Planet Erde Gaia - © Foto: iSock / Philipp Tur

Gaia: Liebevoll und aufbrausend

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Ist unser Planet ein eigenständiger „Superorganismus“? In Zeiten der Klimakrise gewinnt die revolutionäre Gaia-Theorie wieder an Faszination.

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Ist unser Planet ein eigenständiger „Superorganismus“? In Zeiten der Klimakrise gewinnt die revolutionäre Gaia-Theorie wieder an Faszination.

„In Briefen und Gesprächen werde ich oft gefragt: Wie können wir im Einklang mit Gaia leben? Ich bin dann versucht zu antworten: ‚Warum fragt ihr mich? Alles, was ich getan habe, ist nur, die Erde auf eine andere Weise zu sehen (...).“ Im Nachwort zu seinem Buch „Das Gaia-Prinzip“ (1988) gibt James Lovelock dann aber doch noch eine sehr persönliche Antwort. Er beschreibt sein Familienleben in einem kleinen Ort im englischen Devon, wo er damals in einem kleinen Haus mit dicken Mauern aus Lehm und Stroh wohnt. Auch ein schillerndes Pfauenpärchen ist dabei. Rundherum zwölf Hektar Land; der nächste Nachbar ist eineinhalb Kilometer entfernt. „Ich glaube, der Kauf eines Hauses mit einem so großen Garten war die Reaktion auf die Veränderungen, die wir in unserem letzten Dorf (...) miterlebt hatten“, so der britische Naturforscher, der sich zu dieser Zeit bereits als „wissenschaftlicher Eremit“ bezeichnet. Die „Plünderung der Landschaft“, die Lovelock beschreibt, kündete vom weltweiten Artensterben. Hecken und Büsche verschwanden schleichend, die Ackerflächen wurden von allem Unkraut gesäubert. Viele Pflanzen und Tiere fanden auf den monotonen Getreideflächen keinen Lebensraum mehr. Das Werk „Das Gaia-Prinzip“, dessen deutsche Übersetzung vor 30 Jahren erstmals erschienen ist, erscheint unvermindert aktuell. Heuer hat es der Oekom-Verlag in seiner „Bibliothek der Nachhaltigkeit“ neu aufgelegt.

Gemeinsam mit der Zoologin Lynn Margulis hat Lovelock in den 1970er Jahren die Gaia-Hypothese vorgestellt: Die Biosphäre der Erde erschien darin als ein einziges, miteinander zusammenhängendes, komplexes System, in dem sich alle Bestandteile wechselseitig beeinflussen. Kann die Erde also wie ein Lebewesen, eine Art „Superorganismus“ mit eigener Physiologie und selbstregulativen Kräften betrachtet werden? Und, aus heutiger Sicht: Was würde das bedeuten für die Bewältigung planetarer Krisen wie des Klimawandels oder des Biodiversitätsverlusts? „Fast 50 Jahre nach der ersten Präsentation ist Gaia immer noch eine Idee, die weiter voranschreitet“, bemerkt der italienische Chemiker Ugo Bardi in seinem Vorwort zu Lovelocks Schlüsselwerk. Eine revolutionäre Idee, die laut Bardi auf eine Stufe mit Charles Darwins Evolutionstheorie zu stellen sei.

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