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Ewig alter Elternzwist

1945 1960 1980 2000 2020

In Europa, den USA und Pakistan streiten Impfgegner und Impfbefürworter darum, was das Beste für ihre Kinder ist. Wie alt die Diskussion tatsächlich ist, zeigt ein Text von Voltaire aus 1733.

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In Europa, den USA und Pakistan streiten Impfgegner und Impfbefürworter darum, was das Beste für ihre Kinder ist. Wie alt die Diskussion tatsächlich ist, zeigt ein Text von Voltaire aus 1733.

Eigentlich sollten die Masern schon vor fünf Jahren in Europa ausgerottet worden sein. Das Ziel wurde verfehlt und von der Weltgesundheitsorganisation auf 2015 verschoben. Auch heuer wird das Vorhaben epochal scheitern: Masern erleben in Europa gerade eine Renaissance.

Mehr als 22.000 Menschen in sieben Ländern haben sich seit 2014 in Europa mit Masern angesteckt. Als Epizentren des Ausbruchs gelten wohlhabende Stadtteile wie der Berliner Prenzlauer Berg, wo impfskeptische Eltern ihre Kinder absichtlich nicht impfen lassen. Nach dem Maserntod eines Kleinkindes wird nun der Ruf nach einer Impflicht laut, reflexartig bringen sich auch Impfgegner in Stellung. Ähnliche Szenen spielen sich zeitgleich in den USA ab. Vom gesundheitsbewussten Kalifornien aus breiten sich die Masern nach Osten aus. Allein im Jänner erkrankten 102 Amerikaner am Virus -fast so viele wie sonst in einem ganzen Jahr. In der Diskussion geht es - hier wie dort - vorgeblich um die Frage, ob der Nutzen der Impfungen den Schaden überwiegt. Tatsächlich steckt dahinter eine Mischung aus Aberglaube, Verschwörungstheorie und Misstrauen gegenüber dem Staat.

Darin gleicht sich die Argumentation der amerikanischen "Anti-Vaxxer" mit jener von radikalislamischen Gruppen im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan. Die üben dort Druck auf die Bevölkerung aus, ihre Kinder nicht gegen Kinderlähmung immunisieren zu lassen, weil sie Impfungen als amerikanische Kriegswaffe deuten, die Muslime unfruchtbar machen soll. Im Vorjahr wurden deshalb in Pakistan mehr als 300 Fälle von Kinderlähmung registriert worden, doppelt so viele wie im Vorjahr.

Kulturkampf um Pockenimpfung

Dass Impfen nicht nur in allen Teilen der Welt, sondern auch quer durch die Jahrhunderte polarisiert, belegt ein Text von Voltaire aus 1733, der im Reportageband "Nichts als die Welt" nachzulesen ist. Der Philosoph, Romancier und Theaterautor dokumentiert darin einen Kulturkampf rund um die Pocken. Die hatten im Europa des 18. Jahrhunderts die Pest als gefährlichste Krankheit abgelöst. Geschätzte 400.000 Menschen starben jedes Jahr daran. Wer überlebte, trug oft hässliche Narben davon. Das brachte sogar die Heiratspolitik der Habsburger durcheinander. Maria Elisabeth etwa, Fünftgeborene von Kaiserin Maria Theresia, war so hübsch, dass sie als Hoffnung für eine besonders bedeutende politische Heirat gehandelt wurde. Eine Pockenkrankheit durchkreuzte diesen Plan aber: Vernarbt wie sie war, schaffte sie es lediglich zur Äbtissin von Innsbruck.

Vor diesem Schicksal wollte der englische Adel seine Kinder bewahren und griff zu einer höchst umstrittenen Methode: Man ritzte ihnen einen Schnitt in den Arm und setzte dort einen Pustel ein, den man einem anderen infizierten Kind entnommen hatte. "Diese Pustel wirkt in dem Arm, an den sie angesetzt ist, wie Hefe im Teig;" schreibt Voltaire, "sie arbeitet dort und verteilt über das ganze Blut die Eigenschaften, von denen sie durchsetzt ist."

Abgeschaut haben sich die Engländer diesen Brauch von den Tscherkessen, einem Kaukasus-Volk. "Die Tscherkessen sind arm und ihre Töchter sind schön", berichtet Voltaire. Ihre Schönheit machte sie zur wertvollen Ware als Haremsdamen -so lange sie keine Pockennarben hatten. "Also blieb nur, um Leben und Schönheit ihrer Kinder zu schützten, daß man ihnen die Pocken früh genug übertrug." Weil die Methode erfolgreich war, übernahmen sie die Türken. In Konstantinopel schließlich schaute sich die Frau eines englischen Handelsreisenden die Impfung ab. Zurück in England begeisterte sie die Prinzessin von Wales von ihrer Beobachtung.

"Tollköpfe" gegen "Rabeneltern"

Die hieß Caroline von Brandenburg-Ansbach, war als Frau von Georg II. ab 1727 Königin von Großbritannien und hatte ihren eigenen Vater an die Pocken verloren. Deshalb ließ sie die fremdländische Methode an vier zum Tode verurteilten Verbrechern testen, "denen sie zweifach das Leben rettete", wie Voltair folgert: Die Männer entkamen dem Galgen und dem Pockentod. Als das Experiment erfolgreich war, ließ die Königin ihre Kinder impfen, und England folgte ihrem Beispiel.

In den anderen Ländern Europas war man jedoch entsetzt von der Methode: "Die Engländer sind Narren", warf man ihnen vor, "weil sie ihre Kinder mit Pocken anstecken, um sie zu hindern, welche zu haben. Und Tollköpfe, weil sie ihren eigenen Kindern mit Herzsensfreude eine sichere und scheußliche Krankheit übertragen." Die Engländer hingegen bezeichneten die übrigen Europäer als "feige Rabeneltern", die sich fürchteten, ihren Kindern ein bisschen weh zu tun und sie der Gefahr aussetzten, eines Tages an Pocken zu sterben.

Voltaire schließt seine Betrachtung -wie sollte es anders sein -mit Vernunft und Toleranz: "Was den Brauch eingeführt hatte, der anderen Völkern so fremdartig erscheint, ist jedoch eine der ganzen Erde gemeinsame Sache: die mütterliche Zärtlichkeit und Eigennutz."

Seit 1980 gilt die Welt -nach umfangreichen Impfkampagnen -als pockenfrei. Bei Masern braucht es auch 2015 noch etwas, nun ja, Aufklärung.

Nichts als die Welt Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren. Herausgegeben von Georg Brunold. Galiani Berlin 2009.684 Seiten, geb., € 87,40

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