Corona-Forschung - © Illustration: iStock/DrAfter123 (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
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Forschen im globalen Wettbewerb

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur auf der politischen Landkarte verschieben sich die Machtverhältnisse. In der Wissenschaft sind fernöstliche Länder auf dem Vormarsch. Was ist deren Erfolgsgeheimnis -und was bedeutet das für Österreich? Ein Gastkommentar.

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Nicht nur auf der politischen Landkarte verschieben sich die Machtverhältnisse. In der Wissenschaft sind fernöstliche Länder auf dem Vormarsch. Was ist deren Erfolgsgeheimnis -und was bedeutet das für Österreich? Ein Gastkommentar.

Die Forschungsweltkarte wird derzeit neu gezeichnet. So haben sich Länder wie China, Singapur, Hongkong und Taiwan als Epizentren in der Forschung und Innovation etabliert. China plant bis zum Jahr 2049, dem 100. Geburtstag der Gründung der Volksrepublik, die USA als führende Wissenschaftsnation abzulösen. In Singapur konnten sich zwei Universitäten innerhalb weniger Jahre weltweit ganz vorne platzieren. Die ETH Zürich mit dem "Singapore-ETH Centre" oder das "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) in Boston mit der "Singapore-MIT Alliance" sind bereits mit eigenen Niederlassungen und engen Partnerschaften vor Ort. Vor einiger Zeit habe ich den Botschafter von Singapur in Wien gefragt, wie es sein Land so rasch bis an die Spitze geschafft hat. Seine Antwort: "Wir hatten eine große Vision, wir stellen die notwendigen Ressourcen zur Verfügung und wir setzen alles daran, um die besten Talente anzuziehen."

Diversität als Erfolgsfaktor

In der Tat sind wissenschaftliche Reputation und ein attraktives Forschungsumfeld wesentliche Erfolgsfaktoren im globalen Wettbewerb um die besten Talente. Erfolg gruppiert sich bekanntlich um Personen und nicht so sehr um Themen. Spitzenforschungsinstitute besetzen daher auch nicht einfach offene Stellen, sondern suchen Pioniere, die Unerwartetes wagen, Verantwortung übernehmen und in Teams führen können. Im Team wiederum zählt die Vielfalt -denn Diversität fördert Produktivität und trägt wesentlich zu wissenschaftlichen Durchbrüchen bei. Etwas plakativ formuliert: Meist ist die Anzahl unterschiedlicher Reisepässe ein guter Indikator für den Erfolg eines Instituts, da herausragende Forschungseinrichtungen eine besonders breite Anziehungskraft ausüben. Auch in Österreich wächst eine junge Generation exzellenter Forscherinnen und Forscher heran, die sich in beeindruckender Weise durch Kompetenz, Mut und internationale Orientierung hervorhebt. So bin ich jedes Jahr begeistert, welch aufstrebende Kolleginnen und Kollegen wir als FWF mit unseren START-Preisen auszeichnen dürfen. Dennoch ist Österreich derzeit ein Netto-Exportland an Talenten, und wenn sich die hiesige Forschungskultur nicht drastisch weiterentwickelt, werden wir im globalen Wettbewerb deutlich an Boden verlieren.

Das gilt genauso im Hinblick auf internationale Spitzenstudierende, die Österreich für die Promotion gewinnen möchte. Konkret bedeutet das, individuelle Förderverträge für jeden Doktorierenden möglich zu machen, sie in ein strukturiertes Ausbildungsprogramm einzubinden sowie vernünftige Betreuungsverhältnisse zu sichern. Da nur ein geringer Teil des wissenschaftlichen Nachwuchses tatsächlich dauerhaft in der Forschung bleibt, benötigt es eine kompetente Beratung über alternative Karrierewege. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, hat es klar formuliert: "Es gilt also nicht nur: Talente fördern für die Wissenschaft, sondern genauso wichtig ist: Wissenschaft fördert Talente -und zwar in allen Bereichen." Hierzulande sind derzeit von den 22.400 Doktorierenden weniger als ein Viertel voll finanziert oder angestellt. Das ist schlichtweg inakzeptabel. Wir dürfen daher nicht müde werden, die institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Forschende aller Karrierestufen weiter zu verbessern.

