Mit Heraklit im unkontrollierbaren Weltfeuer

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Oliver Tanzer über Heraklits Naturgesetzzeiten.

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Oliver Tanzer über Heraklits Naturgesetzzeiten.

Man soll ja die alten Philosophen nicht aktualisieren, aber manchmal passen sie so gut in die Zeit, dass Zurückhaltung schwerfällt. Heraklit, der Dunkle unter den Genies der griechischen Antike, hat einmal gesagt, der Krieg sei der Vater aller Dinge. Er hat damit viel Verwunderung bei friedlichen Geistern ausgelöst. Aber vielleicht meinte er da, dass vieles entsteht, nicht nur wenn man miteinander streitet, sondern wenn man Dinge zusammenfügt und aneinander reibt.

Das können wirkliche Gegenstände genauso sein wie Ideen. Stets würde dadurch so etwas wie Wärme entstehen, einmal in tatsächlich körperlichen, aber natürlich auch im gedanklichen Sinn. Und diese Reibung, dieser „Krieg“ lässt Dinge erst entstehen. Selbst Elektrizität entsteht ihrer Natur nach durch Reibung von Elementen aneinander. Und wenn man alle Intelligenz als Produkt elektrischer Impulse sieht, dann ist Reibung, also „Krieg“ und Wärme und Erhitzung tatsächlich der Vater oder die Mutter aller Dinge – der Krieg als Spender des Funkens Leben. Das lässt sich erweitern bis in die Entwicklung der Menschheit und der Ökonomie. Stand nicht am Anfang der menschlichen Zivilisation das Feuer?

Ergab sich daraus nicht Kultur – und Fortschritt: gebrannter Ton, aus dem Feuerofen gewonnene Metalle, die Erzeugung von Stahl und anderen Fabrikwaren durch die Verbrennung von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen? Wir leben, töten und überleben in diesem Sinn durch Erhitzung. Und was wir nun kennen lernen müssen, ist ihre Übertreibung durch Überhitzung, dass unser konstruiertes Weltfeuer eben nicht mehr „nach Maßen erglimmt und nach Maßen erlöscht“, wie zu Heraklits Naturgesetzzeiten.

Das gilt zunächst für die Märkte, die seit Jahrzehnten niemals ruhen dürfen und die gleichsam heilige Pflicht auferlegt bekommen haben zu wachsen. Dann die Überhitzung des gesellschaftlichen Klimas – und schließlich jene des Weltklimas, das die Summe der Fehler in allen anderen Feldern menschlicher Tätigkeit darstellt. Wo regiert dann noch Kühle? In unserer Sehnsucht jedenfalls. Denn da ist selten die Rede von Glut und Feuer. Die einen sehnen sich nach mehr Langsamkeit, die anderen nach Urlaub oder einfach nach einem erfrischenden Bad. „Die Seelen dünsten aus dem Feuchten hervor“, hat Heraklit geschrieben – und damit vielleicht gemeint, dass wir eigentlich ganz anders sind und sein können.

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