Gehirn - © Foto: iStock/Firstsignal

Moral und Gehirn: Vom Ekel zum Skrupel

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Sind moralische Wertungen nur Resultate der Hirnaktivität? Oder rein geistige Kategorien, unabhängig von Körpern und Gehirnen? Über eine faszinierende menschliche Fähigkeit.

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Sind moralische Wertungen nur Resultate der Hirnaktivität? Oder rein geistige Kategorien, unabhängig von Körpern und Gehirnen? Über eine faszinierende menschliche Fähigkeit.

Der nette Herr Doktor auf dem Sessel mir gegenüber schwingt einen kleinen Hammer und trifft mich knapp unter dem Knie. Nicht aus Bosheit, sondern um meine Reflexe zu testen, und das Resultat lässt nicht auf sich warten: Mein Unterschenkel schnellt nach oben. Die Verbindungen zwischen Nerven, Muskeln und Nervenzellen im Rückgrat sind sehr gut bekannt, und es steht außer Frage, dass meine durch den Hammerschlag ausgelöste Beinbewegung ein Resultat meines aktiven Nervensystems ist.

Auf dem Heimweg von der ärztlichen Untersuchung komme ich an einer Bäckerei vorbei, aus der mir der Duft frischgebackenen Brotes entgegenweht. Sofort bekomme ich Hunger und verspüre den Drang, ein Sandwich zu essen. Die von dem frischen Brot strömenden Duftstoffe haben die Rezeptoren in meiner Nasenschleimhaut erreicht und dort Signale ausgelöst, die von dort in mein Hirn geleitet wurden. Dort wurde dann in einer komplexen Wechselwirkung zwischen verschiedenen Hirn­regionen beschlossen, dass mein Hungergefühl (ein Antrieb, Nahrung zu suchen) die richtige Antwort auf den Brotgeruch (ein Signal verfügbarer Nahrung) ist. Niemand, der sich ernsthaft mit der Hirnforschung befasst, würde bezweifeln, dass meine Reaktion auf den Brotduft eine Funktion meines Nervensystems ist.

Zu Hause angekommen, setze ich mich mit dem Laptop auf die Couch und lese aktuelle Zeitungsartikel. Ein Thema ist der Strom von Migranten und Asylsuchenden nach Europa. Es gilt hier, Rechte, Pflichten und moralische Prinzipien gegeneinander abzuwägen. Sind auch diese moralischen Wertungen Resultate meiner Hirnaktivität? Oder sind Bewertungen wie „unmoralisch“, „unehrlich“ oder „menschlich nicht vertretbar“ platonische Kategorien, die unabhängig von Hirnen und Nervenzellen existieren?

Die Hirnforschung als eine der Leitwissenschaften des frühen 21. Jahrhunderts ist der Ansicht, dass moralisches Denken und Handeln Resultate von Hirnaktivität sind. Dieser Optimismus basiert primär auf den Fortschritten bei den bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung. Diese haben ein unvergleichliches Fenster in die Hirne handelnder und denkender Menschen aufgestoßen. Mittels dieser computertomografischer Verfahren können die Hirnforscher kleinste Veränderungen der von den Nervenzellen erzeugten Elektrofelder messen – und dadurch bestimmen, welche Hirnregionen zu welchem Zeitpunkt aktiv sind. Die Resultate dieser bildgebenden Verfahren sind spektakulär: Sie haben viel zum Verständnis von Hirnfunktionen wie dem Sehen, Hören oder der Steuerung unserer Muskeln beim Gehen und Greifen beigetragen.

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