Historischer Meilenstein - Zum 50. Jahrestag der Mondlandung wird weltweit an diesen historischen Meilenstein erinnert. In New York etwa werden die originalen Videoaufnahmen der NASA sowie Erinnerungsstücke aus der US-Raumfahrtgeschichte versteigert. Das Original-Handbuch der Landefähre "Eagle" wird auf bis zu neun Millionen Dollar geschätzt. - © iStock / narvikk
Wissen

Planetarisches Bewusstsein

1945 1960 1980 2000 2020

Ehrfurcht, Demut und Ergriffenheit: Der Blick vom Weltall auf die Erde verändert das Denken und Handeln. Zum 50. Jahrestag der Mondlandung.

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Ehrfurcht, Demut und Ergriffenheit: Der Blick vom Weltall auf die Erde verändert das Denken und Handeln. Zum 50. Jahrestag der Mondlandung.

Das Staunen über den Zauber des Mondes ist zugleich ein Staunen über das Rätsel der Existenz. Niemand hat diese existenzielle Verwunderung besser eingefangen als der deutsche Maler Caspar David Friedrich. Sein stimmungsvolles Gemälde "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" (1819/20) ist nicht nur der Inbegriff romantischer Naturanschauung, sondern zeigt eine Szene, die prototypisch für Jahrtausende der Menschheitsgeschichte ist: den Blick auf einen mysteriösen Mond, der seit jeher mit urmenschlichen Fantasien, Sehnsüchten und Abgründen assoziiert wird. Der technische Fortschritt, der seit der Romantik zunehmend in Fahrt gekommen ist, hat dazu geführt, sich diesem Mysterium konkret annähern zu können. 1969 schließlich wurde eine globale Vision Wirklichkeit: Mit der Apollo 11-Mission der NASA sind Menschen erstmals am Mond gelandet - und haben von dort auf die Erde zurückgeblickt. Damit hat die Menschheit effektiv eine neue Perspektive gewonnen.

Bis zu 600 Millionen Zuseher verfolgten am 21. Juli 1969 vor den Fernsehgeräten, wie Neil Armstrong von der Leiter der Landefähre "Eagle" auf den Boden des Erdtrabanten sprang. "Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit", sagte er poetisch. Knapp 20 Minuten später wagte sich auch Buzz Aldrin aus dem Landegerät. "Schöne Aussicht", stellte er fest. "Ist das nicht was? Herrliche Sicht hier", bekräftigte Armstrong. Nun lief auch Aldrin zu poetischer Form auf: "Herrliche Trostlosigkeit". Das Raumschiff "Columbia" umkreiste derweil den Mond, wo der dritte Astronaut Michael Collins allein auf seine Kollegen wartete. Bevor diese wieder in die Fähre stiegen, um an ihr Raumschiff anzudocken, hinterließen sie eine Gedenktafel. Darauf findet sich der epochale Satz: "Wir kamen in Frieden für die gesamte Menschheit."

"Funkelndes, blauweißes Juwel"

Über der Bewunderung für die technischen Meisterleistungen gerät das ästhetische und sicherlich auch spirituelle Moment der Raumfahrt leicht ins Hintertreffen. Doch dieses ist offensichtlich, seit der erste Mensch ins All geflogen ist. Als Juri Gagarin 1961 im Raumschiff "Wostok" unseren Planeten erstmals aus dem Weltraum betrachten konnte, rief er ergriffen aus: "Ich sehe die Erde! Sie ist so wunderschön!" Sein Flug rund um den Globus dauerte zwar nur eine Stunde und 48 Minuten, doch seine Einstellung zum Leben hatte sich seitdem nachhaltig verändert. Er beschrieb die Erde, wie er sie aus kosmischen Höhen gesehen hatte: als fragilen Planeten ohne politische Schranken, den es unbedingt zu schützen gilt.

Bei seinen internationalen Besuchen zur Zeit des Kalten Krieges wirkte die Ausstrahlung des russischen Kosmonauten weit über ideologische Differenzen hinweg. Jemand, der die Grenze zwischen Erde und Weltraum durchstoßen hatte, hatte auch für den "Eisernen Vorhang" zwischen Ost und West nicht mehr viel übrig. Daran erinnerte Jean-Jacques Dordain, Ex-Direktor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), als er Gagarin bei einem Astronautischen Kongress in Prag als "Bürger des Planeten Erde" bezeichnete: "Der Weltraum und besonders die bemannte Raumfahrt wurden zur Triebkraft für eine spezifische Vision, die besagt, dass unsere Zukunft in der Globalität liegt." Diese globalistische Sichtweise wächst in den unermesslichen Weiten des Weltalls offensichtlich ganz organisch, mitunter auch jäh und eindringlich.

