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Ich – das ewige Rätsel

Harry Potter - Wie der Zugang zu inneren "Stärke- Anteilen" gelingen kann, lässt sich anhand der Abenteuer von Harry Potter exemplarisch nachvollziehen. - © picturedesk.com / Ronald Grant / Mary Evans
Wissen

Patronus-Zauber und innere Stärke

1945 1960 1980 2000 2020

"Ich" bin eigentlich "viele": Die neu entwickelte Ego-State-Therapie macht sich diese Erkenntnis zunutze - und adressiert seelische Anteile, die in unterschiedlichen Lebensaltern abgespeichert wurden.

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"Ich" bin eigentlich "viele": Die neu entwickelte Ego-State-Therapie macht sich diese Erkenntnis zunutze - und adressiert seelische Anteile, die in unterschiedlichen Lebensaltern abgespeichert wurden.

Alles an Julia (Name von der Redaktion geändert) ist schwarz, ihre Kleidung, ihre Haare, sogar die kleinen Gummis, die ihre Zahnspange zusammenhalten. Schwarz -das ist einer der ersten Eindrücke, die Jenny da Silva, Psychotherapeutin aus Johannesburg in Südafrika, hat, als ihre jugendliche Klientin den Raum betritt. Die 14-jährige Julia ist hier, weil sie sich selbst verletzt und niemanden mehr an sich heranlässt. Gemeinsam mit ihrer Therapeutin beginnt für sie eine Reise zu ihren inneren Anteilen, den sogenannten Ego-States. Bereits zwei Sitzungen später sind die Gummis an ihrer Zahnspange rosa, nach vier Wochen kann Da Silva Kontakt mit Julias innerem Stärke-Anteil "Rosa" aufnehmen, einem Abbild des fiktiven Charakters "Rosalie Hale" aus "Twilight", der Lieblings-TV-Serie der Klientin. Rosa ist alles, das Julia nicht zu sein scheint, feminin, elegant, gefühlsbetont.

Jenny da Silva, angehende Präsidentin der südafrikanischen Ego-State-Gesellschaft, war im Mai als eine von mehreren bedeutenden Therapeutinnen und Therapeuten ihrer Fachrichtung zu Gast bei einem Hypnosekongress (MEGA 2019) in Wien. Dort war auch die Ego-State-Therapie ein Thema -eine der jüngsten Formen der sogenannten Teile-Therapien. Das sind psychotherapeutische Ansätze, die alle davon ausgehen, dass sich die menschliche Seele eben aus verschiedenen Anteilen zusammensetzt, die in unterschiedlichen Lebensaltern abgespeichert wurden.


Freud, Jung und Federn

Therapeuten haben schon lange ein derartiges Bild vom Menschen; dieses reicht zurück bis zum 1871 in Wien geborenen Psychoanalytiker Paul Federn. Wie Adler und Jung war er Mitglied der von Sigmund Freud initiierten Mittwochs-Gesellschaft. Bestand die Persönlichkeit für Freud aus drei Teilen (dem Es, dem Ich und dem Über-Ich), ging Federn bald davon aus, dass es mehrere Persönlichkeitszustände geben müsse. Der in die USA emigrierte Therapeut bezeichnete diese als "Ego-States". Die Psychotherapiegeschichte des 20. Jahrhunderts kennt kaum einen großen Denker, der nicht sein eigenes "Teile-Modell" entwickelte, darunter etwa C. G. Jungs Vorstellung von den "Komplexen" oder Eric Bernes Idee der verschiedenen Ich-Zustände (Erwachsener, Kind-und Eltern-Ich). Tatsächlich in eine eigene Therapiemethode gegossen wurde das Ganze in den 1990er-Jahren: Das Psychologen-Pärchen John und Helen Watkins publizierte ein Buch zur Theorie und Therapie mit "Ego-States"(1997).

