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"Liebe ist viel kleiner, als wir denken“

Barbara Fredrickson über den Einfluss positiver Emotionen auf Psyche und Gesundheit und ihre revolutionäre Sichtweise auf unser höchstes Gefühl.

Seit vielen Jahren forscht Barbara Fredrickson zur Wirksamkeit positiver Gefühle auf Körper, Geist und Verhalten. Für ihre Theorie zur Kultivierung heilsamer Gemütsverfassungen wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (s. Kasten). Zuletzt hat sie mit neuartigen Thesen zum Gefühl der Liebe für Aufsehen gesorgt. Anlässlich eines Vortrags und Workshops in Österreich traf sie die FURCHE zum Gespräch.

Die Furche: Von der Bibel bis zum Dalai Lama wird auf die Bedeutung positiver Emotionen verwiesen. Was weiß man heute zur Wirkung heilsamer Gemütszustände auf unsere körperliche Gesundheit?

Barbara Fredrickson: Wir wussten längst, dass chronischer Stress krank macht. Nun können wir umgekehrt zeigen, dass positive Emotionen die Gesundheit schützen. Liebe, Freude und andere heilsame Gefühle führen zu Veränderungen der biochemischen Kaskaden im Körper. Bereits bei einer angenehmen Unterhaltung steigt der Level von Botenstoffen wie Oxytocin und Progesteron. Das triggert viele positive Effekte für unsere Gesundheit. Bei Menschen, die regelmäßig positive Emotionen generieren konnten, fanden wir etwa einen effizienteren Herzrhythmus und ein geringeres Herzinfarktrisiko. Zudem sahen wir im Immunsystem zelluläre Veränderungen, assoziiert mit einer Risikoreduktion für entzündliche Erkrankungen. Das Immunsystem wird also auch von den jüngsten Geschichten unseres Gefühlslebens geprägt.

Die Furche: Und wie wirken positive Emotionen auf unser Denken?

Fredrickson: Alle Emotionen haben einen Einfluss auf die "Offenheit“ unseres Geistes. Negative Gefühle führen bekanntermaßen dazu, dass sich der Geist auf wenige Dinge versteift. Positive Gefühlsverfassungen hingegen öffnen die Wahrnehmung, was anhand der Erweiterung des Gesichtsfelds konkret nachgewiesen wurde. Bereits eine milde positive im Vergleich zu einer bloß neutralen Erfahrung führt zu einer gesteigerten Informationserfassung sowie zu einem kreativeren und flexibleren Denken. Das "Coping“ im Hinblick auf die Schwierigkeiten des Lebens wird dadurch verbessert.

Die Furche: Gibt es auch spezielle Verhaltenseffekte heilsamer Gemütsverfassungen?

Fredrickson: Positive Emotionen vergrößern unser Verhaltensrepertoire. Aufgrund erhöhter Energie und Offenheit entwickeln positiv gestimmte Menschen mehr Ideen für künftige Handlungen. Es entsteht der Wunsch, in Gesellschaft zu sein oder sich körperlich zu betätigen; das Interesse an neuen Erfahrungen steigt. Wenn man sich gut fühlt, will man das Leben erforschen und in die Zukunft investieren. All diese Aktivitäten lassen sich unter dem Begriff des "Wellness-Verhaltens“ subsumieren. Ob positive Verfassungen auch eigene biologische Merkmale haben, etwa hohe Oxytocin-Spiegel und geringes Entzündungsniveau, soll nun durch Studien geklärt werden. Denn umgekehrt zeigt die Forschung, dass bereits geringe Entzündungsherde dazu führen, dass Menschen weniger Motivation und Energie verspüren oder sich womöglich überhaupt nur noch unter dem Kopfpolster verkriechen wollen.

Die Furche: Ihre Theorie zielt darauf ab, diese positiven Zustände langfristig zu kultivieren. Wie kann denn das gelingen?

Fredrickson: Ebenso wie Depression, Entzündungen und Erkrankungen eine psychische Abwärtsspirale auslösen können, gibt es auch eine Aufwärtsspirale in Richtung gesteigerten Wohlbefindens. Wenn sich positive Erfahrungen körperlich niederschlagen, wird das entsprechende Verhalten attraktiver und emotional lohnender. Wenn Verhaltensweisen zu einem erfreulichen Erlebnis führen, will man mehr davon haben. So entstehen positive Feedback-Schleifen, die Menschen zunehmend in Richtung gesundes Verhalten ziehen.

