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Melanie die Große

Sie ist in aller Munde: Melanie Klein, deren Todestag sich im September zum 50. Mal jährte, ist posthum zu einer der zentralsten Figuren der modernen Psychoanalyse aufgestiegen.

Klein, 1882 in Wien geboren, beschäftigte zuletzt eine Sorge: #Was wird von mir bleiben?#, soll, so heißt es, eine ihrer Fragen der letzten Jahre gewesen sein; Jahre, die sie # wie einen guten Teil ihres Lebens # in London verbrachte.

Dort war es ihr gelungen, einen prägenden Einfluss zu entwickeln: Wilfried R. Bion, eine wirkmächtige Gestalt der Psychoanalyse; Hanna Segal, Grande Dame der britischen Analyse; Esther Bick, Initiatorin der Säuglingsbeobachtung; Otto Kernberg, aktuell der vielleicht renommierteste Vertreter der Psychoanalyse: Sie alle wurden im Umfeld von Melanie Klein groß. Oder erhielten von ihr, wie Kernberg, Denkanstöße.

In London hatte Melanie Klein ihre größten Konflikte zu überstehen. Jahrelang herrschte etwa zwischen ihr und Anna Freud geradezu Krieg, waren doch beide Spezialistinnen für Kinder-Analyse, allerdings auf Basis unterschiedlicher Konzepte.

Würdigung in Vorträgen und in Texten

Und hier und heute? # Melanie Klein steht weiter hoch im Kurs. Tendenz steigend, wie Beispiele zeigen. Die #Wiener Psychoanalytische Akademie# widmet kommende Veranstaltungen der britischen Tradition der Psychoanalyse, sprich: Melanie Klein und ihren Nachfolgern. Und ein zentraler Beitrag im heurigen Sonderheft von #PSYCHE#, der anerkanntesten Zeitschrift für Psychoanalyse in Deutschland, zum Schwerpunkt #Depression# stammt von David Taylor. Mithin von einem Tavistock-Mitarbeiter, der keine Zweifel darüber lässt, wie prägend die #Klein-Bion-Linie# an der Tavistock-Clinic nach wie vor ist. Der amerikanische Psychoanalytiker James S. Grotstein spricht in seinem unlängst erschienen Buch #But at the same time and on another Level# von #Kleinian/Bion Mode#, der er sich verpflichtet fühle # und die sich seiner Ansicht nach über die ganze Welt ausgebreitet hat.

Was macht Klein auch 50 Jahre nach ihrem Tod so interessant?

Es ist wohl einfach der ganz andere Blick, den sie auf den Menschen eröffnet. Denn bei Klein ist dieser # zumindest am Ende ihrer Theorie-Entwicklung # dominiert vom Neid:

Nicht Liebe oder Sexualität, geschweige denn Ratio oder Bewusstsein sind die Kräfte, die alles im Menschen prägen und bewegen, sondern ein angeborenes Neidgefühl, das Folgen für die Entwicklung hat. Oder besser: haben kann. Denn der Neid ist nicht immer gleich stark ausgeprägt; es ist eine Frage der Konstitution und Veranlagung, welche Intensität Neidgefühle aufweisen. Ist Letztere hoch, hat es der Neid #in sich#, und zwar von Anfang des Lebens an:

Frühkindlicher Neid auf die Brust

Dann wird der Säugling die Mutter-Brust und damit die Mutter (die das Baby nur langsam in ihrer Ganzheit zu erfassen beginnt) nicht nur als so etwas wie eine Quelle des Lebens, als eine Art absolute Fülle erfahren. Vielmehr wird die Brust, gerade weil sie nähren kann und so auch schöpferisch und kreativ ist, um das alles beneidet werden. Und ist das der Fall, so wird sich die Mutter/Brust in der Fantasie des Kindes in etwas verwandeln, das ihm grundsätzlich zu wenig gibt, ja ihm das Beste wahrscheinlich sogar vorenthält. Weshalb man auf diese Mutter/Brust eigentlich zornig sein muss. Was wiederum # und das ist der entscheidende Punkt # zur Folge hat, dass das Kind diese Mutter/Brust nicht in einem positiven Sinne in sich verankern kann. Oder, wie das in der Kleinianischen Tradition heißt, zu keinem positiven Inneren Objekt für sich machen kann.

Was fatale Konsequenzen nach sich zieht. Denn es sind diese positiven Inneren Objekte, die als verinnerlichte, #seelisch nährende# Beziehungserfahrungen das Glück des Menschen bestimmen: Erst wo sie gegeben sind, wird ein Mensch zu Gefühlen tiefer Dankbarkeit fähig, kann er Freude am anderen und am gemeinsamen Tun empfinden. Erst durch positive Innere Objekte wird eine stabile, tragende Identität entstehen, eine innerer Sicherheit, die die Welt zu einer gestaltbaren und reichen Welt macht.

Wo also zu viel Neid herrscht und keine Transformation desselben durch eine, wie es Bion später formuliert hat, #kommensale Beziehung#, ergo durch eine ganz innige Lern-Beziehung zwischen Mutter und Kind, passiert, tut sich eine verzerrte Innere Welt auf. Die dabei, wie Innere Welten bei Klein überhaupt, ein bestimmendes Universum bildet.

