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Klärgrube des globalen Dorfes

Die Welt ist kleiner geworden. Die Probleme für die Menschen in den benachteiligten Regionen dieser Erde sind damit aber nur gewachsen. Die positiven Effekte der Globalisierung kommen in den Entwicklungsländern nicht an. Was hingegen ankommt, ist der Müll und die handelspolitische Diskriminierung aus der Ersten Welt.

Globalisierung funktioniert: Giftige Abfälle an der Elfenbeinküste, radioaktive Fässer in Somalia – Giftmüll aus der ganzen Welt wird gern nach Afrika verschifft, denn diese Art der Entsorgung ist billig. Möglich wird das wegen einer Vermengung von Armut, Korruption und schwacher oder nicht existierender Demokratie. „Uns wird von Globalisierung erzählt, und vom globalen Dorf. Aber wir in Afrika haben den Eindruck, dass wir nur die Klärgrube dieses Dorfes sind“, sagt Umweltaktivist Haidar el Ali aus Senegal.

Das aufsehenerregendste Beispiel der letzten Jahre fand in der Millionenstadt Abidjan in der Elfenbeinküste statt: Eine niederländische Entsorgungsfirma, ein griechisches Schiff, ein ivorisches Unternehmen – zusammen sorgten sie dafür, dass rund 400 Tonnen hochgiftige Raffinerie-Abfälle auf mehreren Deponien entsorgt wurden.

Im Dezember 2004 beschädigten die Flutwellen des Tsunami im Indischen Ozean Behälter mit hochgiftigen Produkten an der somalischen Küste. Seit Ende der achtziger Jahre entsorgten dort europäische Unternehmen Müll, der Uran, Blei und Quecksilber enthielt. Das seit Jahrzehnten in Bürgerkriegs-Agonie verfallene Somalia ist der ideale Adressat für diesen Müll der industrialisierten Welt – niemand, der nachfragt, viele jedoch, die für ihre Zustimmung die Hand aufhalten.

Gute Geschäfte mit schlechtem Müll

Die Basler Konvention von 1989 zur Regelung der Mülltransporte hat zu einer leichten Besserung beigetragen, doch der Handel mit Müll geht weiter. Nicht nur in Somalia gibt es aufrührerische Gruppen, die Geld für Waffen brauchen. „Das ist ein Problem der Armut, mangelnder Demokratie und mangelnder Transparenz“, sagt El Ali, „und deshalb ist das in so vielen Ländern Afrikas leider möglich.“

Ebenezer Njoh-Mouelle, Professor für Philosophie an der Universität Yaoundé in Kamerun, lässt aber auch die Industrienationen nicht aus ihrer Verantwortung für diese und andere entwicklungspolitische Miseren entkommen: „Der Mangel an einer tatsächlichen globalen Autorität“, sagt er, „kann das Gefühl nur verstärken, wonach wir durch die Globalisierung einen noch verschärften Darwinismus erleben. Diese macht die Armen nicht reicher. Im Gegenteil, die Schlucht, die sie von den Reichen trennt, wird noch größer.“ Der Kameruner besteht auf eine Reform der UNO, denn „Aktionen ethischer Regulierung sind unabdingbar, nicht nur, um die Einhaltung der Menschenrechte zu garantieren, sondern auch, um den Einfluss des Rechts des Stärkeren in den globalen Wirtschaftsbeziehungen zurückzudrängen“.

Soziale Ungerechtigkeit tötet

Zahlreiche Studien belegen Njoh-Mouelles Befund. „Während einige Länder sich immer weiter eingliedern und gedeihen, werden andere paradoxerweise immer mehr ausgegrenzt und isoliert“, sagt Harriet Schmidt, die Direktorin des UN-Büros für die am wenigsten entwickelten Länder. Laut UNO gibt es 50 „Least Developed Countries“ (LDC), unter ihnen 35 afrikanische. Zusammen stellen sie zwölf Prozent der Weltbevölkerung, locken aber nur zwei Prozent der weltweiten Auslandsinvestitionen an. Und der Anteil dieser Länder am globalen Export ist zwischen 1950 und 2000 von drei auf 0,7 Prozent gefallen. „Wenn die Kräfte der Globalisierung so weiterwirken wie in den vergangenen 30 Jahren, werden die LDCs weggefegt“, sagt Schmidt.

Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Sommer letzten Jahres geißelt die wachsende soziale Ungerechtigkeit, die weltweit unzählige Menschenleben fordert. Die Globalisierung der vergangenen 25 Jahre habe zwar zu einem enormen Zuwachs des Reichtums weltweit geführt, heißt es in dem Bericht. Die Kluft zwischen den ärmsten und reichsten Ländern habe sich aber dadurch mehr als verdoppelt.

Der Globalisierungsexperte der deutschen Bertelsmann Stiftung, Josef Janning, wiederum erklärte vor zwei Wochen bei der Veröffentlichung einer Untersuchung zum Thema: „Aus der globalen Perspektive betrachtet, produziert die fortgeschrittene Globalisierung zwar insgesamt größeres Wachstum und Wohlstand, aber ihre Ausgestaltung ist nicht gerecht und nachhaltig. Ihre positiven Effekte kommen bei der Mehrzahl der Menschen nicht an.“ Schuld an der Misere haben für Janning vor allem die Eliten in vielen Entwicklungsländern. Deren Versagen verhindere, dass die dort lebenden Menschen vom globalen Wirtschaftswachstum profitieren.

Neben diesem hausgemachten Entwicklungshindernis sind es aber die geltenden Weltwirtschaftsregeln, die Entwicklungsländer draußen und unten halten. „Freihandel ist der Protektionismus der Mächtigen“, bringt es die indische Bürgerrechtlerin Vandana Shiva auf den Punkt. Aber auch Stanley Fischer, bis 2001 Vizedirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF) und damit selbst Gralshüter dieses Wirtschaftsregimes, gibt unumwunden zu: „Das internationale Handelssystem“, wie es die WTO und viele bilaterale Freihandelsverträge kodifizieren, „ist einseitig gegen die Entwicklungsländer ausgerichtet.“

Weg mit den Agrarsubventionen!

Eine zentrale Forderung, um dieses Ungleichgewicht zu beheben, betrifft die Abschaffung der Subventionen für Agrarprodukte in Europa und den USA. Ganze Volkswirtschaften werden durch die Verzerrungen auf dem Weltmarkt für Baumwolle, Bananen, Zucker usw. destabilisiert. Für die Entwicklungsländer, die 70 Prozent ihres Einkommens mit landwirtschaftlichen Produkten generieren, ein unaufholbarer Startnachteil.

Seit mehr als sieben Jahren ist die Doha-Welthandelsrunde durch diese Frage blockiert; der letzte Anlauf zu einer Lösung des Problems ist im Sommer 2008 gescheitert. Und ohne die weitestgehende Erfüllung der Forderung des früheren UNIDO-Generalsekretärs Carlos Magarinos ist keine Einigung in Sicht: „Die Agrarsubventionen müssen fallen“, fordert er, und: „Statt weniger muss es mehr Globalisierung geben.“ Sein Argument: Die Zahl der weltweiten Arbeitskräfte steigt enorm. 90 Prozent der schaffenden Stellen werden in den Entwicklungsländern benötigt, und dafür braucht es Direktinvestitionen aus der entwickelten in die weniger entwickelte Welt.

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