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Licht wird fallen auf Darwin

Der Geburtstag von Charles Darwin jährt sich 2009 zum 200. Mal. Die Wissenschaft feiert ein Darwin-Jahr. Eine ungewöhnliche Biografie bereitet Laien darauf vor.

Ein alter Mann, mit weißem Rauschebart und tief zerfurchter Stirn. Das berühmteste Bild zeigt Darwin als eine Art Übervater, der er wohl für viele auch war und ist. Ein kaum bekanntes jünglinghaftes Darwin-Gesicht ziert hingegen das Cover von Jürgen Neffes "Darwin. Das Abenteuer des Lebens". Denn Neffe interessiert sich besonders für diesen jungen Darwin, der als 22-Jähriger seine Schiffsreise auf der Beagle antritt und in dem fünfjährigen, Welt umspannenden Abenteuer so viel Wissen zusammenträgt, dass er ein ganzes Forscherleben davon zehrt. Viele zentrale Ideen aus seinem bekannten (und spät erschienenen) Buch "Über den Ursprung der Arten" etwa stammen aus jener prägenden, frühen Zeit.

Zwei Studien abgebrochen

Der Weg zum großen Wissenschafter scheint dabei keineswegs vorgezeichnet. Das Medizinstudium hat der junge Darwin nach vier Semestern abgebrochen; die zwei Jahre Theologie-Studium in Cambridge irgendwie hinter sich gebracht, um später eine Option auf ein Auskommen zu haben. Sein Vater ist nicht gerade stolz auf ihn: "Du interessierst dich für nichts außer Schießen, Hunde und Rattenfangen, und du wirst dir selbst und deiner Familie zur Schande gereichen!" Auch erachtet der Vater die geplante Schiffsreise seines Sohnes für teure Zeitverschwendung. Wenn sein Onkel nicht ein gutes Wort für Darwin eingelegt hätte, ihm wäre die Reise wohl versagt geblieben. Die Stelle als Naturforscher auf dem Schiff hat ihm ein anderer vermittelt: John Henslow, ehemals Geologie- und dann Botanik-Professor in Cambridge. Er hat ihm die Grundlagen der Pflanzenkunde beigebracht und glaubt an die schlummernden Talente in Darwin.

Nun zeichnet Neffe nicht einfach Darwins Reise als intellektuellen Entwicklungsgang nach, sondern der Autor ist auf Darwins Spuren ein Jahr lang quer über den Globus gefahren - viel davon ebenfalls auf diversen Schiffen, aber mit dem heutigen Komfort (mal mehr, mal weniger) und Equipment wie einem Laptop, auf dem sich etwa eine ganze Darwin-Bibliothek Platz sparend und praktisch unterbringen lässt. Im Buch werden Darwins Erkenntnisse aus seinem einst populären Bericht über "Die Fahrt der Beagle" kursiv in den Text eingeflochten; Neffe kommentiert Darwins Erfahrungen, vergleicht sie mit dem, was er selbst sieht. Das kreative Vergleichen hält Neffe übrigens für einen markanten Charakterzug von Darwin und beherrscht es - da selbst promovierter Biologe - ebenfalls meisterhaft.

Oftmals hat sich an den Schauplätzen wenig geändert. Etwa auf den Kapverdischen Inseln, wo er wie Darwin an einer Steilküste eine weiße Schicht aus kalkhaltiger Materie findet, in der Muschelschalen eingelagert sind, von denen die meisten noch an der umliegenden Küste vorkommen. Darwin schließt richtig, dass diese Schicht einst Meeresgrund mit Korallen und Muscheln war, bis sie bei einem Vulkanausbruch überdeckt wurde. Dass sich die gleichmäßig verlaufende Schicht nun so hoch oben befindet, erklärt er durch Kräfte, die aus dem Erdinnern auf die Küstenlinie wirken und diese emporgehoben haben. Er rezipiert damit die für seine Zeit aktuellen geologischen Theorien, die ein neues Weltbild schaffen - mit unendlich langsamen Bewegungen in unendlich langen Zeiträumen. Auf diese zeitliche Tiefendimension wird Darwin später auch für seine biologische Theorie über die Entstehung der Arten zurückgreifen. Neffe zeigt sich dennoch verblüfft, dass 175 Jahre nach Darwin alles noch genauso zu sehen ist, wie Darwin es damals beschrieb.

Exkurse in die Gegenwart

Oftmals weicht Neffe aber auch von den historischen Pfaden ab. Meist fügen sich seine Exkurse und Exkursionen dabei nahtlos in das Geschehen ein. In Australien besucht er zum Beispiel einen Reproduktionsmediziner, um darauf hinzuweisen, dass gerade jetzt der Mensch dabei ist, die natürliche Auslese durch eine "kultürliche" zu ersetzen - Stichwort: Präimplantationsdiagnostik. Dass bald die Eltern über die Gene ihres Nachwuchses bestimmen werden, hält der liberale Forscher für den nächst logischen Schritt in der technischen Entwicklung. Auf Neffes Einwand, dass sich die Eltern durch diese Wahl eine schwere Bürde auferlegen, antwortet der Mediziner: "Im Gegenteil: Schon bald wird es als unakzeptabel gelten, dem Nachwuchs die bestmögliche genetische Ausstattung zu verweigern."

Bei den Versuchen, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, verwebt sich Biologie nur allzu oft mit Politik - das war bei Darwin so und ist bei Neffe so. Fasziniert zeigt sich Darwin etwa über den südamerikanischen Stamm der Yámana, konkret darüber, wie groß der Unterschied zwischen dem wilden und dem zivilisierten Menschen ist. Mit seinem latenten Rassismus erweist sich Darwin auch als Kind seiner Zeit, wobei er so weit geht, den Unterschied in den Rassen auch biologisch festzumachen. Ein Missionierungsprojekt durch zivilisierte Engländer schlägt dann fehl. Neffe bleibt das zweifelhafte Glück, bei Kap Hoorn zufälligerweise auf die letzte Nachfahrin der Yámana zu treffen.

Eine unrühmliche Kontinuität findet sich auch auf Mauritius: Darwin wandte sich 1874 mit anderen Naturforschern mit einer ungewöhnlichen Bitte an den damaligen Gouverneur der Insel: Er wünschte sich den Schutz der vom Aussterben bedrohten Riesenschildkröten. 2008 ist nur noch ein kleiner Teil der ursprünglichen Artenvielfalt vorhanden. Neffe hört bei einer Führung durch lokale Biologen immer wieder den Nachsatz: "Auch X ist vom Aussterben bedroht." Jene, die davon wenig bis gar nichts mitkriegen, sind die zahlreichen reichen Touristen, die in luxuriösen Hotel-Komplexen weilen. Für sie bleibt Mauritius, was die Werbung verspricht: "Le Paradis".

Es sind überraschende Querbezüge wie diese, zwischen dem Damals und dem Heute, die den hohen Unterhaltungs- und hohen Bildungswert dieses getexteten "Roadmovie der Wissenschaft" (so die Verlagsbeschreibung) ausmachen. Und obwohl das Darwin-Jahr noch nicht begonnen hat, viele Bücher über den großen Biologen noch nicht auf dem Markt sind, wird dies mit Sicherheit die ungewöhnlichste Darwin-Biografie sein.

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