Ein markantes Beispiel dafür sind die Berichte des US-Astronauten Edgar Mitchell, der 1971 als sechster Mensch den Mond betreten hat. Beim Blick zurück beschrieb er die Erde als "funkelndes, blauweißes Juwel", das "wie eine kleine Perle" aus einem "tiefen Meer voller schwarzer Geheimnisse" emporgestiegen sei. Als er im Zuge der Apollo 14-Mission auf dem Rückflug war, geriet er in eine waschechte Ekstase. "Die größte Freude stellte sich auf dem Heimweg ein", erinnerte er sich. "In meinem Cockpitfenster alle zwei Minuten: die Erde, der Mond, die Sonne und das ganze Himmelspanorama [ ]. Und plötzlich begriff ich, dass die Moleküle meines Körpers, die Moleküle meines Raumschiffs und die Moleküle im Körper meiner Partner in einer uralten Generation von Sternen geformt und erzeugt wurden. Ich verspürte ein überwältigendes Gefühl des Einsseins, der Verbundenheit." Nach seiner Astronauten-Karriere beschäftigte sich Mitchell mit Esoterik und parapsychologischer Forschung. Er zählte zu den ersten Unterstützern einer Parlamentarischen UN-Versammlung, die ein erster Schritt zu einem Weltparlament sein soll.

Das Staunen über den Zauber des Mondes ist zugleich ein Staunen über das Rätsel der Existenz. Niemand hat diese existenzielle Verwunderung besser eingefangen als der deutsche Maler Caspar David Friedrich. Sein stimmungsvolles Gemälde "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" (1819/20) ist nicht nur der Inbegriff romantischer Naturanschauung, sondern zeigt eine Szene, die prototypisch für Jahrtausende der Menschheitsgeschichte ist: den Blick auf einen mysteriösen Mond, der seit jeher mit urmenschlichen Fantasien, Sehnsüchten und Abgründen assoziiert wird. Der technische Fortschritt, der seit der Romantik zunehmend in Fahrt gekommen ist, hat dazu geführt, sich diesem Mysterium konkret annähern zu können. 1969 schließlich wurde eine globale Vision Wirklichkeit: Mit der Apollo 11-Mission der NASA sind Menschen erstmals am Mond gelandet - und haben von dort auf die Erde zurückgeblickt. Damit hat die Menschheit effektiv eine neue Perspektive gewonnen.

Bis zu 600 Millionen Zuseher verfolgten am 21. Juli 1969 vor den Fernsehgeräten, wie Neil Armstrong von der Leiter der Landefähre "Eagle" auf den Boden des Erdtrabanten sprang. "Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit", sagte er poetisch. Knapp 20 Minuten später wagte sich auch Buzz Aldrin aus dem Landegerät. "Schöne Aussicht", stellte er fest. "Ist das nicht was? Herrliche Sicht hier", bekräftigte Armstrong. Nun lief auch Aldrin zu poetischer Form auf: "Herrliche Trostlosigkeit". Das Raumschiff "Columbia" umkreiste derweil den Mond, wo der dritte Astronaut Michael Collins allein auf seine Kollegen wartete. Bevor diese wieder in die Fähre stiegen, um an ihr Raumschiff anzudocken, hinterließen sie eine Gedenktafel. Darauf findet sich der epochale Satz: "Wir kamen in Frieden für die gesamte Menschheit."

"Funkelndes, blauweißes Juwel"

Über der Bewunderung für die technischen Meisterleistungen gerät das ästhetische und sicherlich auch spirituelle Moment der Raumfahrt leicht ins Hintertreffen. Doch dieses ist offensichtlich, seit der erste Mensch ins All geflogen ist. Als Juri Gagarin 1961 im Raumschiff "Wostok" unseren Planeten erstmals aus dem Weltraum betrachten konnte, rief er ergriffen aus: "Ich sehe die Erde! Sie ist so wunderschön!" Sein Flug rund um den Globus dauerte zwar nur eine Stunde und 48 Minuten, doch seine Einstellung zum Leben hatte sich seitdem nachhaltig verändert. Er beschrieb die Erde, wie er sie aus kosmischen Höhen gesehen hatte: als fragilen Planeten ohne politische Schranken, den es unbedingt zu schützen gilt.

Bei seinen internationalen Besuchen zur Zeit des Kalten Krieges wirkte die Ausstrahlung des russischen Kosmonauten weit über ideologische Differenzen hinweg. Jemand, der die Grenze zwischen Erde und Weltraum durchstoßen hatte, hatte auch für den "Eisernen Vorhang" zwischen Ost und West nicht mehr viel übrig. Daran erinnerte Jean-Jacques Dordain, Ex-Direktor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), als er Gagarin bei einem Astronautischen Kongress in Prag als "Bürger des Planeten Erde" bezeichnete: "Der Weltraum und besonders die bemannte Raumfahrt wurden zur Triebkraft für eine spezifische Vision, die besagt, dass unsere Zukunft in der Globalität liegt." Diese globalistische Sichtweise wächst in den unermesslichen Weiten des Weltalls offensichtlich ganz organisch, mitunter auch jäh und eindringlich.

