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Kein Grund zur Panik

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Im internationalen Vergleich schneidet Osterreich, was die Aids-Bedrohung anbelangt, recht günstig ab. Ein Uberblick über die Situation.

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Im internationalen Vergleich schneidet Osterreich, was die Aids-Bedrohung anbelangt, recht günstig ab. Ein Uberblick über die Situation.

Jährlich werden in Österreich zwischen 600.000 und einer Million Blutproben auf HIV untersucht. Erfaßt werden alle Blutspender, alle Präsenzdiener, alle in Wiener Spitälern aufgenommene Patienten, alle gemeldeten Prostituierten, alle von der Aids-Hilfe eingesandten Blutproben. Bezogen auf eine Bevölkerung von 7,5 Millionen ist dieser

Erfassungsgrad also sehr hoch. Die positiven Tests werden anonym vom Virologischen Institut der Uni Wien erfaßt und publiziert. Insgesamt wurden bis Ende 1994 etwa 5.500 HIV-positive Blutproben registriert. Von diesen HIV-Positiven sind bis zum heurigen Juni 1.370 Personen an Aids erkrankt und 928 an Aids gestorben.

Wie groß mag nun die Dunkelziffer der HIV-Positiven sein? Erhebungen aus Deutschland zufolge, dürfte sie maximal bei einem Drittel liegen.

Im Anschluß an die Einführung von HIV-Tests in Osterreich kam es zunächst zu einem rapiden Anstieg der Zahl der erfaßten Neu-Infizierten, zu einer Verdoppelung etwa alle acht

Monate. Hätte sich der anfänglich beobachtete exponentielle Anstieg bis heute fortgesetzt, so wären 1994 über 200.000 Personen an Aids erkrankt gewesen und 1998 die ganze österreichische Bevölkerung.

Daß diese Entwicklung nicht eingetreten ist, hat damit zu tun, daß diese hohe Ansteckungsrate nur bei den Bisikogruppen anzutreffen ist: den Homosexuellen, den Bluterkranken (überwiegend Männer), den Fixern (auch in der Mehrzahl Männer). Da diese Personengruppen relativ eng begrenzt sind, ist somit die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Krankheit in der Gesamtbevölkerung bei weitem geringer. Von daher ist auch verständlich, warum die Zahl der Neuinfizierten sich derzeit eher stabilisiert als weiter erhöht. ,

Die Ausbreitung in der heterosexuellen, nicht monogamen Bevölkerung geht somit langsamer vor sich. Dennoch ist festzustellen, daß der Anteil der infiizierten Frauen steigt. Allerdings ist auch hier vor einer Panikmache zu warnen, denn die absolute Zahl der Neuinfizierten stagniert auch bei den Frauen. So erscheint es derzeit als sinnvoll, die Gefahr - jedenfalls in Osterreich - nicht überdramatisch darzustellen. Denn es sprechen sehr viele Anzeichen dafür, daß Aids noch nicht massiv aus dem Kreis der Bisikogruppen ausgebrochen ist.

Eine Möglichkeit, die Frage relativ klar zu beantworten, wie sehr Aids unter der Jugend im allgemeinen verbreitet ist, bestünde darin, die Blutproben der Präsenzdiener eines Jahrganges auf ihren Anteihan HIV-positiven auszuwerten. Bisher wurde dies jedoch noch nicht unternommen. AIlerdings ist bekannt, daß es „in Westösterreich noch keinen einzigen HIV-positiven Präsenzdiener gegeben hat”. Daher sei anzunehmen, „daß auch die Präsenzdiener im übrigen Österreich nicht oder nur geringfügig durch HIV gefährdet sind.” („Die Epidemie findet nicht statt”).

Ähnliche Hinweise auf eine sehr geringe Verbreitung von Aids außerhalb der Bisikogruppen gibt es aus England: 1988 und 1989 wurden dort im Großraum Londen 114.515 Blutproben von neugeborenen Babies anonym gezogen und auf HIV, den Aids-Virus, untersucht. Nur in 28 Fällen war der Test positiv: Von 100.000 Müttern, die gebären, haben also nur 24 das Aids-Virus an ihr Kind übertragen. Nimmt man die Daten für London (mit seiner hohen Bäte von Drogenmißbrauch) aus der Beobachtung, so verringert sich der Wert für die außerhalb von London liegenden Begion auf vier je 100.000. Das ist so niedrig, daß man sich fragt, ob Aids derzeit zurecht als Epidemie bezeichnet wird.

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