrungen von Fukushima. Mit jenen der Finanz- und der Eurokrise.

Beginnen, das Unvorstellbare vorzustellen

"Wir müssen beginnen, das Undenkbare zu denken“, sagt Luks im FURCHE- Gespräch. "Wir sollen uns das für unvorstellbar Gehaltene vorstellen - und dann damit beginnen, das eine wie das andere zu durchbrechen.“ Genau diese Grenzüberschreitung, genau dieses Denken in Alternativen fehle. Zur Illustration die Frage nach den Gemeinsamkeiten der Fukushima- Katastrophe und der Griechenland-Krise, also nach den Gemeinsamkeiten zwischen aktuellen ökonomischen und ökologischen Problemen? "Es gibt keinen Plan B“, das haben diese Phänomene gemeinsam. Die Hubschrauber mit Löschwasser über dem Kernkraftwerk seien das Symbol für das Fehlen eines halbwegs überzeugenden Planes. Dieses Fehlen eines Planes B habe, so Luks, "ganz wesentlich mit einem Begriff zu tun, auf den mich die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb hingewiesen hat: "technologische Unvorstellbarkeit“. Das ist es.

Der englischsprachige Begriff technologically inconceivable gefalle ihm besser, erklärt Luks. Der Gedanke führe jedenfalls zur Betroffenheit darüber, dass etwas - gemeint: das Unvorstellbare - "systematisch aus Zukunftserwägungen ausgeklammert wird, obwohl es ganz offensichtlich erwägenswert ist“. Fukushima habe nachhaltig gezeigt, wie schief das gehen könne. Auch bis zur Finanzkrise und den Unruhen in englischen Städten hätte dies alles als unvorstellbar gegolten. Ein Irrtum.

Skepsis und Scheitern mitdenken

Aus dieser Falle entkomme die Menschheit nur, folgt man Fred Luks, wenn man (1.) mit Skepsis Entwicklungen inklusive Gefahren betrachtet und (2.) Scheitern mitdenkt, um dann (3.) das globale Role Model des Wachstums-Paradigmas zu überwinden. Weil es nirgendwohin führen kann. Bei aller Faszination des amerikanischen Traumes von Unendlichkeit und Machbarkeit sei eines klar: "Ökologisch ist die Veranstaltung ein Desaster.“ Und weiter: "Verbreitet sich der nordamerikanische Lebensstil auf den Rest der Welt, braucht die Menschheit bekanntlich mindestens drei Erden, von denen zwei nicht zur Verfügung stehen.“

Fred Luks lehnt es ab, auf schlichte, konkrete Rezepte festgelegt zu werden. Doch so viel sagt er zur Umsetzung seiner Thesen dann doch: "Reiche Gesellschaften müssen sich darauf einstellen, mit weniger oder gar ohne Wirtschaftswachstum auszukommen. Global und langfristig betrachtet, ist es höchst unwahrscheinlich, dass uns die Technik und der Strukturwandel allein ‚retten‘ werden.“

Alles in allem bleibt es paradox: Entschlossenheit ist geboten, allerdings auch Reflexion. Was wann zu tun ist, ergäbe sich daraus, nachzudenken. Ohne Aufschub.

Buch-Präsentation und Diskussion

Mit dem Autor Fred Luks,

16. 2., 19.00 Uhr; ZS art Galerie, 1070 Wien; Birgit Dalheimer (Ö1; Moderation); Michael Meyer (WU), Christoph Müller (Bka), Annemarie Türk (KulturKontakt Austria)

Anmeldung erforderlich: galerie@zsart.at

Die Welt kann gerettet werden. Und wie? Denkverbote aufheben, Unvorstellbares vorstellen, Endlichkeit endlich zur Kenntnis nehmen, Erforderliches nicht mehr aufschieben. Und das Ganze mit Humor und Ironie. Bereits drei Bücher lang kämpft der Nachhaltigkeitsmanager Fred Luks darum, Weltrettung in Worte zu fassen. Paradox: Es gelingt.

