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Happy Shopping

1945 1960 1980 2000 2020

Einkaufswelten: Alles unter einem Dach soll Einkaufen zur ungetrübten Freude machen. Ein Lokalaugenschein im größten Einkaufszentrum Europas.

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Einkaufswelten: Alles unter einem Dach soll Einkaufen zur ungetrübten Freude machen. Ein Lokalaugenschein im größten Einkaufszentrum Europas.

Ein schöner Herbsttag, sonnig, warm, so richtig zum Spaziergehen nach einigen Schlechtwettertagen. Kein guter Samstag zum Shoppen? Falsch geraten: Selbst zu Mittag - man würde annehmen, die wichtigsten Einkäufe sind schon erledigt - ist es unmöglich einen Parkplatz zu finden, noch immer reger Zustrom zur "Shopping City Süd" (SCS). Auf den Parkplätzen Autos aus allen Richtungen: Salzburg, Gmünd, Slowakei, Ungarn, Villach ... Das Gros allerdings aus Wien, Mödling, Baden.

In der City strömt man in die Gaststätten: Standln, Schanigarten, Selbstbedienungsrestaurant, Palatschinkenparadies - alles zum Bersten voll. Schirme, Grünpflanzen und Plastikblumen vermitteln Freizeit-Atmosphäre unter dem City-Dach.

Auffallend viel Jugend ist unterwegs: Pärchen, größere und kleinere Gruppen, aber auch viele Familien mit kleinen Kindern. Babys schlafen in Kinderwägen. Eine Mutter wickelt ihren Säugling. Ein Kleiner hat es offenbar nicht mehr bis zum Klo geschafft. Bewaffnet mit Besen und Schaufel beseitigt eine türkische Aufräumefrau die Bescherung. Ein Vater kommt im Laufschritt mit dem Dreijährigen auf die Toilette. Uff, noch rechtzeitig!

Großer Andrang vor dem Tiergeschäft. In der Auslage winzige Katzen. 6.000 Schilling für die Perserkatze, zu teuer für die Familie mit zwei Töchtern. Aber das süße Hauskatzerl, es kuschelt sich an die Mutter. Ein Weiberl? Die Verkäuferin inspiziert. Ja. Die Töchter wollen das Tier auch halten. "Nein!" Die Katze fürchtet sich - zu Hause dann.

Auffallend viel Betrieb in den Schuhgeschäften, egal wohin man schaut. Überall wird probiert - und gekauft. Ein Sportgeschäft wirbt mit halben Preisen. Auch das lockt viele. 7.000 statt 14.000 Schilling für ein Fahrrad, andere Modelle sind um 25 Prozent ermäßigt. Einige Interessenten gustieren. Auch Campingausrüstungen sind um die Hälfte zu haben. Klar, die Winterware ist im Anrollen.

Bei Tschibo genehmige ich mir einen kleinen Braunen. Ob die Sonne draußen noch scheint? Neben mir eine Familie aus der Steiermark. Tagesausflug in die "Shopping". Die drei "girls" sind schon recht schlapp, der Großvater ist guter Dinge. Eines der wenigen fröhlichen Gesichter im Geschäft. Auf der Heimfahrt wird noch auf ein Essen eingekehrt und "dann haben wir auch diesen Tag erledigt."

Brezeln ausverkauft Gegen halb vier ist der Brezelstand fast ausverkauft. Zufrieden mit dem Geschäft? "Ja - und müde." Ein Stück weiter ein Blick in die Anker-Filiale. Auch da haben sich Körbe und Vitrine schon geleert.

Ein großer Renner sind die Lederjacken, -hosen und -gilets. Sie werden auf dem "Hauptplatz" angeboten. Gestelle an denen die Kleider hängen. Von allen Seiten zugänglich. Einheitspreise. Hier wird das allseits überquellende Angebot von Waren besonders spürbar. Vor allem junge Leute sind interessiert. Ein Ehepaar mit Tochter gustiert. Sie probiert. Passt. Fesch. Sie nehmen das Stück doch nicht. Die Tochter, sichtlich unzufrieden, klagt auf slowakisch. Vielleicht waren die 1.500 Schilling doch zu viel?

Gleich daneben: Modeschmuck. Um 100 Schilling "Ohrlochschießen und medizinische Stecker". Wievielen man heute wohl Löcher geschossen hat? "Rund 50", schätzt die Verkäuferin. Am Info-Stand nebenan das Angebot von "SCS-Med": Zellulitis-Behandlung, Alternativ-Medizin, Tai Chi, Magnetfeldbehandlung, Hand- und Fußpflege, Elektrostimulator - die SCS bietet Rundum-Betreuung.

Ebenfalls am Hauptplatz, im Stock darüber: Buddha-Energiebänder, ein Standl. Ketten mit Halbedelsteinen: Malachit gibt Selbstvertrauen, Tigerauge verleiht Konzentration ... Ein Kundin zögert, will Näheres wissen. Die Verkäuferin liest im Handbuch nach. Erstaunlich, was die Steine alles können. Die Kundin ist überzeugt ...

Man sieht relativ wenig ältere Leute, dafür viele Gruppen Jugendlicher, wie die sechs jungen Männer, von denen allerdings nur zwei ein Plastiksackerl tragen. Überhaupt scheinen viele, jedenfalls bis vier Uhr, noch nichts gekauft zu haben. So wie das Paar, beide um die 30, das von Päckchen unbeschwert Händchen haltend durchs obere Stockwerk flaniert: Ein Blick hinein zu "Peek und Cloppenburg" - das war es nicht. Ein Imbiss bei "Nordsee"? Zögern, auch nicht. Aber jetzt im Spielwarengeschäft, Babyspielzeug! Das war's. Schmusetiere-Test: Wie fühlen sie sich an? Keines besteht die Probe. Das Paar verlässt das Geschäft und verliert sich in der Menge.

Am Ende des Ganges betritt man das "Ikea"-Reich. Hier ist man per Du. Kinder kann man im "Kinderparadies" abgeben. Derzeit - es ist halb fünf - betreut ein junge Frau zehn Kleine, erstaunlich wenige für den immer noch großen Andrang. Hier wird recht viel abtransportiert. Wirkt eher mühsam und etwas stressig. Eine Schlange am Tax free-Schalter. Vor dem Ikea-Eingang sind ermattete Kunden in die Klippan-Sofas (abwaschbar) gesunken. Dort drüben aber zwei Frauen - sie lachen! Das fällt richtig auf. Was für ein Unterschied zu den übrigen Gesichtern. Angestrengt oder müde bis geschlaucht sehen sie meist aus - jedenfalls um diese Tageszeit, knapp vor Betriebsschluss.

Und es bestätigt sich der Verdacht: "Shopping macht happy" war zwar ein guter Slogan, die Glücksverheißung scheint aber in der Warenüberfülle nicht wirklich eingelöst zu werden.

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