Denn es ist einer der Clous des Kleinianischen Ansatzes, dass die menschliche emotionale Innenwelt eine fundamentale Aufwertung erfährt: Sie bestimmt mehr als das reale Tun eines anderen, wie dieser erfahren und erlebt wird; es sind die # vorhandenen oder auch fehlenden # Inneren Objekte mit ihrem Aussehen, die dafür sorgen, ob man einem Mitmenschen vertrauensvoll oder ablehnend begegnen wird. Wobei Letzteres der Fall sein kann, wenn sich wegen des Neides statt eines guten ein böses #verfolgendes# Objekt in einem festgesetzt hat. Was der intensive Neid nach Ansicht von Klein insofern bewirkt, als die stark beneidete und darum sogar gehasste Mutter/Brust im psychischen Erleben des Kindes zu einer sich rächenden Mutter/Brust wird # und so ein rächendes Inneres Objekt hervorbringt, das gleichsam hinter einem her ist. Und damit, als prägendes Beziehungsmoment, auch die Mitmenschen hinter einem her sein lässt. Weshalb man diesen nur vorsichtig, ja ablehnend begegnen kann.

Eine solch dominante Innenwelt macht eine andere klinische Praxis, einen anderen psychoanalytischen Umgang mit den Patienten nötig. Weniger gilt es herauszufinden, wie die Eltern sich dem Patienten gegenüber verhalten haben, seine Inneren Objekte und Objektbeziehungen müssen bearbeitet werden. Die Analytikerin oder der Analytiker konzentrieren sich auf das #Hier und Jetzt#, untersuchen, wie sich das Gegenüber in der therapeutischen Beziehung verhält. Dieses Verhalten ist zu deuten, sprich: Der Patienten ist z. B. darauf hinzuweisen, dass er oder sie dem Analytiker gegenüber gerade wie ein kleines Kind agiert, das auf seine Mutter wütend ist, weil diese mehr als es selber weiß. Was im Übrigen in diesem konkreten Fall nichts anderes bedeuten würde, als dass sich in der therapeutischen Beziehung der Neid auf die Mutter/Brust wiederholte # ein Neid, der jetzt durch das Begreifen im Erleben einer Durcharbeitung und Auflösung zugeführt werden soll.

Grundlage für eine bewährte Methode

Tatsächlich ist diese #Fokussierung auf die Übertragung# das vielleicht wichtigste Erbe von Melanie Klein, welches sich im klinischen Alltag mehr als nur bewährt hat: Auf seiner Basis hat Otto Kernberg seine #übertragungsfokussierte psychodynamische Psychotherapie# entwickelt, die heute als stärkste Methode für den Umgang mit schweren Persönlichkeitsstörungen wie der Borderline-Störung gilt # nicht nur innerhalb der analytischen Tradition.

Dennoch: Bei all den Sichtweisen, die Klein eröffnet hat, und den Erfolgen # es hat nie an Kritik an ihrem Werk gemangelt.

Sie behauptete unter anderem, schon der winzige Säugling würde in seinem # neidbedingten # Hass auf die Mutter in diese in der Fantasie eindringen, sie aussaugen oder zerstückeln wollen. Er entwickelt den Modus der #projektiven Identifikation#, um sich etwa von den Verfolgungsängsten zu befreien, die die Zerstückelungsfantasien in ihm hinterlassen. So wird Belastendes abgespalten und dem Gegenüber unterstellt, von ihm ginge dies aus.

Dafür ist Klein als zu #konkretistisch# kritisiert worden, denn kein Mensch könne sagen, was in einer Baby-Seele wirklich vorginge. Oder als zu #mystisch#, weil es letztlich offen bleibt, wie genau diese #projektive Identifikation# passiert # zu der, so Klein, ja gehört, dass sich derjenige, auf den beispielsweise Aggression projiziert wird, auch wirklich aggressiv fühlt. Wobei ein besonderer Kritikpunkt immer die Kleinsche Konzentration auf die Mutter war; denn warum kann das von Klein Herausgearbeitete nicht generell für Erwachsene gelten?

Den Narziss verstehen

Wie auch immer: Durch die Kleinianische Konzentration auf Objekte und Objekt-Beziehungen wird vieles fassbar. So zum Beispiel der pathologische Narzisst, der sich mit großen Leistungen in den Mittelpunkt zu stellen versucht # weil er von seinem Erleben her nicht großartig ist. Er hat dort, wo andere ein positives nährendes Objekt haben, ein inneres seelisches #Loch#, das ihn nichts empfinden, aber von einem Tun zum nächsten hetzen lässt; stets begleitet von der unbewussten Hoffnung, ein nährendes Objekt zu finden.

Fassbar wird mit Klein der # sexuell # Übergriffige, dem Bezugspersonen als einbohrende Objekte übrig geblieben sind, die seine Aggressionen noch anstacheln und Beziehung als Überwältigung des anderen bestimmen.

Mag sein, dass das noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist; in der Praxis haben sich jedoch die Zusammenhänge zwischen Objekt-Relationen und den entsprechenden Verhaltensweisen immer wieder bestätigt.

* Der Autor ist Psychoanalytiker in Ausbildung und betreibt mit Michaela Ritter das #Büro für Perspektivenmanagement#

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