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Eingriff ins von Gott Gewollte

1945 1960 1980 2000 2020

Daß die Gen-Technik eine Menge Gefahren birgt, weiß auch der Gen-Forscher, doch sie weckt auch für viele Leidenden Hoffnungen.

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Daß die Gen-Technik eine Menge Gefahren birgt, weiß auch der Gen-Forscher, doch sie weckt auch für viele Leidenden Hoffnungen.

Die Gentechnik birgt für manche das Schrek-kensszenario der totalen Kontrolle und Manipulation des Menschen durch den Menschen, für andere hingegen ist sie das langersehnte Werkzeug zur Überwindung vieler bisher ungelöster medizinischer Probleme. Beide Extreme sind heute noch Utopie, die Arbeit an ihrer Verwirklichung hat jedoch längst begonnen, auch an heimischen Forschungsstätten. Ein informeller Besuch bei zwei verantwortlichen Forschern soll der Frage nachgehen, wie es um die Ethik im Alltag der wissenschaftlichen Forschung bestellt ist.

„Die Gentechnik ist letztlich eine Vertrauenssache. I^!,benso wie dem Piloten eines Flugzeuges muß man dem Wissenschaftler zutrauen, daß er vernünftig mit der Gentechnik umgeht." Mit diesen Worten beschreibt Dorian Bevec, für den die Arbeit mit gentechnischen Methoden längst zur täglichen Routine geworden ist, das Problem.

Seine Hauptaufgabe am Sandoz Forschungsinstitut (SFI) in Wien ,ist die Suche nach Substanzen gegen-den HI-Virus, welche die tödliche Wirkung dieses Virus zu blockieren imstande sind. Zu diesem Zweck zerstückelt sein Team das HIV-Genom in Unterteile, die einzeln vermehrt und so schließlich auf ihre Eigenschaften untersucht werden können. Die gentechnischen Methoden beschränken sich dabei auf das Vermehren der Teilsequenzen in einem andersartigen genetischen Hintergrund und fungieren somit nur als Mittel zum Zweck. „Wir könnten dies theoretisch auch auf chemischem Weg erreichen", wie Bevec betont, „aber mit der Gentechnik arbeiten wir wesentlich schneller und effektiver."

SOMATISCHE GENTHERAPIE

Doch im Wiener Institut sind weitaus grundlegendere Anwendungen der Gentechnik in Planung. So zielten die letzten Arbeiten von Bevec auf eine somatische Gentherapie gegen HIV ab, bei der ein gentechnisch verändertes HIV-Protein in menschliche Knochenmarks-Stammzellen eingebracht werden soll, um dadurch die Vermehrung des Wildtyp-HIV zu stoppen. Die bisher nach diesem Prinzip im Reagenzglas erfolgreich behandelten menschlichen Tumorzellen haben zwar nur noch wenige Merkmale einer gesunden menschlichen Zelle an sich, doch da sie über einen Rezeptor für HIV verfügen und das Virus sehr gut replizieren, hat man damit, laut Bevec, ein gutes Modell in der Hand, um dieses therapeutische Konzept zu überprüfen.

Die Wiener üben damit praktisch im Trockentraining den Eingriff in die DNA des Menschen. Daß man damit wissenschaftliches Neuland betritt, dessen Konsequenzen noch nicht so richtig überschaubar sind, gibt Dorian Bevec ohne Umschweife zu: „Man kann es.heute nicht steuern, wohin das heue Stück DNA in diesen Zellen geht. Das ist ebenso ein Zufall, wie das Eindringen des HIV in die Zellen. Es verhält sich leider so, daß von tausend geimpften Zellen wahrscheinlich nur zehn gegen das Virus geschützt sind. Bei den restlichen 990 Zellen sitzt die Fremd-DNA, auch wenn sie integriert vrarde, entweder nicht am richtigen Ort oder sie wird nicht richtig experimentiert."

Ebensowenig läßt sich von vorneherein ausschließen, daß durch diesen Eingriff andere, irreparable Schäden in der Zelle entstehen. „Die wirklich große, grundsätzliche Gefahr ist im Augenblick sicher noch, daß man Onkogene oder ein anderes Übel durch den Retrovirus anschaltet. Das ist jedoch ein Risiko, das nicht zu umschiffen ist, da es noch keine Methode gibt, DNA-Sequenzen so exakt einzubringen, daß sie unschädlich sind." Obwohl 90 Prozent des Genomes gewissermaßen genetische „Müllhalde" sind und da-ler relativ viele Sequenzen existieren, die dies auffangen könnten, bleibt es ein Blindflug, die den Wiener Wissenschaftler mit begründeten ethischen Fragen konfrontiert.

NEBENWIRKUNGEN UNBEKANNT

„Das ist die Diskrepanz, vor der ich stehe. Ich weiß, daß viele Patienten dringend ein Mittel gegen Aids benötigen, und ich weiß, daß ich mit nicht vollkommen ausgereiften Methoden arbeite. Wir stehen hier eben noch am Anfang. Wir wissen, welche Achillesfersen das Virus hat, aber wir können unseren Eingriff noch nicht so dirigieren, daß er genau trifft. Das ist prinzipiell und stark vereinfacht wie bei Aspirin, nur nicht so drastisch - die Kopfschmerzen sind weg, dafür hat man Bauchweh." Dieser Vergleich hinkt natürlich, was Dorian Bevec auch keineswegs von der Hand weisen möchte. Die Veränderung des genetischen Codes birgt Konsequenzen, die sowohl in ihrer Vielfalt als auch in ihrer Tiefe alle bisherigen medizinischen Eingriffe bei weitem übertreffen.

Aus diesem Grund steht man am Wiener Forschungsinstitut auf dem Standpunkt, daß nur exklusiv somatisch geheilt werden darf Das bedeutet, daß ein Eingriff in die Keimbahn nicht erfolgen darf Die Behandlung gilt nur für den betroffenen Kranken, nie für seine Nachkommen. „Ich weiß, daß hier durchaus unterschiedliche Meinungen existieren", unterstreicht Bevec: „Manche finden es optimal, da zugleich auch sämtliche Nachkommen geschützt sein könnten. Aber das ist natürlich extrem gefährlich und hier würde ich absolut die Grenze ziehen. Wir dürfen uns nicht mehr wagen, als für einen Mediziner möglich ist -sprich: Nie einen Menschen zu heilen versuchen, der noch nicht geboren ist."

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