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Leonardo: Das verklärte Genie

Eine Ausstellung in den Kellerräumen des Schottenstifts Wien zeigt diverse Erfindungen von Leonardo da Vinci. Die Geräte zum Anfassen imponieren – und spärliche Informationen verklären das Universalgenie. Einmal mehr.

Im Jahre 1974 macht Augusto Marinoni eine unerwartete Entdeckung. Bei der Restauration des „Codex Atlanticus“, der größten Sammlung von Leonardo da Vincis Papieren, findet er eine ungewöhnliche Zeichnung: nämlich von einem Fahrrad. Mit Pedalen. Sollte der so vielseitig begabte Leonardo tatsächlich bereits am Ende des Mittelalters dieses einfache wie geniale Fortbewegungsmittel ersonnen haben? Er wäre damit seiner Zeit rund 400 Jahre voraus gewesen! Denn das Zweirad wird erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts (wieder) erfunden, wo es dann binnen kurzer Zeit zum beliebten Individualverkehrsmittel avanciert.

Seiner Zeit weit voraus

Das Fahrrad scheint ein passendes Sinnbild für das überaus kreative Werk des Universalgenies zu sein. Gleich zwei von Leonardos Fahrrädern zieren denn auch die Wander-Ausstellung „Leonardo da Vinci. Der geniale Erfinder“, die zurzeit in den Historischen Kellerräumen des Schottenstifts zu sehen ist. Eines steht gleich vor dem Eingang, wohl auch, um Besucher anzulocken; das andere zentral im ersten Raum. So liebevoll die hölzernen Nachbauten aus des Meisters Skizzen gefertigt wurden, das Ganze hat doch einen Haken: Leonardos Veloziped ist wahrscheinlich eine Fälschung. Es wurde etwa mit Bleistift gezeichnet, Graphitminen aber sind erst Jahrzehnte nach Leonardos Tod erfunden worden. Dass dies dem Besucher verschwiegen wird, ist symptomatisch für die Art, wie Leonardo und sein Schaffen hier – einmal mehr – verklärt werden.

Die Ausstellung ist nach fünf Elementen gruppiert: Feuer (eigentlich: Feuerwaffen), Wasser (von der Taucherflosse bis zum menschlichen Wasserläufer), Erde (zum Beispiel eine Ölpresse), Luft (Fluggeräte) und Mechanik (zum Beispiel das Kugellager). Welcher der fünf Kategorien eine Erfindung angehört, ist nicht immer klar und die verwinkelten Keller-Räumlichkeiten machen eine Zuordnung nicht leichter. So steht in einem kleinen Erker der erste Humanroboter und ist dem Bereich Erde zugeteilt.

Als Bauplan dienten Original-Skizzen, von denen der Besucher Kopien sehen kann. Doch wie authentisch ist diese Bastelei? Zwar beeindruckt die mannsgroße Ritterrüstung mit den vielen Spiralfedern im Innern durch ihr futuristisches Aussehen. Aber es bleibt unklar, was der Roboter überhaupt kann und was nicht.

Das Gleiche gilt für die vielen wunderbaren Flugobjekte: Der pyramidenförmige Fallschirm soll von einem waghalsigen Briten namens Adrian Nicholas im Jahre 2000 erfolgreich getestet worden sein. Und die anderen Flugmaschinen? Funktionieren sie? Selbst ein Laie wird daran zweifeln, dass sich der vertikale Flieger aus massivem Holz jemals in die Lüfte schwingen wird. Offenbar haben wir heute ein treffenderes Gefühl dafür, wie schwierig es ist, die Gravitationskraft allein mit Hilfe von Muskelkraft zu überwinden. Eigentlich erstaunlich, dass wir heute intuitiv so viel richtiger und anders urteilen als Leonardo, der meisterhafte Ingenieur. Auch für die Luftschraube genügt ein kurzer Blick, um festzustellen, dass dieser „erste Hubschrauber“ sicher auf dem Boden bleiben wird. Interessant zu erfahren, dass manche Experten die Bezeichnung „Hubschrauber“ überhaupt für verfehlt halten; es handle sich stattdessen um ein spiralförmiges Spielzeug für ein Fest. Wohlgemerkt: Das verrät die Info-Plakette dem Besucher nicht; man muss es anderswo nachlesen. Schließlich gibt es eine ganze Reihe von Flugobjekten mit recht imposanten Flügelspannweiten. Deren Flugtauglichkeit ist nicht leicht zu beurteilen. Außer man verfügt über einiges an physikalischem Wissen. Oder man recherchiert. Tatsächlich funktionieren Leonardos Vögel (er selbst nannte sie so: uccelli, Vögel) im Allgemeinen nicht. Mit einer Ausnahme: Dem Gleitschirm, der nicht das Vogelgeflatter zu imitieren versucht, sondern durch die Luft segelt. Judy Delen, Weltmeisterin im Drachenfliegen, hat ihn im Jahre 2003 erfolgreich getestet (auch über dieses Faktum informiert die Ausstellung nicht).

Hat Leonardo also als Flugzeug-Konstrukteur im Großen und Ganzen versagt? Das wäre ein höchst ungerechtes Urteil. Er hatte – im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen – eine sehr moderne Überzeugung. Im „Codex Atlanticus“ etwa schrieb er: „Der Vogel ist ein Instrument, das nach den Gesetzen der Mathematik funktioniert, ein Instrument, das der Mensch demnach mit all seinen Bewegungen reproduzieren kann.“ Dass Körper wie Maschinen den gleichen (Natur-)Gesetzen unterliegen, war damals wahrlich eine revolutionäre Idee. Dass es dann mit der praktischen Umsetzung nicht klappen wollte, überrascht nicht: Die Regeln der klassischen Mechanik sollten erst rund zweihundert Jahre später von Isaac Newton formuliert werden. Folglich war etwa das Gravitationsgesetz, wonach die Anziehungskraft umso größer ist, je größer die Masse eines Objekts ist, Leonardo nicht bekannt (wobei er eine dunkle Ahnung davon zu haben schien, verwendete er doch für die Flügel seiner Vögel die leichtesten Materialien).

Mystifizierter Leonardo

Obwohl immer mehr Publikationen über Leonardo erscheinen, ranken sich weiterhin zahlreiche Mythen um sein Leben und Werk. Zum Teil trägt die Forschung selbst das Ihrige dazu bei: So wurde unlängst behauptet, das seltsame Lächeln der Mona Lisa verberge nur deren schwarze Zähne. Diese wiederum seien die Folge einer Syphilis-Erkrankung. Eine Verklärung mit immenser Breitenwirkung erfuhr Leonardo zuletzt durch seine zweifelhafte Rolle in Dan Browns Megaseller „Das Sakrileg“ (im Original: „The Da Vinci Code“).

Eine Ausstellung hätte eine formidable Gelegenheit geboten, um Fakten von Fiktionen zu trennen. Doch dazu reicht es nicht, Wissenschaftsvermittlung auf spektakuläre Modelle (ja, die Objekte sind toll!) und einen Hands-On Approach (ja, man kann die Objekte anfassen – auch das ist toll!) zu reduzieren. Oder in den Worten Leonardos: „Diejenigen, die sich für die Praxis ohne Wissen begeistern, sind wie Seeleute, die ohne Steuerruder und Kompaß ein Schiff besteigen und nie ganz sicher sind, wohin sie fahren.“

LEONARDO DA VINCI.

DER GENIALE ERFINDER

Historische Kellerräume des Schottenstifts

Freyung 6, 1010 Wien

Bis 31.8. Mo–So 10–20, Do bis 21 Uhr

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