Auf der Couch - © Fotos Verlag Herder
Wissen

Otto F. Kernberg: Intime Plaudereien

1945 1960 1980 2000 2020

Otto F. Kernberg ist als Psychoanalytiker weltberühmt. Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz hat ihn in seiner Praxis in New York besucht – und über Gott und die Welt befragt.

1945 1960 1980 2000 2020

Otto F. Kernberg ist als Psychoanalytiker weltberühmt. Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz hat ihn in seiner Praxis in New York besucht – und über Gott und die Welt befragt.

Am 10. September hat er seinen 92. Geburtstag gefeiert, doch das Arbeitspensum des Psychoanalytikers ist auch heute noch erstaunlich. Patientengespräche, Forschung und die Supervision mit internationalen Therapeutengruppen stehen auf der Tagesordnung. Otto F. Kernberg liebt seinen Job, und er blickt auf eine über 65-jährige Erfahrung als Psychotherapeut zurück. Mit seiner Pionierarbeit auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen, insbesondere zur Borderline-Störung und dem pathologischen Narzissmus, ist er weltberühmt geworden.

Trump und der Narzissmus

Im Jänner hat ihn Manfred Lütz in seiner Wahlheimat New York besucht und sich in seiner Praxis auf die Couch gelegt. Aber nur für den Fototermin, denn der Zweck des Besuchs war ein Gespräch auf Augenhöhe, das weit mehr sein sollte als ein fachlicher Austausch über das weite Land der Seele. Denn Lütz ist nicht nur Psychiater und Psychotherapeut, sondern auch römisch-katholischer Theologe. Er leitete das Alexianer-Krankenhaus in Köln, ist Berater des Vatikans und publizierte zahlreiche Sachbücher, darunter auch eine wissenschaftlich umstrittene Geschichte des Christentums („Der Skandal der Skandale“, Herder 2018). Die Gespräche der beiden Männer fanden in der Praxis und in der Wohnung von Kernberg statt; sie erstreckten sich über drei Tage und insgesamt 22 Stunden. Daraus ist nun ein leicht lesbares Buch in Interview-Form geworden, das nicht nur Kernbergs Biografie anekdotisch illustriert, sondern auch eine sehr persönliche Unterhaltung über „Gott und die Welt“ präsentiert: über Wissenschaft und Kunst, Philosophie und Religion.

Am 10. September hat er seinen 92. Geburtstag gefeiert, doch das Arbeitspensum des Psychoanalytikers ist auch heute noch erstaunlich. Patientengespräche, Forschung und die Supervision mit internationalen Therapeutengruppen stehen auf der Tagesordnung. Otto F. Kernberg liebt seinen Job, und er blickt auf eine über 65-jährige Erfahrung als Psychotherapeut zurück. Mit seiner Pionierarbeit auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen, insbesondere zur Borderline-Störung und dem pathologischen Narzissmus, ist er weltberühmt geworden.

Trump und der Narzissmus

Im Jänner hat ihn Manfred Lütz in seiner Wahlheimat New York besucht und sich in seiner Praxis auf die Couch gelegt. Aber nur für den Fototermin, denn der Zweck des Besuchs war ein Gespräch auf Augenhöhe, das weit mehr sein sollte als ein fachlicher Austausch über das weite Land der Seele. Denn Lütz ist nicht nur Psychiater und Psychotherapeut, sondern auch römisch-katholischer Theologe. Er leitete das Alexianer-Krankenhaus in Köln, ist Berater des Vatikans und publizierte zahlreiche Sachbücher, darunter auch eine wissenschaftlich umstrittene Geschichte des Christentums („Der Skandal der Skandale“, Herder 2018). Die Gespräche der beiden Männer fanden in der Praxis und in der Wohnung von Kernberg statt; sie erstreckten sich über drei Tage und insgesamt 22 Stunden. Daraus ist nun ein leicht lesbares Buch in Interview-Form geworden, das nicht nur Kernbergs Biografie anekdotisch illustriert, sondern auch eine sehr persönliche Unterhaltung über „Gott und die Welt“ präsentiert: über Wissenschaft und Kunst, Philosophie und Religion.

