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"Die größte Dopamin-Freisetzung im Lustzentrum erfolgt durch überraschende Reize. Dies könnte das Erfolgsgeheimnis der sozialen Netzwerke sein.

Der Botenstoff Dopamin sorgt dafür, dass eine App, ein Computerspiel oder eine soziale Plattform die Nutzer magisch in ihren Bann zieht, wie der klebrige Honigtopf den streunenden Bär."

Als Wolfram Schultz letztes Jahr den hoch dotierten "Brain Prize" der Lundbeck-Foundation zugesprochen erhielt, bezog er sich gleich witzig auf seinen eigenen Forschungsgegenstand. "Dieser Preis ist eine fantastische Belohnung für unser wissenschaftliches Team: Ich kann richtig hören, wie unsere Dopamin-Neuronen jetzt auf und ab hüpfen."

Nervenzellen, die ihre Signale mit dem Botenstoff Dopamin übertragen, sind das Spezialgebiet des Hirnforschers von der Universität Cambridge. Schon vor 30 Jahren hat er das Lernverhalten von Affen erforscht, indem er die Aktivität von Dopamin-Neuronen beobachtete. Diese Zellen spielen im Lust-bzw. Belohnungszentrum des Gehirns eine zentrale Rolle: Sie reagieren, wenn eine Belohnung erfolgt oder zumindest versprochen wird. Und damit prägen sie unser Verhalten, das in der Regel darauf ausgerichtet ist, weitere Belohnungseffekte einzuheimsen und lustvolle, jedenfalls angenehme Erfahrungen zu machen. Lernen durch positive Verstärkung heißt das im Jargon der Verhaltensforscher. Bei den Affen war dies der in Aussicht gestellte Fruchtsaft, beim Menschen ist die Palette denkbar breit: Egal ob Essen, Trinken, Sex, Macht oder Anerkennung -was uns Lust verspricht, lässt das Belohnungszentrum im Gehirn kräftig "leuchten", wie man aus Bildern zur Messung der Hirnaktivität weiß.

Was unsere Handlungen motiviert, läuft auf der Ebene der Nervenzellen über Dopamin-gesteuerte Bahnen: "Das ist der biologische Prozess, der das Verlangen weckt, im Job befördert zu werden und ein größeres Auto oder Haus zu erwerben", sagt Schultz. "Die Dopamin-Zellen sind wie kleine Teufel in unserem Gehirn, die uns in Richtung weiterer und größerer Belohnungen treiben." Dieser Mechanismus ist in den Fokus des digitalen Kapitalismus geraten, denn er verspricht hohe Profite wie der Drogenhandel. So ließ Ex-Facebook-Präsident Sean Parker, der 2005 aus dem Konzern ausgetreten ist, unlängst mit einer offenherzigen Meldung aufhorchen: Bei der Konstruktion von Facebook sei ursprünglich die Frage gestanden, wie man möglichst viel Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer beanspruchen könne. Um dieses Ziel zu erreichen, nutzten die Architekten der digitalen Plattform eine "Schwäche in der menschlichen Psyche" aus, wie Parker bekannte. Denn die Interaktionsmöglichkeiten sozialer Netzwerke sorgen stets für Belohnungseffekte, wenn man von anderen Nutzern positive Rückmeldungen auf die eigenen Inhalte erhält.

Jagd nach dem kleinen Kick

"Mit jedem 'Like' geben wir den Usern einen kleinen Dopamin-Kick", so der 38-jährige Internet-Unternehmer, der durch seine Facebook-Anteile zum Milliardär geworden ist. Diese Belohnungseffekte motivieren die User, ihrerseits mehr Inhalte und Reaktionen zu produzieren, wodurch eine Schleife der sozialen Bestätigung losgetreten wird - und möglichst viele Nutzer im Netzwerk hängen bleiben. Die Erfinder der sozialen Medien, darunter Marc Zuckerberg und Kevin Systrom von Instagram, seien sich dessen bewusst gewesen. "Und wir haben es trotzdem getan", sagt Parker heute. "Gott allein weiß, was es mit den Gehirnen unserer Kinder macht."

So gesehen erscheint Dopamin wie der Treibstoff für den wirtschaftlichen Erfolg von Facebook, dessen Jahresumsatz 2017 - vor der aktuellen Vertrauenskrise -mit 40,7 Milliarden US-Dollar angegeben wird. Ist Zuckerbergs Konzern somit ein Imperium, das auf einem Molekül begründet ist, wie die englische Zeitung The Guardian zugespitzt formuliert? Macht es sein großes Geschäft mit den "kleinen Teufeln" in unserem Gehirn?