Fred Luks will, was sonst, überzeugen. Weniger der Selbstvergewisserung wegen als vielmehr um der Weltrettung willen. Diese duldet, erraten, keinen Aufschub. Damit ist aber nicht weiterer Beschleunigung, ganz im Gegenteil, der Entschleunigung das Wort geredet. In Begegnungen und in Büchern pflegt Fred Luks, wenn er denn am Wort ist, wohldosierte Regenschauer prasseln zu lassen. Begriffe sprudeln, Zitate fließen, Gedankenströme mäandern durch die Landschaft gegenwärtiger Themenlagen. Nach der Endlichkeit und der Transformation hat er sich des Aufschubs angenommen.

Mit Endlich im Endlichen schrieb Luks im ersten der - der Farbe des Umschlages zufolge - "weißen Bücher“ gegen die auf Unendlichkeit angelegten Prozesse in einer endlichen Welt an. Dieser Gedanke prägt auch das soeben erschienene dritte, Irgendwas ist immer. Zur Politik des Aufschubs. Im zweiten Büchlein dieser Reihe, Lost in Transformation? Weltrettungs-ABC nach Fukushima, verarbeitete Luks die "Fassungslosigkeit“ über das Reaktorunglück im japanischen Fukushima. Mit Irgendwas ist immer, seinem dritten, jetzt ebenfalls im Metropolis-Verlag erscheinenden Buch, nimmt er die Prokrastination, die "Aufschieberitis“ ins Visier: "Prioritätensetzung zu Lasten sozialer und ökologischer Ansprüche und langfristiger Zielsetzungen sind markante Kennzeichen der Politik des Aufschubs.“

Nachhaltigkeit wurde zu Tode zitiert

Im "Umfeld von Beliebigkeit und Allzuständigkeit“ sei es "vielleicht besonders einfach, Dinge aufzuschieben, zu prokrastinieren“, schreibt Luks unter dem Buchstaben P im Kapitel Politik?! Denn die Politik, die handle zwar, doch "sehr große Ankündigungen kontrastieren mit sehr wenig effektiven Handlungen“. Also lauteten die Fragen, was die Politik tue, ob dies ausreichend, ja, ob dies überhaupt das Richtige sei? "Da kann man Zweifel haben, ob die Dinge zum Beispiel mit Blick auf das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie in die richtige Richtung laufen“, gibt er sich und seinem Publikum die Antwort. Warum das so ist? Es werde "unglaublich viel“ von Nachhaltigkeit, von Generationengerechtigkeit gesprochen. Die Folge davon? "Ende 2011 ist es Gewissheit statt Vermutung: die Nachhaltigkeit ist nahezu totzitiert worden“, befindet Luks.

Die Nachhaltigkeit habe sich von einem "anspruchsvollen Reformbegriff“ zu einem "gehaltlosen Plastikwort“ gewandelt: "Sich zur Nachhaltigkeit zu bekennen, ist für politisch und unternehmerisch handelnde Personen gefahr- und folgenlos möglich.“

Also wird aufgeschoben. Aufschub bedeute doch unter anderem, "dass man sich vornimmt, etwas, das fällig ist, später zu tun.“ Die Parallelen zur Politik - etwa zur Klimapolitik - sind mit Absicht gezogen, wenn Luks die Definition der Prokrastination von Max Goldt zitiert: "Der Begriff bezeichnet ein nicht zeitmangelbedingtes, aber umso qualvolleres Aufschieben dringlicher Arbeiten in Verbindung mit manischer Selbstablenkung, und zwar unter Inkaufnahme absehbarer und gewichtiger Nachteile.“

Einem Aufschub pflegt ja erfahrungsgemäß stets ein weiterer zu folgen, weswegen Luks die "behaviouristische Erklärung für Aufschieberei“ von Kathrin Passig und Sascha Lobo zitiert: "Man verschleppt zwei, dreimal eine Aufgabe, stellt fest, dass nichts Schlimmes passiert, und verwandelt sich auf der Stelle in einen unverbesserlichen Prokrastinierer.“ Ja, genau so passiert es, wie - als ein Beispiel von vielen möglichen - die Erfahrungen etwa mit Pensions- und anderen Reformen hierzulande zeigen.

