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Mit der Bäckerhefe zum Nobelpreis

Der altgriechische Begriff "Autophagie" bedeutet so viel wie sich selbst essen, Selbst-Einverleibung. Er stammt nicht aus einer Klassifikation der Geisteskrankheiten, sondern aus der Molekularbiologie. Auf der Ebene unserer Zellen ist das ein wichtiger Prozess. Störungen der Autophagie spielen wahrscheinlich bei Krebs-, Infektions- und Immunerkrankungen eine Rolle, auch beim Verlust von Nervenzellen wie etwa der Alzheimer-Demenz. Und sie könnten generell zu einem frühzeitigen Alterungsprozess führen. Seit den 1960er-Jahren haben Forscher diesen Vorgang beschrieben. Aber bis zu den bahnbrechenden Arbeiten von Yoshinori Ohsumi wusste man nicht wirklich, wie dieser körpereigene Recyclingprozess im Zellinneren abläuft und welche Bedeutung er für die menschliche Gesundheit hat.

Eben dafür wurde dem japanischen Zellbiologen nun der Nobelpreis für Medizin zugesprochen. Der 71-jährige Professor, der seit sieben Jahren am "Tokyo Institute of Technology" lehrt, benutzte Bäckerhefe, um dem Geheimnis der Autophagie auf die Spur zu kommen. Er kultivierte Hefe, der bestimmte Abbauenzyme fehlten, und setzte die Zellen unter Stress, indem er sie aushungerte. Das Experiment führte zu freudigem Staunen: Schon bald wurden die angeschwollenen Zellbläschen im Mikroskop sichtbar, denn die dort einverleibten Zellreste konnten nicht mehr abgebaut werden. Sodann konnte Ohsumi die daran beteiligten Gene identifizieren. "Er ging dann weiter und zeigte, dass eine ähnliche Maschinerie auch in unseren Zellen benutzt wird", hieß es in der Begründung des Nobelpreiskomitees. Sein Doktorat erlangte der Forscher 1974 an der Universität Tokyo. Doch seine Dissertation war wenig eindrucksvoll, er fand zunächst keinen Job.

Sein Betreuer legte ihm eine Post-Doc-Stelle an der Rockefeller-Universität in New York nahe, wo er schließlich drei Jahre verbrachte. "Ich wurde ganz schön frustriert", sagte er 2012 rückblickend. Immerhin fand er mit der DNA-Forschung an der Bäckerhefe ein Projekt, mit dem er an die Uni Tokyo zurückkehrte. "Ich bin nicht besonders kompetitiv", bemerkte der Forscher, der von Kollegen als ruhig und beharrlich beschrieben wird. "Deshalb halte ich immer Ausschau nach neuen Forschungsfragen, auch wenn diese nicht so populär erscheinen." Die Fährte, die er damals aufnahm, war jedenfalls goldrichtig: Sie führte ihn zu den Entdeckungen, die ihm heute den Nobelpreis eingebracht haben. Die Auszeichnung ist mit 831.000 Euro dotiert.

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