Medizinische Studien legen nahe, dass die häufige Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter, Tinder oder Instagram tatsächlich einen suchtartigen Charakter annehmen kann. Die Effekte von sehr häufiger Facebook-Nutzung konnten sogar direkt in den Nervenzellstrukturen des Belohnungszentrums nachgewiesen werden. In ein soziales Netzwerk "hineinzukippen", ist somit ein ähnlicher Prozess wie die Entwicklung einer Drogenabhängigkeit: Beide basieren auf der (künstlichen) Stimulation der Belohnungsmechanismen. Jede Droge mit Suchtpotenzial beeinflusst das Belohnungszentrum, indem sie weit mehr Dopamin verfügbar macht als üblich -langfristig mit der Folge, dass das System abstumpft und mehr Stimulation erforderlich wird, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Auch die Spielsucht läuft auf dieser biologischen Schiene. In ihrem Buch "Addiction by Design"(Princeton Univ. Press, 2012) beschreibt Natasha Schüll anhand ihrer Forschung in Las Vegas, wie die Algorithmen der Spielautomaten, die Architektur und Innenwelt der Casinos strategisch so geplant wurden, damit Menschen zum Spielen verführt werden und möglichst viel Zeit vor den Maschinen verbringen. Wenn ein Spieler sich vom Glück begünstigt fühlt, kommt es im Gehirn zur Ausschüttung von Dopamin. Das Glück freilich ist nicht vorherzusehen. Aber genau dadurch entsteht ein einprägsamer Effekt, denn die größte Dopamin-Freisetzung im Lustzentrum erfolgt durch überraschende Reize. Dies könnte auch das Erfolgsgeheimnis der sozialen Netzwerke sein: Viele Nutzer neigen dazu, zwanghaft hineinzuschauen, denn man weiß ja nie, wann wieder ein wohltuendes Signal sozialer Bestätigung erscheint.

Molekül mit Sex-Appeal

Kein Geheimnis mehr gibt es bei den "Dopamine Labs", einem Start-up-Unternehmen in Los Angeles. Es trägt seine Geschäftsstrategie bereits im Namen, und diese zielt darauf ab, Menschen durch gezielte Belohnungseffekte zu einer gewünschten Verhaltensänderung anzutreiben. Wer etwa mithilfe einer App mehr körperliche Bewegung oder eine gesündere Ernährung anstrebt, kann sich an die "Dopamine Labs" wenden. Mittels künstlicher Intelligenz werden die Belohnungseffekte -meist animierte Bilder -individuell zugeschnitten. Läufer können so ihre Lauffrequenz steigern, verkündet das Unternehmen; ein gesunder Lebensstil werde viel besser umgesetzt, sogar Kreditnehmer zahlen eher ihre Schulden zurück. "Im kulturellen Zeitgeist hat Dopamin einen gewissen Sex-Appeal", sagt der Firmengründer Ramsay Brown im Guardian. Der Botenstoff, der in den 1950er-Jahren erstmals im Zusammenhang mit den Bewegungsstörungen der Parkinson-Krankheit beschrieben wurde, erlangte einige Jahrzehnte später einen geradezu glamourösen Ruf als Stoff der Begierde, der Ambition und des sexuellen Antriebs. Heute weiß man, dass Dopamin auch für die Stimmung, die Erinnerung oder die Aufmerksamkeit eine Rolle spielt -und dass seine Funktionen noch lange nicht restlos geklärt sind.

Für Ramsay Brown ist Dopamin freilich schlicht das "Sex, Drugs &Rock 'n' Roll"-Molekül. Wie auch viele High-Tech- Pioniere aus dem Silicon Valley sieht er darin die chemische Grundlage für ein ganzes Geschäftsmodell. Denn es sorgt dafür, dass eine App, ein Computerspiel oder eine soziale Plattform die User magisch in ihren Bann zieht, wie der klebrige Honigtopf den streunenden Bär. Mit seiner Erfindung könne jede App zum Suchtmittel werden, weiß der studierte Neuroinformatiker: "Die Leute lieben nicht nur die Dopamin-Explosion, die unser Produkt auslöst; diese verändert auch die Verschaltung ihres Gehirns." Um eine potenzielle Suchtentwicklung zu verhindern, hat das umstrittene Unternehmen übrigens schon eine Lösung parat. Erraten, es ist eine App, die der positiven Verstärkung im Belohnungssystem entgegenwirkt.