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Prestige statt Profil prägt die Nobelpreisvergabe

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der Nobelpreis steht für höchste Leistung auf unterschiedlichen Gebieten. Die Kritik an mancher Vergabe hat ihre Begründung. Aber hält die Welt am Geniebegriff fest, weil sie Stars braucht?

Diese Woche war die Dichte an Nobelpreisträgern in Wien ungewöhnlich hoch. Das alljährliche Nobelpreisträgerseminar stand heuer im Zeichen der Physik. Mit Theodor Hänsch, Gerard ’t Hooft und George Smoot konnten drei ehemalige Laureaten für öffentliche Vorträge, Diskussionsrunden und medientaugliche Fototermine mit Spitzenpolitikern gewonnen werden. Kein Zweifel: Der Nobelpreis zieht noch immer. Seit 110 Jahren steht er für höchste Leistungen auf unterschiedlichen Gebieten. Seinen schillernden Glanz verdankt er nicht zuletzt der würzigen Mischung aus Ruhm und Missgunst, die seine Geschichte prägt. Stets stand der Freude der Preisträger der Ärger jener gegenüber, die leer ausgingen. Immer verständlich, manchmal begründet, geraten die Entscheidungen des Komitees deshalb regelmäßig ins Visier von Kritik. Man darf durchaus fragen, warum Barack Obama 2009 den Friedenspreis zu einem Zeitpunkt erhielt, als er Oberbefehlshaber in zwei Kriegen war. Warum die amerikanische Dominanz bei den Wirtschaftspreisen eine zentralisierte Kompetenz nahelegt, sich nicht mit dem realen Wirtschaftsgebaren der USA zur Deckung bringen lässt. Oder warum das Verhältnis ausgezeichneter Frauen zu Männern bei beschämenden 1:18 liegt (in Physik sogar bei 1:95)?

Sechs unterschiedliche Auszeichnungen

Man darf fragen. Nur wundern sollte man sich nicht. Denn der Nobelpreis funktioniert zu einem gehörigen Anteil als Symbol. Über dessen gewünschte Wirkung bestimmen die autonomen Vergabekomitees, und das meist nicht zum Schlechten. Streng genommen ist es deshalb irreführend, von dem Nobelpreis zu sprechen. Tatsächlich sind es sechs unterschiedliche Auszeichnungen, denen unterschiedliche Interessen, Qualitätskriterien und Wirkmechanismen zugrunde liegen. Darin liegt aber auch die Schwäche des Nobelpreises, soweit es seine Außenwirksamkeit betrifft. Modalität, Ritus und Marketing der Vergabe suggerieren eine Einheitlichkeit der sechs Preiskategorien, die es de facto nicht gibt. Schlimmer noch, lässt sich nicht einmal ein probater Kandidat für ein allen sechs gemeinsames Motto ausmachen.

Der Blick richtet sich in die Vergangenheit

Preisstifter Alfred Nobel band die Vergabe testamentarisch an das Kriterium des "größten Nutzens für die Menschheit“, den der oder die Preisträger im vergangenen Jahr geleistet hatten. Weil ein Jahr zu knapp bemessen ist, um einen solchen Nutzen abzuschätzen, erfolgt die Vergabe in der Praxis meist erst lange nach der erbrachten Leistung. Das hat den Vorteil, dass auch Grundlagenforschung bedacht werden kann. Den Nachteil, dass der Blick stets in die Vergangenheit gerichtet ist. Die Nobelpreise sind eine Ehrung für vergangene Taten, weniger ein Ansporn für zukünftige. Anders als der Friedenspreis, der auch schon an Organisationen ging, sind die Laureaten der wissenschaftlichen Disziplinen stets Einzelpersonen. Sie verdienten die Auszeichnung. Doch zeigt sich darin zugleich ein obsoletes Bild von Wissenschaft. Jenes nämlich, wonach brillante Einzelpersonen die Träger des Fortschritts sind. Das mag im späten 19. Jahrhundert gerade noch zugetroffen haben. Heute ist Wissenschaft primär Teamarbeit. Immerhin harmoniert diese Huldigung eines anachronistischen Geniebegriffs recht gut mit der im akademischen Umfeld heute wieder sehr beliebten Rede von den "besten Köpfen“. Vielleicht bedürfen die Nobelpreise ja gar keines leitenden Prinzips, dem ihre Bedeutung gerecht zu werden sucht. Vielleicht sind sie gut so, wie sie sind, als Signum einer heterogenen Welt, die Stars braucht.