"Das Neue an der Ego-State-Therapie ist, dass es keine vordefinierten Anteile gibt", sagt Silvia Zanotta, Leiterin des Schweizer Ausbildungsinstituts für Ego-State-Therapie und Autorin von "Wieder ganz werden. Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen"(Carl-Auer, 2018). Jeder Klient sei anders, jede Geschichte neu, niemand habe dieselben Anteile."Therapeuten, die mit dieser Methode arbeiten, gehen individuell auf ihre Klienten ein und sind zumeist sehr kreativ", ergänzt die Hypno-und Traumatherapeutin. Entwickelt wurde die Methode vor allem, um mit traumatisierten Menschen besser arbeiten zu können.

Um sich einem Trauma bzw. den eigenen schwierigen Anteilen überhaupt stellen zu können, braucht es zuerst jede Menge Ressourcenarbeit, wissen Experten. So wie bei Julia werden Klienten daher zunächst Schritt für Schritt angeleitet, den eigenen "Stärke-Anteil" zu finden. Der australische Psychologe Gordon Emmerson bezeichnet diesen in seinem Buch "Ego State Therapy"(2003) als innere Weisheitsquelle oder "spirituelles Selbst". Es ist die gute Kraft, mit der wir geboren werden, und die uns - finden wir nur den Zugang zu ihr - letztlich durch alle Schwierigkeiten bringen kann.

Alles an Julia (Name von der Redaktion geändert) ist schwarz, ihre Kleidung, ihre Haare, sogar die kleinen Gummis, die ihre Zahnspange zusammenhalten. Schwarz -das ist einer der ersten Eindrücke, die Jenny da Silva, Psychotherapeutin aus Johannesburg in Südafrika, hat, als ihre jugendliche Klientin den Raum betritt. Die 14-jährige Julia ist hier, weil sie sich selbst verletzt und niemanden mehr an sich heranlässt. Gemeinsam mit ihrer Therapeutin beginnt für sie eine Reise zu ihren inneren Anteilen, den sogenannten Ego-States. Bereits zwei Sitzungen später sind die Gummis an ihrer Zahnspange rosa, nach vier Wochen kann Da Silva Kontakt mit Julias innerem Stärke-Anteil "Rosa" aufnehmen, einem Abbild des fiktiven Charakters "Rosalie Hale" aus "Twilight", der Lieblings-TV-Serie der Klientin. Rosa ist alles, das Julia nicht zu sein scheint, feminin, elegant, gefühlsbetont.

Jenny da Silva, angehende Präsidentin der südafrikanischen Ego-State-Gesellschaft, war im Mai als eine von mehreren bedeutenden Therapeutinnen und Therapeuten ihrer Fachrichtung zu Gast bei einem Hypnosekongress (MEGA 2019) in Wien. Dort war auch die Ego-State-Therapie ein Thema -eine der jüngsten Formen der sogenannten Teile-Therapien. Das sind psychotherapeutische Ansätze, die alle davon ausgehen, dass sich die menschliche Seele eben aus verschiedenen Anteilen zusammensetzt, die in unterschiedlichen Lebensaltern abgespeichert wurden.


Freud, Jung und Federn

Therapeuten haben schon lange ein derartiges Bild vom Menschen; dieses reicht zurück bis zum 1871 in Wien geborenen Psychoanalytiker Paul Federn. Wie Adler und Jung war er Mitglied der von Sigmund Freud initiierten Mittwochs-Gesellschaft. Bestand die Persönlichkeit für Freud aus drei Teilen (dem Es, dem Ich und dem Über-Ich), ging Federn bald davon aus, dass es mehrere Persönlichkeitszustände geben müsse. Der in die USA emigrierte Therapeut bezeichnete diese als "Ego-States". Die Psychotherapiegeschichte des 20. Jahrhunderts kennt kaum einen großen Denker, der nicht sein eigenes "Teile-Modell" entwickelte, darunter etwa C. G. Jungs Vorstellung von den "Komplexen" oder Eric Bernes Idee der verschiedenen Ich-Zustände (Erwachsener, Kind-und Eltern-Ich). Tatsächlich in eine eigene Therapiemethode gegossen wurde das Ganze in den 1990er-Jahren: Das Psychologen-Pärchen John und Helen Watkins publizierte ein Buch zur Theorie und Therapie mit "Ego-States"(1997).