Ein markantes Beispiel dafür sind die Berichte des US-Astronauten Edgar Mitchell, der 1971 als sechster Mensch den Mond betreten hat. Beim Blick zurück beschrieb er die Erde als "funkelndes, blauweißes Juwel", das "wie eine kleine Perle" aus einem "tiefen Meer voller schwarzer Geheimnisse" emporgestiegen sei. Als er im Zuge der Apollo 14-Mission auf dem Rückflug war, geriet er in eine waschechte Ekstase. "Die größte Freude stellte sich auf dem Heimweg ein", erinnerte er sich. "In meinem Cockpitfenster alle zwei Minuten: die Erde, der Mond, die Sonne und das ganze Himmelspanorama [ ]. Und plötzlich begriff ich, dass die Moleküle meines Körpers, die Moleküle meines Raumschiffs und die Moleküle im Körper meiner Partner in einer uralten Generation von Sternen geformt und erzeugt wurden. Ich verspürte ein überwältigendes Gefühl des Einsseins, der Verbundenheit." Nach seiner Astronauten-Karriere beschäftigte sich Mitchell mit Esoterik und parapsychologischer Forschung. Er zählte zu den ersten Unterstützern einer Parlamentarischen UN-Versammlung, die ein erster Schritt zu einem Weltparlament sein soll.

Die globalistische Sichtweise wächst in den unermesslichen Weiten des Weltraums offensichtlich ganz organisch, mitunter auch jäh und eindringlich.

"Der Blick aus dem Weltall ist zugleich simpel und profund. Angesichts der gigantischen Dimensionen berichten Astronauten oft von Gefühlen der Demut und Erhabenheit", erläutert Alexandra Hofmann, Psychologin beim Österreichischen Weltraumforum. "In der japanischen Ästhetik findet sich dazu ein passender Begriff: Yǔgen, ein tiefes Gewahrsein des Universums, das eigentlich schon jenseits der Worte liegt." In seinem Buch "Der Overview-Effekt"(Goldmann, 1993) hat der Autor Frank White beschrieben, wie die Erfahrung des Weltraums das menschliche Denken und Handeln verändert. Zentrale Faktoren sind ein Gefühl der Ehrfurcht, tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens und die neu empfundene Verantwortung für die Umwelt. Kein Wunder, dass die Gaia-Hypothese unter anderem von einem ehemaligen Mitarbeiter der NASA stammt. Der Geochemiker James Lovelock hatte sich mit Veränderungen der Biosphäre befasst und postuliert, dass die Erde und ihre Atmosphäre gemeinsam einen einzigen lebenden Organismus bilden. Tatsächlich könnte das Empfinden von Ehrfurcht ein Schlüssel für den "Überblick-Effekt" bei den Raumfahrern sein. Denn Ehrfurcht vermittelt den Eindruck, Teil von etwas viel Größerem zu sein. Psychologische Studien zeigen, dass Ehrfurcht das Eigeninteresse plötzlich klein erscheinen lässt, während sie das Gefühl von Verbundenheit verstärkt: Schon nach einer relativ schlichten Ehrfurchtserfahrung -etwa durch ein Naturerlebnis -denken Menschen weniger egoistisch und neigen eher zu altruistischem Verhalten.


Overview-Effekt vs. Erde außer Sicht

"Von klein auf hat der Mensch zwei konträre Bedürfnisse: sich sicher zu fühlen, aber auch die Welt zu erforschen", bemerkt Alexandra Hofmann."Wenn kleine Kinder ihre Umwelt erkunden, laufen sie immer wieder von den Eltern los und zu ihnen zurück. Es gibt den Drang zur Exploration, aber auch das Bedürfnis nach Schwerkraft; den Wunsch, sich zu erden." Bis zum Jahr 2024 will die USA wieder Astronauten zum Mond schicken, darunter erstmals auch eine Frau. Die nächste Mondmission soll dann hilfreich für die Reise zum Mars sein. Was passiert, wenn der Heimatplanet bei einer solch langen Raumfahrt allmählich aus dem Blick gerät, darüber lässt sich bislang nur spekulieren. In der Weltraumpsychologie wird dieses Phänomen unter dem Begriff "Erde außer Sicht"(Earth-out-of-view) diskutiert: Führt es zu einer Art innerer Abnabelung von unserem Planeten, die mit Angst, Depression oder Psychosen einhergeht? Schwächt es gar die Bindung an die menschlichen Werte und Verhaltensnormen?

Michael Collins bekam davon eine Ahnung, als er 1969 mit dem Raumschiff vorübergehend hinter der "dunklen", erdabgewandten Seite des Mondes verschwand. "Ich bin jetzt allein, wirklich allein, und absolut isoliert von jedwedem Leben", berichtete er in seiner Autobiographie. Aber auch er wurde nach seiner Rückkehr zum überzeugten Globalisten: "Wenn die politischen Führer der Welt ihren Planeten aus einer Distanz von, sagen wir mal, 100.000 Meilen sehen könnten, wäre ihre Perspektive fundamental verändert."