* Aus Auslendische Zeitun Land und Datum

Der Nobelpreis steht für höchste Leistung auf unterschiedlichen Gebieten. Die Kritik an mancher Vergabe hat ihre Begründung. Aber hält die Welt am Geniebegriff fest, weil sie Stars braucht?

Diese Woche war die Dichte an Nobelpreisträgern in Wien ungewöhnlich hoch. Das alljährliche Nobelpreisträgerseminar stand heuer im Zeichen der Physik. Mit Theodor Hänsch, Gerard ’t Hooft und George Smoot konnten drei ehemalige Laureaten für öffentliche Vorträge, Diskussionsrunden und medientaugliche Fototermine mit Spitzenpolitikern gewonnen werden. Kein Zweifel: Der Nobelpreis zieht noch immer. Seit 110 Jahren steht er für höchste Leistungen auf unterschiedlichen Gebieten. Seinen schillernden Glanz verdankt er nicht zuletzt der würzigen Mischung aus Ruhm und Missgunst, die seine Geschichte prägt. Stets stand der Freude der Preisträger der Ärger jener gegenüber, die leer ausgingen. Immer verständlich, manchmal begründet, geraten die Entscheidungen des Komitees deshalb regelmäßig ins Visier von Kritik. Man darf durchaus fragen, warum Barack Obama 2009 den Friedenspreis zu einem Zeitpunkt erhielt, als er Oberbefehlshaber in zwei Kriegen war. Warum die amerikanische Dominanz bei den Wirtschaftspreisen eine zentralisierte Kompetenz nahelegt, sich nicht mit dem realen Wirtschaftsgebaren der USA zur Deckung bringen lässt. Oder warum das Verhältnis ausgezeichneter Frauen zu Männern bei beschämenden 1:18 liegt (in Physik sogar bei 1:95)?

Sechs unterschiedliche Auszeichnungen

Man darf fragen. Nur wundern sollte man sich nicht. Denn der Nobelpreis funktioniert zu einem gehörigen Anteil als Symbol. Über dessen gewünschte Wirkung bestimmen die autonomen Vergabekomitees, und das meist nicht zum Schlechten. Streng genommen ist es deshalb irreführend, von dem Nobelpreis zu sprechen. Tatsächlich sind es sechs unterschiedliche Auszeichnungen, denen unterschiedliche Interessen, Qualitätskriterien und Wirkmechanismen zugrunde liegen. Darin liegt aber auch die Schwäche des Nobelpreises, soweit es seine Außenwirksamkeit betrifft. Modalität, Ritus und Marketing der Vergabe suggerieren eine Einheitlichkeit der sechs Preiskategorien, die es de facto nicht gibt. Schlimmer noch, lässt sich nicht einmal ein probater Kandidat für ein allen sechs gemeinsames Motto ausmachen.

Der Blick richtet sich in die Vergangenheit

Preisstifter Alfred Nobel band die Vergabe testamentarisch an das Kriterium des "größten Nutzens für die Menschheit“, den der oder die Preisträger im vergangenen Jahr geleistet hatten. Weil ein Jahr zu knapp bemessen ist, um einen solchen Nutzen abzuschätzen, erfolgt die Vergabe in der Praxis meist erst lange nach der erbrachten Leistung. Das hat den Vorteil, dass auch Grundlagenforschung bedacht werden kann. Den Nachteil, dass der Blick stets in die Vergangenheit gerichtet ist. Die Nobelpreise sind eine Ehrung für vergangene Taten, weniger ein Ansporn für zukünftige. Anders als der Friedenspreis, der auch schon an Organisationen ging, sind die Laureaten der wissenschaftlichen Disziplinen stets Einzelpersonen. Sie verdienten die Auszeichnung. Doch zeigt sich darin zugleich ein obsoletes Bild von Wissenschaft. Jenes nämlich, wonach brillante Einzelpersonen die Träger des Fortschritts sind. Das mag im späten 19. Jahrhundert gerade noch zugetroffen haben. Heute ist Wissenschaft primär Teamarbeit. Immerhin harmoniert diese Huldigung eines anachronistischen Geniebegriffs recht gut mit der im akademischen Umfeld heute wieder sehr beliebten Rede von den "besten Köpfen“. Vielleicht bedürfen die Nobelpreise ja gar keines leitenden Prinzips, dem ihre Bedeutung gerecht zu werden sucht. Vielleicht sind sie gut so, wie sie sind, als Signum einer heterogenen Welt, die Stars braucht.

* Aus Auslendische Zeitun Land und Datum