"Das Neue an der Ego-State-Therapie ist, dass es keine vordefinierten Anteile gibt", sagt Silvia Zanotta, Leiterin des Schweizer Ausbildungsinstituts für Ego-State-Therapie und Autorin von "Wieder ganz werden. Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen"(Carl-Auer, 2018). Jeder Klient sei anders, jede Geschichte neu, niemand habe dieselben Anteile."Therapeuten, die mit dieser Methode arbeiten, gehen individuell auf ihre Klienten ein und sind zumeist sehr kreativ", ergänzt die Hypno-und Traumatherapeutin. Entwickelt wurde die Methode vor allem, um mit traumatisierten Menschen besser arbeiten zu können.

Um sich einem Trauma bzw. den eigenen schwierigen Anteilen überhaupt stellen zu können, braucht es zuerst jede Menge Ressourcenarbeit, wissen Experten. So wie bei Julia werden Klienten daher zunächst Schritt für Schritt angeleitet, den eigenen "Stärke-Anteil" zu finden. Der australische Psychologe Gordon Emmerson bezeichnet diesen in seinem Buch "Ego State Therapy"(2003) als innere Weisheitsquelle oder "spirituelles Selbst". Es ist die gute Kraft, mit der wir geboren werden, und die uns - finden wir nur den Zugang zu ihr - letztlich durch alle Schwierigkeiten bringen kann.

Viele Menschen hängen das Bild der ihnen wichtigen verstorbenen Großeltern zu Hause auf - auch das kann ein Bezug auf innere Stärkeanteile sein. (Susanne Hausleitner-Jilch)

Harry Potter - Wie der Zugang zu inneren "Stärke- Anteilen" gelingen kann, lässt sich anhand der Abenteuer von Harry Potter exemplarisch nachvollziehen. - © picturedesk.com / Ronald Grant / Mary Evans
© picturedesk.com / Ronald Grant / Mary Evans

Wie der Zugang zu inneren "Stärke- Anteilen" gelingen kann, lässt sich anhand der Abenteuer von Harry Potter exemplarisch nachvollziehen.

Innere Weisheit &"spirituelles Selbst"


Wer aber glaubt, Menschen in der Ego-State-Therapie würden ihre Stärke in göttlichen Wesen finden, liegt meist falsch. "Die innere Stärke kann alles sein", sagt Jenny da Silva, "ein Tier, ein Comic-Held, ein bestimmter Klang, eine Farbe oder eine Superkraft". Teenager würden oft zu einem bestimmten Lied oder einer Serienfigur greifen. Innere Stärke-Anteile folgen ebenso gewissen Moden. In Da Silvas Praxis steht derzeit der Song "Roar" von Katy Perry besonders hoch im Kurs. Im Musikvideo mimt die Popsängerin eine junge Frau, die nach einem Flugzeugabsturz im Urwald vom verunsicherten Mädchen zur "Dschungel-Königin" wird, die den Krokodilen die Zähne putzt und mit ihrem Brüllen die Tiger in die Flucht schlägt. Wer eine ganz praktische Vorstellung davon bekommen möchte, wie der Zugang zur inneren Stärke gelingen kann, dem empfiehlt die Hypnotherapeutin Susanne Hausleitner-Jilch die Lektüre von Harry Potter. Als Harry von seinem Zauberlehrer lernen soll, böse Geister mit einem Zauberspruch abzuwehren (dem sogenannten Patronus-Zauber), leitet ihn dieser vorerst dazu an, eine möglichst "starke Erinnerung" in sich zu finden. Der Zauber klappt nicht sofort; Harrys Erinnerung an seinen ersten Besenritt war noch zu schwach. Erst als sich Harry an seine verstorbenen Eltern erinnert, gelingt es ihm, das gefährliche Geistwesen mit einem kräftigen "expecto patronum" (auf Deutsch etwa "Ich erwarte meinen Schutz") in die Schranken zu weisen. "Unsere Stärke sind auch besondere Erlebnisse und Beziehungen", sagt Hausleitner-Jilch. "Viele Menschen hängen, ohne viel darüber nachzudenken, das Bild der ihnen wichtigen verstorbenen Großeltern bei sich zu Hause auf -auch das kann ein Bezug auf innere Stärkeanteile sein."