Die Furche: Sie haben zuletzt ein Buch über die Liebe geschrieben. Warum meinen Sie, dass wir unsere Vorstellungen über dieses "größte Gefühl“ aktualisieren sollten?

Fredrickson: Vielleicht sind unsere Ideen über Liebe nicht ganz richtig, weil Liebe viel kleiner, verfügbarer und einflussreicher ist, als wir denken - ganz anders als in dieser märchenhaften Idee der romantischen Liebe. Positive Emotionen scheinen einen Extra-Effekt zu haben, wenn sie zusammen mit anderen Menschen erlebt werden. Aktuelle Forschung weist darauf hin, dass es bei emotionaler Verbundenheit zwischen zwei Menschen zu einer Synchronie der Nervenzellen kommt, wie wenn ein Gefühl über zwei Gehirne und Körper gleichsam hinweg rollt. Diese Momente, wenn positive Emotionen zwischen Menschen einen Resonanzraum finden - das bezeichne ich als Liebe! Denn diese Erfahrung positiver Resonanz scheint für unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unser Gefühl der Geborgenheit ganz besonders wichtig zu sein.

Die Furche: Das heißt Sie plädieren dafür, die Definition der Liebe drastisch zu erweitern ...

Fredrickson: Positive Resonanz kann man auch mit einer Person erfahren, die man gerade erst getroffen hat. Solche Mikro-Momente der Verbindung kann man 50-mal am Tag erleben. Mit dem aufgeladenen Begriff der "Liebe“ wollte ich ihre Bedeutung unterstreichen, denn wir geben diesen Momenten bislang nicht die gebührende Aufmerksamkeit. Dabei erwachsen alle schönen Beziehungserfahrungen aus diesen kleinen Momenten.

Die Furche: Wäre es nicht an der Zeit, auch den Stellenwert der negativen Emotionen hervorzuheben, da diese aus unserer positiv strahlenden Konsumkultur völlig abgedrängt zu werden scheinen?

Fredrickson: Leider ist das Marketing vor der Wissenschaft auf den Wert der positiven Emotionen gekommen. Aber da die Forscher zunächst einem medizinischen Modell verpflichtet waren, gerieten vorerst nur die schwierigen Emotionen ins Blickfeld. Heilsame Gefühle wurden lange Zeit gar nicht beachtet. Die Positive Psychologie ist nun daran, dieses Ungleichgewicht zu adjustieren. Unzureichendes Wissen darüber kann jedoch zu großen Frustrationen führen, etwa wenn man fälschlicherweise glaubt, es gehe darum,immer nur gut gelaunt zu sein. Tatsächlich sollen Menschen dazu befähigt werden, das gesamte Spektrum ihrer Emotionen wahrzunehmen und anzuerkennen - und dabei nicht länger als nötig mit belastenden Erfahrungen zu verweilen.

Die Furche: In der Welt der Religionen hat das Nähren heilsamer Emotionen wie Liebe oder Mitgefühl eine große Bedeutung. Sehen Sie da vielleicht Analogien oder Schnittstellen zu Ihrer Forschungsarbeit?

Fredrickson: Als ich vor Jahren meine "Broaden-and-Build“-Theorie überprüfen wollte, stieß ich durch Zufall auf die buddhistische Meditation der "Liebenden Güte“ (Metta). Das war eine große Erleichterung, denn damit brauchte ich das Rad nicht neu zu erfinden: Hier war bereits eine jahrtausendealte Technik, um emotionale Gewohnheiten positiv zu verändern. Generell bin ich fasziniert, wie viel Wissen in alten spirituellen Traditionen über bedeutsame Erfahrungen der Menschheitsentwicklung zu finden ist. So scheint mir die Sichtweise der Liebe als Momente emotionaler Verbundenheit gut zu christlichen Aussagen zu passen, zum Beispiel wenn Jesus sagt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Hier kommt für mich das Erhebende zum Ausdruck, wenn Menschen mit ihrer gemeinsamen Andacht einen positiven Resonanzraum etablieren.

Die Macht der Liebe

Ein neuer Blick auf das größte Gefühl

Von Barbara L. Fredrickson, Campus Verlag 2014.

304 Seiten, geb., E 23,70

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