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Kampf um Garten Eden

DISKURS
Nationalpark Hohe Tauern-Juwel Osttirol - Almbauern drohten, sich die Besetzung der Donau-Auen im Kampf gegen das Kraftwerk Dorfertal zum Vorbild zu nehmen. Im Bild die Steineralm/ Muntanitz. - © Wolfgang Machreich

Nationalpark Hohe Tauern I: Hainburg in den Bergen

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Der Sieg der Nationalparkidee war nach der „Heiligenbluter Vereinbarung“ vor 50 Jahren alles andere als ausgemacht. Es hätte auch ganz anders kommen können – mit viel weniger echter Wildnis.

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Der Sieg der Nationalparkidee war nach der „Heiligenbluter Vereinbarung“ vor 50 Jahren alles andere als ausgemacht. Es hätte auch ganz anders kommen können – mit viel weniger echter Wildnis.

Den Nationalpark Hohe Tauern in Kaprun und am Kitzsteinhorn entdecken zu wollen, klingt nach Widerspruch in sich: Der „Mythos Kaprun“ steht mit seinen Staumauer-Kathedralen für Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Fortschrittsglauben. Das Gletscherskigebiet Kitzsteinhorn wiederum ist ein Relikt aus Zeiten, in denen man „sanften Tourismus“ mit Rückständigkeit gleichsetzte und die Ahnung vom menschengemachten Klimawandel noch in Fachjournalen von Meteorologen und Glaziologen schlummerte. Doch so wie in der Fotografie der Kontrast ein zentrales Stilmittel ist, so verspricht der Blick vom Technik-Balkon der Hohen Tauern in ihren Wildnis-Garten ein besseres Verständnis dafür, was mit der Schaffung dieses ersten und größten Nationalparks in Österreichs an einmaliger Bergnatur vor dem Zugriff von Energie-, Tourismus- sowie extensiver Jagd-, Forst- und Landwirtschaft gerettet und damit langfristig erhalten wurde.

Die „Explorer Tour“ aufs Kitzsteinhorn wirbt mit der Erforschung von vier Klimazonen vom Tal bis in die Welt der Gletscher an einem Tag – mit vier Seilbahnen und einem Nationalpark Ranger. Der Ranger ist eine Frau und heißt Barbara. Ihr Berufsweg lässt sich ebenfalls als zurück zur Natur interpretieren: Nach Jahren als Bahnhofsvorstand wechselte sie zum Nationalpark, erklärt nun den Besuchern Flora und Fauna der Bergwelt: Wer weiß schon, dass der Blaue Eisenhut derartig giftig ist, dass man ihn nicht einmal angreifen sollte? Und wer denkt daran, dass der über der Gruppe kreisende Gänsegeier nur auf Kurzbesuch im Aas-Buffet des Kaprunertals ist und nach der Beutetour in seinen kroatischen Heimathorst zurückfliegt?

Der Nationalpark bietet heute jenen Tierarten einen gesicherten Lebensraum, die nach einer Ausrottungswelle zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus fast ganz Europa verschwunden waren. Barbara erinnert an den Bartgeier, den „ein Missverständnis“ zum Lämmergeier umtaufte, weshalb man ihm den Garaus machte. Seit 2010 gibt es im Rauriser Krumltal wieder die ersten erfolgreichen Bartgeierbruten Österreichs. Auch rund 40 Steinadlerpaare brüten in den Hohen Tauern, die sich zu einem Kernlebensraum für diese Spezies entwickelt haben. Steinbock und Murmeltier sind weitere Beispiele für beinahe verschwundene Arten, die heute wieder weit verbreitet sind.

Biodiversität-Hotspot

Regelmäßige Biodiversitäts-Erhebungen stellen dem Nationalpark das beste Zeugnis aus: Trotz extremer Bedingungen beherbergt das Schutzgebiet ein Drittel aller in Österreich vorkommenden Pflanzenarten. Im Nationalpark Hohe Tauern finden sich zudem 99 Endemiten, also Tier- und Pflanzenarten, die nur in einer räumlich klar abgegrenzten Umgebung vorkommen, was die Bergregion zum Endemiten-Hotspot Österreichs von europaweiter Bedeutung macht. Neun Arten kommen weltweit nur im Nationalpark Hohe Tauern vor. 80 Prozent der von der EU als schützenswert definierten Lebensräume finden sich in den sechs österreichischen Nationalparks. Wobei sich die Nationalparks in den Alpen bestens mit den Nationalparks in der Ebene ergänzen. Während die Vielfalt bei Pflanzen und Lebensraumtypen in den Bergen liegt, zeichnen die Donau-Auen, den Neusiedler See und Seewinkel eine in Österreich einzigartige Fisch und Vogel-Diversität aus.

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