Ist die Ressourcenarbeit so weit gediehen, laden Therapeuten auch den schwierigen Anteil ein, sich zu zeigen. Silvia Zanotta erzählt das Beispiel einer Klientin, die immer dann in besondere Wut geriet, wenn sie ihren Mann entspannt und vor sich hinträumend am Küchentisch vorfand. "Ich flippe immer so aus", trat die Klientin an Zanotta heran, denn "innerlich wusste sie, dass diese Wut nicht adäquat war, und doch fühlte sie sich ihrem Gefühl machtlos ausgeliefert", so Zanotta. In der Stunde bittet die Therapeutin ihre Klientin daher zuerst, sich möglichst genau an eine spezifische Situation zu erinnern. Sobald die Wut kommt, wird diese vertieft und im Körper verortet. "Erst wenn ein intensives körperliches Spüren da ist, frage ich, ob ich direkt mit dem wütenden Anteil sprechen darf." Rasch zeigte sich bei der Frau, dass die wütende Stimme einem neunjährigen Mädchen gehörte -jenem kindlichen Anteil der Klientin, der aufgrund von elterlichen Anweisungen überzeugt war, man dürfe niemals untätig sein.


Diffuse Identität

"In der Ego-State-Therapie versuchen wir immer, die schwierigen Anteile mit ins Boot zu holen, etwa indem wir sie fragen, was sie damals gebraucht hätten", so Zanotta. Im Fall der Klientin wurde es dem kleinen Mädchen erlaubt, sich zu entspannen und nicht für alles verantwortlich zu fühlen. "Niemand kann verändern, was früher passiert ist, aber das innere Befinden und die Beziehungen auf der inneren Bühne können verändert werden", sagt die Schweizer Therapeutin. Viele Klienten würden sich nach einer derartigen Intervention sehr erleichtert, manche sogar ganz verändert fühlen.

Es ist wohl kein Zufall, dass die Teile-Therapien gerade heute einen derartigen Boom erleben. Der Philosoph Florian Huber erklärt sich dies so: "Sich als Einheit zu fühlen, ist kein typisches Identitätsgefühl der Spätmoderne mehr. Viele Menschen erleben sich zunehmend diffus und fragmentiert in ihrer Identität oder eben gleich als 'Projekt'. Teile-Therapien liefern dafür einen intuitiv plausiblen Zugang." Huber, der heute eine philosophische Praxis im deutschen Bad Endorf führt, hat diesen Zugang auch selbst gesucht. Nach seiner Promotion in Psychologie hielt er Ausschau nach einer Möglichkeit, die Arbeit mit Teilidentitäten auch praktisch umsetzen. 2012 stieß er so auf die Ego-State-Therapie. Für Huber schloss sich damit ein Kreis, denn "die Idee vom Menschen als Person mit mehreren Facetten oder eben 'Teilen' ist im Grunde schon sehr alt." Heute könne man auch die griechische Mythologie als groß angelegte Kulturleistung lesen: Die verschiedenen Seiten der menschlichen Persönlichkeit würden darin in Gestalt von Göttern mit je ganz eigenen Charakteren ausgeleuchtet.



Wieder ganz werden - © Carl-Auer Verlag 2018
© Carl-Auer Verlag 2018
Buch

Wieder ganz werden

Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen

Von Silvia Zanotta

Carl-Auer Verlag 2018

264 Seiten, kart., € 36,–