Gefährdeter Weitblick

Dass Kinder mehr Zeit im Freien verbringen, ist heute die fundierteste Empfehlung, um der Entwicklung einer Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken.

Wer in der Frühgeschichte der Menschheit kurzsichtig war, hatte ein schweres Los. Denken wir nur an die urzeitlichen Jäger und Sammler: Die Kurzsichtigen unter ihnen taten sich schwer, mit auf die Jagd zu gehen, da sie die potenzielle Beute in der Weite kaum lokalisieren konnten. Je nach dem Schweregrad ihrer Fehlsichtigkeit tappten sie mehr oder weniger ungeschickt herum, angewiesen auf die Hilfe ihrer Kameraden. Manchmal bedeutete Kurzsichtigkeit wohl auch ein Todesurteil, denn Gefahren waren nicht rechtzeitig zu erkennen beziehungsweise Freund und Feind nur schwer auseinanderzuhalten. Die Erfindung der Brille war daher ein riesiger Fortschritt. Zunächst wurden allerdings nur konvexe Gläser zur Korrektur der altersbedingten Weitsichtigkeit hergestellt. Es dauerte bis zum 16. Jahrhundert, bis auch konkave Brillen für die Kurzsichtigkeit angefertigt werden konnten.

Blick auf "Naturvölker"

Heute können Kurzsichtige weitgehend unbeschwert durchs Leben gehen. Sie können entscheiden, ob sie sich eine Brille aufsetzen, Kontaktlinsen verwenden oder sich einer Operation unterziehen, um die Fehlsichtigkeit überhaupt zu beseitigen. Doch unabhängig davon steigt mit höherer Kurzsichtigkeit das Risiko für Netzhautablösung, Grüner Star oder myopische Makulopathie, die zu Erblindung führen können.

Kurzsichtigkeit bedeutet, dass Objekte in der Ferne nur diffus und verschwommen gesehen werden können. Grund dafür ist, dass beim Weitblick die einfallenden Lichtstrahlen durch das Auge nicht auf der "Filmebene" der Netzhaut, sondern schon davor gebündelt werden. In der Nähe hingegen bleibt die Sehkraft vollständig erhalten. Der Fachbegriff für diese Sehstörung lautet "Myopie", zu Deutsch "Blinzelsucht". Denn wenn sich eine Kurzsichtigkeit entwickelt, beginnen die Betroffenen oft zu blinzeln, um dadurch ein bisschen schärfer zu sehen. Der Weg zum Augenarzt bleibt ihnen jedoch nicht erspart.

Wiewohl Kurzsichtigkeit vor den Errungenschaften der Augenheilkunde eine gravierende Beeinträchtigung war -anzunehmen ist, dass damals viel weniger Menschen davon betroffen waren. Dieser Schluss liegt nahe, wenn man einen Blick auf "Naturvölker" wirft, deren Lebensstil sich noch nicht so weit vom Alltag unserer Urvorfahren entfernt hat. So finden sich etwa unter den Indianern des Amazonasgebiets nur circa fünf Prozent an Kurzsichtigen. Bei den Inuit im Norden Alaskas fand man bei einer kleineren Stichprobe eine Häufigkeit von nur 1,5 Prozent. Die Erwachsenen dort waren noch in naturnah lebenden Gemeinschaften aufgewachsen. Bei ihren Kindern und Enkeln mit verändertem Lebensstil waren hingegen bereits mehr als die Hälfte von der Kurzsichtigkeit betroffen. Im Fernen Osten zeigt sich dieser Trend noch deutlicher: In China etwa waren vor 60 Jahren nur bis zu 20 Prozent der Bevölkerung kurzsichtig. Heute wird dort bei Teenagern und jungen Erwachsenen ein Anteil von bis zu 90 Prozent verzeichnet. Prognosen zufolge wird im Jahr 2050 bereits die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein.

Gene und Umwelteinflüsse

"Myopie ist teils erblich bedingt, doch die genetischen Faktoren können die stark zunehmende Häufigkeit dieser Sehstörung über ein oder zwei Generationen nicht erklären", bemerken Denize Atan und seine Forscherkollegen von der britischen Universität Bristol in einer aktuellen Studie im British Medical Journal. Viele Befunde deuten heute darauf hin, dass Umwelteinflüsse in der modernen Gesellschaft für die rasante Zunahme der Myopie verantwortlich sind. Dazu zählen vor allem Bildung, Beruf und Freizeitgestaltung: So tragen stundenlanges Lesen und Arbeiten am Computer vermutlich zur Verschlechterung des Sehvermögens bei - also die ständige "Naharbeit", die heute den Alltag vieler Menschen bestimmt. Umgekehrt schützt viel Tageslicht beziehungsweise die Zeit, die Kinder im Freien verbringen, vor der Entwicklung einer Kurzsichtigkeit.

Dass höher gebildete Menschen eher kurzsichtig sind, ist eine gängige Annahme, die durch zahlreiche Beobachtungsstudien bestätigt wurde. Aber sind die Jahre in Schule und Studium wirklich ursächlich für die Kurzsichtigkeit -oder könnte es nicht auch so sein, dass kurzsichtige Kinder einfach intelligenter sind, oder schlicht mehr Zeit mit "Naharbeit" verbringen und somit eher zum Studium tendieren? Diese Frage hat das Team um Denize Atan nun mithilfe der Daten von knapp 68.000 Personen aus der UK Biobank untersucht. Längere Schulund Ausbildungsjahre hingen kausal tatsächlich mit einer größeren Fehlsichtigkeit zusammen, berichten die Forscher: Jedes zusätzliche Bildungsjahr brachte statistisch gesehen eine höhere Kurzsichtigkeit um -0,18 Dioptrien. Das bedeutet, dass ein britischer Uni-Absolvent mit 17 Bildungsjahren zumindest um eine Dioptrie kurzsichtiger ist als jemand, der die Schule bereits nach zwölf Bildungsjahren verlassen hat. Umgekehrt fanden sich in der Studie kaum Hinweise für eine entgegengesetzte Kausalität -dass vorliegende Kurzsichtigkeit zu mehr Bildungsjahren führen würde.

Lichtdurchflutete Klassenzimmer

Was aber bedeuten diese Ergebnisse? Keinesfalls eine Aufforderung, die Bildungszeit gegen die Augengesundheit auszuspielen. Vielmehr geht es um die große Frage, wie Bildungspraktiken so gestaltet werden können, dass die Sehkraft nicht beeinträchtigt wird. Auch die Autoren der aktuellen Studie werden hier wenig konkret. Nur eines ist klar: Das Wachstum des Augapfels erfolgt vorwiegend in den Schuljahren; bei Erwachsenen schreitet die Kurzsichtigkeit meist nicht mehr voran. Präventionsstrategien müssen daher in der Kindheit zur Anwendung kommen.

Eine der Maßnahmen könnten lichtdurchflutete Klassenräume sein, wie sie derzeit in Südostasien erprobt werden, wo es in den letzten Jahrzehnten zu einer regelrechten Epidemie der Kurzsichtigkeit gekommen ist. Doch ob diese Klassenräume -ähnlich wie der Aufenthalt im Freien -vor Kurzsichtigkeit schützen können, ist noch offen, da deren Wirkung noch nicht evaluiert wurde. Dass Kinder mehr Zeit draußen verbringen, ist heute jedenfalls die fundierteste Empfehlung, um der Entwicklung einer Myopie entgegenzuwirken.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau