Baumkraft, Bäume, Wald - © Pixabay

Klimagerechtigkeit: „Fettsucht“ versus Fairness

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Verena Winiwarter beleuchtet die vielen Seiten der Umwelt­gerechtigkeit – und plädiert für einen Klimaverfassungskonvent.

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Verena Winiwarter beleuchtet die vielen Seiten der Umwelt­gerechtigkeit – und plädiert für einen Klimaverfassungskonvent.

Es ist ein kleines, aber dichtes Buch, das Verena Winiwarter heuer einem großen Thema gewidmet hat: Klimagerechtigkeit war auch bei der jüngsten Weltklimakonferenz in Scharm El-Scheich einer der zentralen Punkte. Sie bedeutet einen Umgang mit Ressourcen, der zwischen den Staaten für faire Lebensbedingungen sorgt. Aber auch zwischen den Generationen, wie die Wiener Umwelthistorikerin gegenüber der FURCHE betont: „Fairness für den globalen Süden und für künftige Generationen sind hier wie zwei Seiten derselben Medaille. Da geht es nicht nur um eine Verteilungsdebatte, sondern auch um eine moralische Diskussion. Denn im Hintergrund lauert eine unangenehme Frage: Wie fühlt es sich an, wenn wir weiter dafür sorgen, dass es unseren Enkelkindern nicht gut gehen kann?“ Der Kern der aktuellen Ungerechtigkeit: Die Gesellschaft sei nicht an Daseinsvorsorge orientiert und verletze daher massiv die Menschenrechte.

Das Buch erwuchs aus einem Vortrag, den die Autorin bei den Wiener Vorlesungen gehalten hat. Umweltgerechtigkeit ist die Basis aller Gerechtigkeit, so Winiwarters Anliegen. Das betrifft auch weniger beachtete Bereiche wie etwa die Entsorgung von Batterien und Blei-Akkus: „In Indien oder Afrika mangelt es an Sicherheitsstandards; dort ist die Umweltkriminalität am Wuchern. So lässt sich etwa gefährlicher Abfall durch Korruption leicht umdeklarieren, sodass Gefahrenstoffe häufig im normalen Müll landen“, berichtet die ehemalige Professorin an der Universität für Bodenkultur.

Winiwarter versteht es, komplexe Zusammenhänge in anschaulichen Bildern zu vermitteln; nicht umsonst wurde sie 2013 vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten als Österreichs „Wissenschaftlerin des Jahres“ ausgezeichnet. „Die CO₂-Emissionen sind nicht vom sozialen Stoffwechsel zu trennen“, sagt sie. Ein wichtiges Bild in ihrem neuen Buch ist die „Fettsucht“ einer von fossilen Kraftstoffen angetriebenen Gesellschaft. Es bedarf des Entzugs. Verzicht bedeute hier aber nicht Mangel, sondern einen Gewinn an Lebenszeit und Lebensqualität. „Selbst die sauberste Technologie braucht Unmengen an Ressourcen. Ohne Einsparungen wird es nicht gehen“, so Winiwarter, die für einen österreichischen Klimaverfassungskonvent plädiert – als nötige institutionelle Reform für eine klimagerechte Gesellschaft.

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