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Herr Roland gibt Gas

Die EU hat das Jahr 2003 zum "Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen" erklärt. Neben einer allgemeinen Sensibilisierung für die Wünsche und Probleme körperlich oder geistig beeinträchtigter Menschen - in Österreich geschätzte 800.000 - sollen auch die Hürden und Möglichkeiten der Integration in den Arbeitsmarkt beleuchtet werden. Das vorliegende Furche-Dossier ist diesem Thema gewidmet. In Kooperation mit der Wirtschaftskammer Österreich; die redaktionelle Verantwortung liegt bei der Furche. Gestaltung: Doris Helmberger

Roland Penc steht unter Stress. Wie jeden Nachmittag gilt es, am Parkplatz des Klosterneuburger bauMax-Marktes zwischen den an- und abfahrenden Autos verwaiste Einkaufswägen aufzuspüren und zu einer der vier Boxen zu befördern. Obwohl sein Dienst offiziell schon vor einer halben Stunde geendet hätte und die brütende Hitze ins Freibad lockt, harrt der 37-Jährige weiter aus: "Ich kann noch nicht nach Hause gehen, es ist ja noch etwas zu tun", erklärt er bestimmt und manövriert eine Schlange ineinandergeschobener Gitterwägen gekonnt in die Box. Eine Arbeitseinstellung, die der Geschäftsleiter des Marktes, Franz Schaffner, seit neun Jahren zu schätzen weiß: "Der Roland identifiziert sich voll mit dem Unternehmen. Wenn der Kundenstrom nicht abreißt, bleibt er einfach noch da." Nicht nur dem Chef, auch den Kunden macht "Herr Roland", wie sie ihn nennen, das Leben leichter. Wenn Not am Mann ist, hilft der Klosterneuburger schon einmal mit, schwere Säcke voll Blumenerde in den Kofferraum zu bugsieren. "Manche Stammkunden", erzählt Franz Schaffner, "wollen sich nur noch vom Herrn Roland' ihre Sachen ins Auto tragen lassen."

Hilfe zur Selbsthilfe

Dass Roland Penc überhaupt einen Job gefunden hat, ist freilich keine Selbstverständlichkeit. Viele andere psychisch beeinträchtigte Menschen in Österreich sind zum Nichtstun verurteilt. Er hingegen hat eine Beschäftigung gefunden, die ihm Selbstbewusstsein verleiht. "Wir wollen behinderten Menschen deutlich machen, dass sie für unsere Gesellschaft wertvoll sind", erklärt Martin Essl, Vorstandsvorsitzender der bauMax-Gruppe - und nach eigenen Angaben praktizierender evangelischer Christ. Im Jahr 1986 hat sich die Unternehmerfamilie dazu entschieden, unter dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" ein Humanprogramm aufzubauen. In einem ersten Schritt wurden Behinderteneinrichtungen mit Werkstätten ausgerüstet. Dort fertigt man aus Rohstoffen, die verbilligt zur Verfügung gestellt werden, Produkte und verkauft sie zu bestimmten Anlässen in den Baumärkten. "Der gesamte Erlös dieser Aktionen kommt den Behinderten zugute", erklärt Essl im Furche-Gespräch. Jeder der österreichweit 70 und europaweit 122 Märkte hat eine solche Partnerschaft für eine Behinderteneinrichtung übernommen. Darüber hinaus war man darauf bedacht, den Kontakt zwischen den behinderten Menschen und den Mitarbeitern zu forcieren. Schließlich ging man daran, zusätzlich zu den körperlich behinderten Mitarbeitern auch die Zahl psychisch beeinträchtigter Menschen im Unternehmen zu erhöhen. Nicht nur humanitäre, auch personalpolitische Gründe hätten dafür gesprochen, so Essl: "Unserer Erfahrung nach verbessert sich dadurch die Sozialkompetenz des Verkaufsteams: Die Fluktuation unter den Mitarbeitern sinkt und die Leute werden ausgeglichener."

Wie in den meisten Betrieben sei am Anfang die Angst groß gewesen, erinnert sich der Unternehmer: "Es gibt ja so viele Prügel, die der Wirtschaft vor die Füße geworfen werden und die sich als Behinderungen für die Unternehmen und für die Behinderten selbst erweisen."

Quote als Hemmnis

Allein das heimische Quoten-System sei suboptimal, so Essl. Nach dem heimischen Behinderteneinstellungsgesetz müssen Betriebe mit mehr als 25 Mitarbeitern pro 25 Mitarbeiter einen "begünstigten Behinderten" beschäftigen. Als solche gelten Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung von mehr als 50 Prozent. Andernfalls müssen die Unternehmen eine Ausgleichstaxe von monatlich 196,22 Euro in einen Fonds bezahlen. Dieses Geld kommt heimischen Behinderteneinrichtungen zugute - und all jenen Betrieben, die behinderte Menschen beschäftigen, etwa in Form von Lohnzuschüssen.

Dennoch kann sich Martin Essl für dieses System nur schwer begeistern: "Das führt oft zu Alibihandlungen: Man kauft sich eben frei, wie das die meisten Unternehmen tun." Im Übrigen zu einem äußerst niedrigen Preis, wie Wolfgang Sperl, Geschäftsführer von "wienwork" und Sprecher der "Integrativen Betriebe" Österreichs (früher "geschützte Werkstätten") zu bedenken gibt: "Diese knapp 200 Euro pro Monat sind Peanuts und reichen sicher nicht aus, um Betriebe zur Anstellung behinderter Menschen zu bewegen."