Unweit des Trump Tower erörterte Kernberg auch die psychische Verfassung des amtierenden US-Präsidenten.

In mehreren Kapiteln reflektiert Kernberg die Stationen seines Lebenswegs – die traumatischen Erlebnisse als jüdisches Kind im nationalsozialistischen Wien, die abenteuerliche Flucht über Italien nach Chile, sowie seine Karriere als Psychiater und Psychoanalytiker in den USA. Das Gespräch fand nicht weit vom Trump Tower in New York statt, und so wundert es nicht, dass Kernberg auch zu Donald Trump befragt wurde. Kann man dem US-Präsidenten womöglich eine psychische Störung attestieren? Der Narzissmus-Experte möchte sich den diagnostischen Schnellschüssen mancher Kollegen nicht anschließen: „Was gegen solche öffentliche Ferndia­gnosen spricht, ist vor allem, dass man nie sicher sagen kann, inwieweit gewisse öffent­lich zur Schau gestellte Eigenschaften vorgespielt werden, um einen politischen Effekt zu erreichen. Deswegen kann man nie genau wissen, inwieweit so eine öffentliche Person im intimen Leben wirklich die Züge zeigt, die eine Diagnose rechtfertigen würden.“ Kernberg räumt jedoch ein, dass das Verhalten von Trump auffällige Züge trägt: „Wenn sich die Charakteris­tika, die er öffentlich zeigt, und zwar die Kombination von außerordentlicher Großartigkeit, Unehrlichkeit, paranoider Einstellung und Aggression, in einer Privatuntersuchung wirklich als seine allgemeinen Beziehungsmuster herausstellen sollten, dann könnte ich die Diagnose einer narzisstischen Störung stellen.“

Ein weiteres wichtiges Gesprächsthema ist der sexuelle Missbrauch durch Psychotherapeuten und Priester, der von Kernberg sowohl auf die persönliche Veranlagung als auch auf autoritäre, institutionell verankerte Strukturen zurückgeführt wird. Spannend wird es auch, wenn der gebürtige Wiener auf den Wandel seiner Weltanschauung zu sprechen kommt: auf seine jüdische Herkunft, seine Rebellion gegen die Religion, seine marxistische und atheistische Phase. Doch die reale kommunistische Welt sorgte bald für heftige Enttäuschungen, was ihn dazu brachte, „Respekt vor liberalen demokratischen Ideen zu entwickeln“.

Sex und Evolution

Dass sich Kernberg mehr empirische Forschung für die Psychoanalyse wünscht, um diese wissenschaftlich abzusichern, andererseits aber die gängige Theorie der Evolution anzweifelt, ist eine bemerkenswerte Wendung in den weitschweifigen Gesprächen: „Evolution, das sind nicht zufällige Mutationen, wobei die besten Lösungen überleben, sondern sie zeigt ein klares Ziel von Anfang an.“ Die Natur folge demnach Gesetzen, „die teleologisch einen Sinn haben“. An solchen Stellen treffen sich die beiden Gesprächspartner in existenziellen Überlegungen, die dezidiert christlich (Lütz) oder jedenfalls „gläubig“ (Kernberg) sind.

Die beiden Therapeuten sprechen aber auch sehr gerne über Frauen und die Sexua­lität, über Liebe und die Geheimnisse einer glücklichen Partnerschaft. Lütz bringt Kernberg zum Plaudern, und man merkt, dass sie bis spät in den Abend hinein diskutiert haben. Man erfährt, was für Kernberg Verliebtsein und „sexuelles Glück“ bedeuten oder wie er Gian Lorenzo Berninis Kunstwerk „Ekstase der heiligen Theresa“ als Ausdruck von erotischer und ekstatischer Leidenschaft sieht. Nicht zuletzt legt der berühmte Analytiker vieles aus seinem eigenen Liebesleben offen – schließlich hat auch er sich kurz auf die eigene Couch gelegt.

Was hilft Psychotherapie? - © Verlag Herder
© Verlag Herder
Buch

Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?

Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten.
Von Otto F. Kernberg und Manfred Lütz.
Herder 2020
192 S., geb.,
€ 20,60