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Flimmernde Aussichten

FOKUS
Gletscherfieber - © Foto: Wolfgang Machreich

Hitzestress: Fiebermessen am Gletscher

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Mit dem Hitzestress hat das ewige Eis der Alpen zum ersten Mal seit Menschengedenken ein Ablaufdatum. Für die Glaziologen-Zunft und ihre Wissenschaft ein Erkenntnisverlust und -gewinn zugleich.

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Mit dem Hitzestress hat das ewige Eis der Alpen zum ersten Mal seit Menschengedenken ein Ablaufdatum. Für die Glaziologen-Zunft und ihre Wissenschaft ein Erkenntnisverlust und -gewinn zugleich.

Felix ist Gletscherführer – und sein Job ist zukunftssicher: Diese Geschichte muss wohl aus einer anderen Welt stammen. Stimmt. Felix arbeitet in der Unterwelt, genauer gesagt in der Eisriesenwelt im Salzburger Pongau. Er führt Tag für Tag Touristen in die größte Eishöhle der Erde und zu einem Gletscher, der seit Jahrzehnten wächst. 150 Jahre nach ihrer ersten Erkundung sind die Markierungen der Erstbegeher von Eis überdeckt. Eine Eisskulptur, die vor einigen Jahren wie ein Elefant aussah, geht heute gerade noch als fettes Mammut durch und wird sich im nächsten Jahr wohl in Richtung eines Dinosauriers ausdehnen. Der Eiswuchs unter der Erde gehorcht anderen Regeln, erklärt der Höhlenführer. Entscheidend dafür sei unter anderem die Menge des Schmelzwassers im Frühjahr, das in den winterkalten Tiefen gefriert – daran herrscht kein Mangel, denn die Welt über der Eisriesenwelt schmilzt.

Zerfall in viele Einzelteile

„Es tut weh, zu sehen, wie unser Gletscher wegrinnt, da fehlt einfach etwas, wenn der schöne Talabschluss weg ist“, sagt Gottlieb Lorenz, Hüttenwirt der Jamtalhütte in vierter Generation. 1882 hat sein Urgroßvater, Gottlieb Lorenz I., mit der Bewirtung der Bergsteiger auf 2165 Meter Meereshöhe begonnen. Da war das Ende der kleinen Eiszeit seit 30 Jahren eingeläutet, aber der Gletscher baute sich noch als mächtiger Nachbar unweit der Hütte auf. Mittlerweile grüßt er von fern, spätestens von der nächsten Hüttenwirte-Generation wird er sich gänzlich verabschieden.

Felix ist Gletscherführer – und sein Job ist zukunftssicher: Diese Geschichte muss wohl aus einer anderen Welt stammen. Stimmt. Felix arbeitet in der Unterwelt, genauer gesagt in der Eisriesenwelt im Salzburger Pongau. Er führt Tag für Tag Touristen in die größte Eishöhle der Erde und zu einem Gletscher, der seit Jahrzehnten wächst. 150 Jahre nach ihrer ersten Erkundung sind die Markierungen der Erstbegeher von Eis überdeckt. Eine Eisskulptur, die vor einigen Jahren wie ein Elefant aussah, geht heute gerade noch als fettes Mammut durch und wird sich im nächsten Jahr wohl in Richtung eines Dinosauriers ausdehnen. Der Eiswuchs unter der Erde gehorcht anderen Regeln, erklärt der Höhlenführer. Entscheidend dafür sei unter anderem die Menge des Schmelzwassers im Frühjahr, das in den winterkalten Tiefen gefriert – daran herrscht kein Mangel, denn die Welt über der Eisriesenwelt schmilzt.

Zerfall in viele Einzelteile

„Es tut weh, zu sehen, wie unser Gletscher wegrinnt, da fehlt einfach etwas, wenn der schöne Talabschluss weg ist“, sagt Gottlieb Lorenz, Hüttenwirt der Jamtalhütte in vierter Generation. 1882 hat sein Urgroßvater, Gottlieb Lorenz I., mit der Bewirtung der Bergsteiger auf 2165 Meter Meereshöhe begonnen. Da war das Ende der kleinen Eiszeit seit 30 Jahren eingeläutet, aber der Gletscher baute sich noch als mächtiger Nachbar unweit der Hütte auf. Mittlerweile grüßt er von fern, spätestens von der nächsten Hüttenwirte-Generation wird er sich gänzlich verabschieden.

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„Für die Eisreserven in den Ostalpen tickt die Uhr immer rasanter. 3800 Meter, so hoch wie der Großglockner, werden bald für dauerhafte Gletscher zu niedrig sein“, erklärt die Glaziologin Andrea Fischer bei einer „Pfiat di, Gletscher“-Exkursion zum nicht mehr ewigen Eis des Jamtalferners: „2050 wird man den Gletscher nicht mehr erkennen können. Er zerfällt schon in viele Einzelteile, das geht sehr rasch.“ Wie schnell das Gletschersterben gehen kann, zeigt dieser Sommer: Bereits Ende Juni, so früh wie noch nie, erreichten heuer die Alpengletscher den „Glacier Loss Day“, der Tag, an dem der Zuwachs aus dem vorigen Winter aufgebraucht ist und es an die Eissubstanz geht. Damit zeichnet sich ein neuer Negativrekord bei der „Gletschermassebilanz“ ab. Die Gründe dafür sind ein schneearmer Winter, die großen Mengen an Saharastaub, die seit dem Frühjahr die Gletscher einpacken und schwitzen lassen – und natürlich und besonders die Hitzewellen dieses Sommers. Vergleichsaufnahmen zeigen: Waren im Juli des Vorjahrs noch große Teile der Eisfläche des Jamtalgletschers mit Schnee bedeckt, ist dieser heuer seit zwei Wochen nahezu schneefrei.