Auch den erhöhten Kündigungsschutz für behinderte Arbeitnehmer betrachten viele Wirtschaftstreibende - aber auch manche Behindertenorganisationen - als kontraproduktiv. Derzeit kann ein Dienstverhältnis nach Ablauf einer sechsmonatigen Probezeit nur dann gelöst werden, wenn der beim Bundessozialamt eingerichtete Behindertenausschuss vorher seine Zustimmung erteilt oder eine einvernehmliche Lösung zustande kommt. Ein Prozedere, das bis zu zwei Jahre lang dauern kann, weiß Wolfgang Sperl: "Dass sich ein kommerziell orientierter Betrieb nicht mit so etwas aufhalten will, kann ich mir vorstellen. Menschen mit Behinderungen haben dadurch keine Chance mehr."

Kündigungsschutz als Hürde

Auch Herbert Böhm, Vorstand des Arbeitsmarktservice Österreich, kennt die Probleme, die der erhöhte Kündigungsschutz mit sich bringt: "Das ist eine gut gemeinte, aber keine gute Lösung." Böhm weiß, wovon er spricht: So ist die Zahl der als arbeitslos gemeldeten behinderten Personen im Jahr 2002 um 4,3 Prozent gestiegen und liegt bei rund 31.000 - 13,3 Prozent aller Arbeitslosen. Umso mehr ist das AMS bestrebt, die Integration in den Arbeitsmarkt voranzutreiben. So wurden im Vorjahr 96 Millionen Euro an Förderungen ausgeschüttet. Mit Qualifizierungsprogrammen und Informationen will man weitere Schwellen beseitigen, so Böhm: "Viele Unternehmen wissen nicht, dass behinderte Menschen bei adäquaten Rahmenbedingungen vergleichbare, wenn nicht sogar bessere Leistungen liefern können als so genannte Nichtbehinderte."

Das "Consens - Unternehmerservice" hat es sich zum Ziel gemacht, vor allem Österreichs Großbetriebe über diesen Umstand zu informieren: "Wir wollen, dass sie nach unserer Beratung behindertenfit' sind, dass sie also wissen, wo sie behinderte Menschen beschäftigen können", erklärt Markus Karner, Leiter von "Consens", einem Projekt des Wiener "Instituts für Humanistisches Management". Im Auftrag des Sozialministeriums bereitet "Consens" zudem die Betriebe auf die Herausforderungen vor, die ihnen im Dezember dieses Jahres durch die Umsetzung der Anti-Diskriminierungsrichtlinie der EU bevorstehen (siehe obigen Artikel).

Auch Karner weiß um die Ängste der Unternehmer vor dem erhöhten Kündigungsschutz. Umso dringlicher sei es, geeignetere Lösungen zwischen dem erhöhten Schutzbedürfnis von Menschen mit Beeinträchtigungen und einer Hire and Fire-Politik zu finden. Denkbar wäre etwa, den Kündigungsschutz nicht auf die Person, sondern auf die Stelle zu beziehen. "Damit würde verhindert, dass einzelne schwarze Schafe' ihre gesicherte Position ausnützen", so Karner. Im Fall einer Kündigung wäre das Unternehmen freilich verpflichtet, den Posten wieder mit einem behinderten Arbeitnehmer zu besetzen.

So viel zu den theoretischen Möglichkeiten einer sinnvollen Behindertenpolitik. Die heutige Praxis sieht oft anders aus. So wurde im Dezember vergangenen Jahres die 15-prozentige steuerfreie Prämie gestrichen, die Unternehmen bekamen, wenn sie Produkte aus integrativen Betrieben erwarben. "Das ist eine sehr unglückliche Entscheidung", ärgert sich Wolfgang Sperl von "wienwork". Auch Martin Essl stößt ins selbe Horn: "Diese Prämie war bisher ein Anreiz, unsere PKW-Anhänger von geschützten Werkstätten fertigen zu lassen, obwohl das in der Slowakei um 35 Prozent billiger war." Durch die Streichung würden die Produkte für die Wirtschaft endgültig uninteressant. "Diese Prämie wurde nicht gestrichen, sondern nur umgestaltet", verteidigt man sich im zuständigen Sozialministerium. Doch Essl bleibt dabei: "Im Endeffekt beträgt der Förderungsanteil nur noch acht Prozent. Es ist ein Wahnsinn, jenen Betrieben eine Prämie wegzunehmen, die behinderte Menschen beschäftigen, die glücklich mit ihrer Arbeit sind."

Dieses Glück ist auch am Parkplatz des Klosterneuburger bauMax-Marktes zu spüren. "Es macht Spaß, dass ich Arbeit habe", konstatiert der 22-jährige Bernhard. Der geistig beeinträchtigte Kollege von Roland Penc ist am Vormittag für Ordnung unter den Einkaufswägen zuständig. "Eineinhalb Jahre zuhause sitzen war so fad." Ein Gefühl, das auch der etwas ältere Herr Roland allzu gut kennt. Hier auf dem Parkplatz sei dagegen immer etwas los, meint er - und sputet sich: Der nächste Gitterwagen ist schon in Sicht.

Nähere Infos beim AMS (www.ams.or.at) und bei "Consens" (www.consens.or.at).

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