Evan Thompson - © Foto: Lia Kendall
Wissen

Evan Thompson: „Das Selbst ist keine Illusion“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Dialog zwischen Buddhismus und Wissenschaft ist dem Dalai Lama ein großes Anliegen. Der Philosoph Evan Thompson war von Anfang an dabei – und äußert heute fundierte Kritik.

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Der Dialog zwischen Buddhismus und Wissenschaft ist dem Dalai Lama ein großes Anliegen. Der Philosoph Evan Thompson war von Anfang an dabei – und äußert heute fundierte Kritik.

In den 1950er Jahren ließ der britische Historiker Arnold Toynbee mit einer seltsamen Aussage aufhorchen: „Das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts ist die Begegnung des Westens mit dem Buddhismus.“ Rückblickend lässt sich sagen, dass diese Begegnung vor allem wissenschaftlich fruchtbar geworden ist: Hat sie doch dazu geführt, dass meditative Praktiken im großen Stil für therapeutische Anwendungen – und weit darüber hinaus – nutzbar gemacht wurden. Diese Entwicklung hat dazu geführt, den Buddhismus als „Wissenschaft des Geistes“ zu sehen. Bereits Albert Einstein scheint dies geahnt zu haben: „Wenn es irgendeine Religion gibt, die den Ansprüchen der modernen Wissenschaft gerecht wird, heißt sie Buddhismus“, schwärmte der Physik- Nobelpreisträger.

Seine viel zitierte Aussage ist heute bezeichnend für die moderne westliche Sicht auf den Buddhismus. Evan Thompson sieht das jedoch kritisch. Der Professor an der University of British Columbia in Vancouver forscht zur Philosophie des Geistes und engagierte sich im Rahmen des vom Dalai Lama initiierten „Mind & Life“-Instituts langjährig für den Dialog zwischen Buddhismus und Wissenschaft. Dass es dabei aber immer wieder zu irrigen Annahmen und voreiligen Schlüssen kommt, beschreibt er in seinem neuen Buch „Why I Am Not a Buddhist“ (2020). Die FURCHE erreichte ihn für ein schriftliches Interview.

DIE FURCHE: Herr Professor Thompson, Sie haben an den „Mind & Life“-Dialogen teilgenommen, in denen seit drei Jahrzehnten der Austausch zwischen dem Buddhismus und der Wissenschaft auf dem Programm steht. Wie sehen Sie das Projekt aus heutiger Sicht?
Evan Thompson: Das „Mind & Life“-Institut hat eine wichtige Rolle gespielt, um einen Dialog zwischen Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen und asiatischen buddhistischen Gelehrten in Gang zu bringen. Ebenso war es hilfreich, um die Erforschung der Meditation voranzutreiben. Die „Mind & Life“-Dialoge waren ursprünglich als Konversation zweier Traditionen gedacht, die sich beide für den menschlichen Geist interessieren – als Austausch von Perspektiven, der zugleich die wichtigen Differenzen zwischen den Traditionen respektiert. Manchmal aber diente das Gespräch lediglich dazu, den Buddhismus wissenschaftlich zu rechtfertigen oder ihn als eine reine „Wissenschaft des Geistes“ zu präsentieren. Auf diese Weise war das „Mind & Life“-Projekt in problematischen Annahmen verfangen, oft ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.

DIE FURCHE: Sie haben den Dalai Lama dort dreimal getroffen. Wie verhält er sich in diesem Dialog?
Thompson: Der Dalai Lama hat sicherlich ein genuin persönliches Interesse an der Wissenschaft, wenngleich weniger an den damit verbundenen philosophischen Fragen. Er will den Buddhismus als Religion modernisieren, insbesondere bei seinem eigenen Volk der Tibeter, und ihn weltweit als positive kulturelle Kraft vermitteln. Für mich sind diese Ziele sympathisch. Ich denke aber, dass die Idee einer „buddhistischen Wissenschaft“, die er manchmal beschwört, hier wenig zuträglich ist. Denn sie beruht eben auf problematischen Annahmen, die man heute als „buddhistischen Modernismus“ kennzeichnen kann.

DIE FURCHE: Dieser Begriff beschreibt die vorherrschende westliche Sicht auf den Buddhismus, die Sie in Ihrem neuen Buch kritisieren. Warum sind Sie skeptisch gegenüber der Annahme, dass der Buddhismus eine besonders wissenschaftsfreundliche Religion ist?
Thompson: Eben weil sie die rituellen und metaphysischen Elemente des traditionellen Buddhismus in Asien herunterspielt. Diese Sicht suggeriert, dass sie die ursprüngliche Essenz des Buddhismus zeigt; doch tatsächlich handelt es sich um eine historische Entwicklung, deren Ursprung im 19. Jahrhundert zu finden ist. In ihren Kernideen geht sie davon aus, dass Meditation die wahre Natur des Geistes offenbart, dass das „Selbst“ eine Illusion ist und dass „Erleuchtung“ entweder eine Realisation jenseits von Konzepten oder ein psychologisch fassbarer Zustand ist. Ich halte alle diese Ideen für ein Missverständnis: Denn durch Meditation wird der Geist aktiv geformt, nicht offenbart; das „Selbst“ ist keine Illusion; und der Begriff „Erleuchtung“ hat viele verschiedene und oft unvereinbare Bedeutungen.