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"Eingebungen sind selten"

Harvard-Emeritus Allan Hobson über das Träumen.

Die Furche: Herr Professor, eines Ihrer Bücher trägt den Titel "The Dreaming Brain". Können Hirne träumen? So reden wir doch nicht!

Allan Hobson: Tendenziell denken wir, dass wir etwas Anderes sind, nicht bloß Gewebe. Aber wir wissen auch: Alles ist irgendwie im Gehirn untergebracht. Und dort entstehen auch Träume.

Die Furche: Ihre Theorie dazu widerspricht Freuds Traumdeutung. Die Freudianer mögen Sie deshalb nicht. Gibt es andere Psychotherapeuten, die Ihre Erkenntnisse schätzen?

Hobson: In vielen Schulen denkt man, dass es eine versteckte Botschaft hinter den Träumen gibt. Und wenn diese Botschaft erst einmal entschlüsselt sei, soll die Person befreit sein. Das glaube ich aber überhaupt nicht.

Die Furche: Sie sind ja selbst Psychotherapeut. Wie arbeiten Sie mit Träumen?

Hobson: Psychotherapie lässt sich auch ohne Träume machen. Wenn jemand über seine Träume reden will, warum nicht? Ich behaupte ja nicht, dass das Alles Unsinn ist. Aber man erfährt dadurch nur Dinge, die man eh schon wusste. Niemals lässt sich durch Träume etwas wirklich Neues erfahren.

Die Furche: Aber Otto Loewi träumte doch über ein Experiment, entdeckte so den "Vagusstoff" - das Acetylcholin, welches eine wichtige Funktion auch in Ihrer Traumtheorie hat.

Hobson: In der Wissenschaft wurden einige Probleme im Traum gelöst. Das überrascht nicht. Denn im Traum bildet das Gehirn besonders wilde Assoziationen. Allerdings dürften solch wahre Eingebungen selten sein. Ich hatte noch keine.

Die Furche: …obwohl Sie penibel Buch über Ihre Träume führen. Wo steht Ihr Fach denn heute?

Hobson: Die Traumforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Weltweit gibt es ja keine fünfzig Leute, die sie ernsthaft betreiben.

Die Furche: Was heißt: ernsthaft?

Hobson: Man darf die Psychologie nicht neurologisieren und die Neurologie nicht psychologisieren. Das ist sehr, sehr schwer.

Das Gespräch führte Thomas Mündle.

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