Wir beobachten Dinge, die noch nie jemand gesehen hat. Wir können diese Vorgänge erklären und zünden nicht mehr Leute als Schuldige für die Klimaänderungen an.

Glaziologin Andrea Fischer

Gemessen wird das Gletscher-Fieber mit Holzstangen. Gletscherforscherin Fischer steckt sie in ein vorher von ihrer Kollegin mit einem Dampfbohrer ins Gletschereis getriebene Messloch: Wenige Zentimeter vor der Sechs-Meter-Markierung steht die Messstange am Felsboden an. In „normalen“ Sommern sind Fischer und andere „Gletscherknechte“ alle zwei Wochen ihre Runden am Jamtalferner und anderen Gletschern abgegangen und haben die Markierungen der Pegelstände abgelesen. Und am Ende einer „normalen“ Saison im Herbst wurde die ausgeaperte Messstange eingesammelt und der Masseverlust notiert. „Speziell heuer ist es schwierig, mit dem Nachbohren der Pegel hinterherzukommen, weil die Schmelze schon jetzt einem normalen Jahreswert entspricht“, antwortet Fischer auf die Frage nach der Situation in diesem Hitzejahr. „Aber das ist lösbar, der Verlust der Messflächen selbst ist kaum lösbar“, erklärt sie das Glaziologen-Dilemma: „Es geht uns das Eis verloren, in dem die Pegel bis jetzt gebohrt wurden, die starke Schuttbedeckung zerstört die Messeinrichtungen und so wird es immer schwieriger, mit den früheren Messnetzen konsistente Daten zu erheben.“

Vor wenigen Jahrzehnten mussten sie und ihre Zunft noch tiefe Schächte durch den Schnee graben, um zum Gletschereis zu gelangen. Heute genügt es, wenige Zentimeter wegzukratzen. Nicht mehr lange, ist sie überzeugt, und die Glaziologen werden mit Drohnen die Ränder der weit nach oben in letzte Gräber und Grüfte zurück geflüchteten Gletscherleichen abfliegen und kartieren müssen. Denn selbst wenn der Klimawandel nicht fortschreitet, sind die meisten Alpengletscher nicht haltbar. Es wird zu einer massiven Gletscherreduktion kommen.

Ist Fischer nicht auf „ihren“ Gletschern unterwegs, erreicht man sie am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihre Fähigkeit, komplexe Klimaprozesse am Beispiel der Alpengletscher anschaulich zu erklären, hat sie zu einer gefragten Ansprechpartnerin für nationale und internationale Medien gemacht. So zum Beispiel nach dem Gletscherbruch an der Marmolata mit Toten und Verletzten im Frühsommer. „Das sind Prozesse, die im Gletscher stattfinden und von außen nicht zu erkennen sind“, erklärte sie in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen den Absturz eines riesigen Eiswulstes: „Da gibt es keine Risse, keine Geräusche. Seit dem Jahr 1250, seit es Aufzeichnungen über das Verhalten von Gletschern gibt, gab es so eine Situation noch nie.“

Chance für Pionier-Blume

In Ergänzung zum Wirt der Jamtalhütte, der das Gletschersterben betrauert, erlebt man auf der Gletscherexkursion mit Andrea Fischer vor allem die Neugier der Forscherin, was während und nach der Schmelze in und mit der Berglandschaft passiert: „Wir beobachten Dinge, die noch niemand gesehen hat. Zum ersten Mal wissen wir, wo wir ansetzen müssen. Wir können diese Vorgänge erklären und zünden im Unterschied zu früher nicht mehr Leute als Schuldige für die Wetterveränderungen an.“

Wenige Meter von Fischers GletscherFieberthermometer entfernt, begleitet eine von Schmelzwasser ins Eis gedrehte spiralförmige Gletschermühle das Gletschersterben mit ihrem Totenlied – das gleichzeitig auch wieder neues Leben einbegleitet. Bereits kurz nach dem Abschmelzen des Eises zeigten Untersuchungen am Jamtalferner, dass sich – angefangen von der Steinbrech- und Pionier-Vegetation – zwischen zehn und zwanzig verschiedene Pflanzenarten angesiedelt haben: „Das Eis ist nur wenige Jahre weg, und es macht wusch, und es ist grün“, sagt Fischer und zeigt auf einen Fichtenbuschen, der unterhalb der Gletscherzunge wächst. In achtzig bis hundert Jahren rechnet sie mit einer geschlossenen Vegetation im Jamtal. Dann wird die vor der Hitze in den Tälern und Ebenen fliehende Flora (und Fauna) in die eisfreien, aber immer noch kühleren Bergregionen ausweichen. Dann werden dort Bäume wachsen, wo heute noch die hölzernen Eis-Fieberthermometer der Glaziologen stehen. „Es gibt in der Natur nie ein Zurück, es gibt immer nur ein Neu“, sagt Gletscherforscherin Fischer, „damit müssen wir uns insbesondere im Hochgebirge noch stärker anfreunden.“ Genauso wie in der Eishöhlenunterwelt, fügt Gletscherführer Felix hinzu. Nur dass das Eis-Mammut, neben dem er steht, nicht schmilzt – sondern weiter wächst.

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