Wir müssen gar nicht bis nach Südostasien blicken, um Dynamik und Aufbruch in der Wissenschaft zu erkennen. So investieren unsere Nachbarländer im Osten wie Polen, Tschechien und Slowenien derzeit massiv in die Grundlagenforschung. Gemeinsam mit den Partnerorganisationen in Zentraleuropa intensiviert der FWF daher seine internationalen Kooperationen mit dem Ziel, Forscherinnen und Forscher in dieser Region noch besser zu unterstützen und exzellente grenzüberschreitende Projekte und Programme zu finanzieren. Unter dem Namen "Central European Science Partnership" (CEUS) werden wir Maßnahmen setzen, die nicht nur die zahlreichen bestehenden Verbindungen zwischen den Partnerländern stärken, sondern auch neue Kooperationsmöglichkeiten schaffen. Auf diese Weise entsteht mitten in Europa ein großartiger, gemeinsamer Forschungsraum.

Evidenzbasierte Entscheidungen

Es liegt nicht nur an den knappen Ressourcen, wenn es oftmals nicht gelingt, international mithalten zu können. Es müssen verkrustete Strukturen aufgelöst, Mauern niedergerissen und Offenheit und Vielfalt gepflegt werden. Ein erfolgreicher Weg ist ein klares "Tenure-Track"-Modell für den wissenschaftlichen Nachwuchs, wie es etwa das "Institute of Science and Technology Austria" (IST Austria) etabliert hat; mit hoher Einstiegshürde, aber dann mit größtmöglichem Freiraum, Planbarkeit und geringen administrativen Bürden. Gemeinsam mit Kollegen habe ich die Evaluierungsberichte aller Leibniz-Institute in Deutschland ausgewertet. Die wesentlichsten Gründe für den Erfolg einer Forschungseinrichtung sind Governance-Strukturen, Internationalität und Kooperation. Sind flache Hierarchien etabliert und werden Entscheidungen transparent getroffen? Wird der wissenschaftliche Nachwuchs nach hohen Standards rekrutiert und gefördert, und ist ein internationaler und zugleich kritischer wissenschaftlicher Beirat etabliert? Bestehen grenzüberschreitende Kooperationen mit führenden Einrichtungen? Es gibt genügend hervorragende Beispiele, an denen man sich orientieren kann. Eines ist klar: Exzellenz baut auf Qualität und Vertrauen.

Mehr denn je besteht heutzutage die Gefahr, dass die Reputation der Wissenschaft als unabhängige Stimme untergraben oder missbraucht wird. Forschung muss unbequem bleiben, Lösungsmöglichkeiten anbieten und sich in den gesellschaftlichen Diskurs aktiv einbringen. Nehmen wir die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, denen wir uns jetzt und zukünftig stellen müssen, wirklich ernst, dann müssen unsere Entscheidungen evidenzbasiert getroffen werden -erst recht dann, wenn es der Politik und den Medien offenbar zunehmend schwerer fällt, Fakten und Erkenntnisse richtig einzuordnen. Und wir müssen deutlich unterscheiden, was in der Verantwortung der Politik und was in jener der Wissenschaft steht. Ob genetisch modifizierte Pflanzen in einem Land zugelassen werden, ist eine politische Entscheidung. Bedenklich wird es dann, wenn aus ideologischen und politisch motivierten Gründen allein schon die Forschung zu diesem Thema ebenfalls unterbunden wird.

Den europäischen Weg weitergehen ...

Wir blicken zwar auf die wissenschaftlichen Erfolge in Singapur oder in China, wissen aber viel weniger über deren Wissenschaftssysteme und -ansätze, als es umgekehrt der Fall ist. Es benötigt eine "Go-East"-Initiative, um viel stärker als bisher von diesen Ländern und ihren Forschenden zu lernen -nicht jedoch um sie zu kopieren. Wir dürfen eines nicht vergessen: Während in der westlich geprägten Forschungskultur die Freiheit der Wissenschaft als höchstes Gut gesehen wird, geht es in vielen asiatischen Ländern verstärkt um die wirtschaftliche Verwertbarkeit. Dazu kommt, dass in vielen boomenden Ländern die Freiheit der Wissenschaft -als zentrale Säule einer aufgeklärten Demokratie, vergleichbar der Presse-und Meinungsfreiheit -aus ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen eingeschränkt wird. Wissenschaftliche Erfolge dürfen aber keinesfalls die Unabhängigkeit der Wissenschaft von ideologischen und politischen Einflüssen gefährden. Unser Ziel sollte daher sein, den europäischen Weg weiterzugehen und wissenschaftliche Freiheit mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden.

Der Autor ist Präsident des Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF)

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