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Krieg & Frieden

DISKURS
Ukraine Krieg Kiew - © Foto: APA / AFP / Aris Messinis

Joachim Bauer: „Jedes Verbrechen hat eine Vorgeschichte“

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Mit dem Ukraine-Krieg ist die Verständigung zwischen Russland und dem Westen abgerissen. Empathie-Experte Joachim Bauer über Putins Psyche und Mitgefühl in traumatischen Zeiten.

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Mit dem Ukraine-Krieg ist die Verständigung zwischen Russland und dem Westen abgerissen. Empathie-Experte Joachim Bauer über Putins Psyche und Mitgefühl in traumatischen Zeiten.

Sich in andere hineinzudenken und einzufühlen, ist die Grundlage für ein gutes Leben, das auch unserer Gesundheit dient. Das zeigt Joachim Bauer in seinem jüngsten Buch „Das empathische Gen“ (Herder, 2021). Die Empathie liegt dem Menschen quasi im Blut: Das bedeutet, dass in der Evolution ein empathisches Potenzial entstanden ist, das in unserer Genetik verankert ist. Es erwies sich als nützlich, weil es Menschen zu intelligenter Kooperation befähigte. Gene sind aber nur die Klaviatur, auf der das Leben spielt. Bleiben manche Tasten unberührt, kann das Potenzial auch verkümmern. Wie steht es dann um die Empathie in einer Kriegssituation wie heute? Die FURCHE hat bei dem deutschen Arzt, Neurowissenschaftler und Psychotherapeuten in einem schriftlichen Interview
nachgefragt.

DIE FURCHE: Sie haben in einem Ihrer Vorträge gesagt, dass Diplomatie „reine Empathie-Arbeit“ sei. Haben die westlichen Diplomaten in diesem Bemühen vor dem Ukraine-Krieg versagt?
Joachim Bauer: Der Krieg, mit dem Wladimir Putin sein Nachbarland jetzt überzieht, ist ein Verbrechen. Aber jedes Verbrechen hat auch eine Vorgeschichte. Dazu gehört, dass diplomatisch einiges schiefgelaufen ist. Diplomatie hat tatsächlich viel mit Empathie zu tun. Empathie hat nicht nur eine emotional-mitfühlende, sondern auch eine vernunftbetonte Seite. Nur um die geht es in der Diplomatie. Vernunftbetonte Empathie bedeutet einerseits, die Motive des jeweiligen Gegenübers richtig zu erkennen und zu verstehen. Dazu gehört aber auch, der Gegenseite durch klare Signale die Möglichkeit zu geben, richtig einzuschätzen, wie man sich selbst verhalten wird. An beidem hat es gefehlt.

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