Genau darin lägen dann die Tücken des Objekts, wie Luks erläutert. Denn diese bestünden bei der Nachhaltigkeit, in der Demografie und beim Klimawandel darin, dass "man regelmäßig zu spät merkt, dass etwas passiert - und wenn, ist erfolgreiches Gegensteuern oft unmöglich, sehr teuer oder nur mit langen Zeitverzögerungen zu haben“. Das ist, es lässt sich nicht anders sagen, äußerst trefflich beobachtet. Was also tun, wenn man die Welt schon retten will? Nach den Erfahrungen von Fukushima. Mit jenen der Finanz- und der Eurokrise.

Beginnen, das Unvorstellbare vorzustellen

"Wir müssen beginnen, das Undenkbare zu denken“, sagt Luks im FURCHE- Gespräch. "Wir sollen uns das für unvorstellbar Gehaltene vorstellen - und dann damit beginnen, das eine wie das andere zu durchbrechen.“ Genau diese Grenzüberschreitung, genau dieses Denken in Alternativen fehle. Zur Illustration die Frage nach den Gemeinsamkeiten der Fukushima- Katastrophe und der Griechenland-Krise, also nach den Gemeinsamkeiten zwischen aktuellen ökonomischen und ökologischen Problemen? "Es gibt keinen Plan B“, das haben diese Phänomene gemeinsam. Die Hubschrauber mit Löschwasser über dem Kernkraftwerk seien das Symbol für das Fehlen eines halbwegs überzeugenden Planes. Dieses Fehlen eines Planes B habe, so Luks, "ganz wesentlich mit einem Begriff zu tun, auf den mich die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb hingewiesen hat: "technologische Unvorstellbarkeit“. Das ist es.

Der englischsprachige Begriff technologically inconceivable gefalle ihm besser, erklärt Luks. Der Gedanke führe jedenfalls zur Betroffenheit darüber, dass etwas - gemeint: das Unvorstellbare - "systematisch aus Zukunftserwägungen ausgeklammert wird, obwohl es ganz offensichtlich erwägenswert ist“. Fukushima habe nachhaltig gezeigt, wie schief das gehen könne. Auch bis zur Finanzkrise und den Unruhen in englischen Städten hätte dies alles als unvorstellbar gegolten. Ein Irrtum.

Skepsis und Scheitern mitdenken

Aus dieser Falle entkomme die Menschheit nur, folgt man Fred Luks, wenn man (1.) mit Skepsis Entwicklungen inklusive Gefahren betrachtet und (2.) Scheitern mitdenkt, um dann (3.) das globale Role Model des Wachstums-Paradigmas zu überwinden. Weil es nirgendwohin führen kann. Bei aller Faszination des amerikanischen Traumes von Unendlichkeit und Machbarkeit sei eines klar: "Ökologisch ist die Veranstaltung ein Desaster.“ Und weiter: "Verbreitet sich der nordamerikanische Lebensstil auf den Rest der Welt, braucht die Menschheit bekanntlich mindestens drei Erden, von denen zwei nicht zur Verfügung stehen.“

Fred Luks lehnt es ab, auf schlichte, konkrete Rezepte festgelegt zu werden. Doch so viel sagt er zur Umsetzung seiner Thesen dann doch: "Reiche Gesellschaften müssen sich darauf einstellen, mit weniger oder gar ohne Wirtschaftswachstum auszukommen. Global und langfristig betrachtet, ist es höchst unwahrscheinlich, dass uns die Technik und der Strukturwandel allein ‚retten‘ werden.“

Alles in allem bleibt es paradox: Entschlossenheit ist geboten, allerdings auch Reflexion. Was wann zu tun ist, ergäbe sich daraus, nachzudenken. Ohne Aufschub.

Buch-Präsentation und Diskussion

Mit dem Autor Fred Luks,

16. 2., 19.00 Uhr; ZS art Galerie, 1070 Wien; Birgit Dalheimer (Ö1; Moderation); Michael Meyer (WU), Christoph Müller (Bka), Annemarie Türk (KulturKontakt Austria)

Anmeldung erforderlich: galerie@zsart.at