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75 Jahre DIE FURCHE

DISKURS
WEIRD - © Foto: iStock/pixelfit

Nicht alle Menschen sind WEIRD

1945 1960 1980 2000 2020

Vor zehn Jahren erschütterte ein revolutionärer Begriff eine ganze Wissenschaft: die „WEIRD-People“. Was haben wir daraus gelernt?

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Vor zehn Jahren erschütterte ein revolutionärer Begriff eine ganze Wissenschaft: die „WEIRD-People“. Was haben wir daraus gelernt?

Auch Wissenschaft funktioniert heutzutage nur über gutes Marketing. Hätte der US-Anthropologe Joseph Henrich für sein Konzept nicht ein eingängiges Akronym gefunden, wäre wohl auch dieses in der Versenkung verschwunden. Doch so haben die „WEIRD-People“ die Wissenschaft der modernen Psychologie erschüttert – wenn auch nur für einen kurzen Moment. „WEIRD­-People“, das sind – vereinfacht ausgedrückt – wir: westlich („Western“), gebildet („Educated“), indus­trialisiert („Industrialized“), relativ wohlhabend („Rich“) und demokratisch geprägt („Democratic“). Und die elegante Botschaft, die durch die Wortbedeutung transportiert wird, ist ebenso simpel: Wir sind sonderbar, oder um es noch deutlicher auszudrücken: Es waren und sind nicht ­alle Menschen so wie wir. Doch das ist nur die Oberfläche. Henrichs Artikel, vor zehn Jahren in einem renommierten Fachmagazin erschienen, war gegen einen Großteil moderner psychologischer Forschung gerichtet, die bis heute implizit vom Gegenteil ausgeht. Sie erliegt dabei einem Zirkelschluss, dem ein fataler methodischer Fehler zugrunde liegt. Wie aber kam es dazu?

Heiliger Gral der Humanwissenschaft

In jeder Wissenschaft braucht es eine empirische Grundlage, braucht es Daten und Fakten, um eine Annahme zu bestätigen. Und für eine Wissenschaft, die sich mit dem Denken und Handeln von Menschen auseinandersetzt, braucht es eben Menschen, die man untersuchen kann. Da man aber in der Praxis nicht alle Menschen untersuchen kann, muss man eine bestimmte Anzahl auswählen – und genau hier ist die Wunde der modernen Psychologie, auf die Henrich seinen Finger legte. Denn in der Praxis begnügt sich ein großer Teil der Forscher damit, eine bestimmte Gruppe von Menschen für ihre Untersuchungen heranzuziehen, die an Universitäten praktischerweise fast uneingeschränkt zur Verfügung steht: die Studierenden. Möchte man eine Untersuchung über das Denken und Handeln an Universitäten durchführen, ist das unter Umständen eine gangbare Methode. Aber sie ist natürlich völlig ungeeignet, um etwas über das Denken und Handeln von Menschen generell auszusagen, außer – und das ist der springende Punkt – man geht von vornherein davon aus, dass alle Menschen im Prinzip gleich denken und handeln.

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