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Schafft Wissen!

Forschung als Kulturgut - Die Wissenschaften müssen als Kulturgut verteidigt und vor der weit fortgeschrittenen Ökonomisierung geschützt werden, fordert Markus Seidl-Nigsch. - © Illustrationen: Rainer Messerklinger
Wissen

Rein in den Elfenbeinturm!

1945 1960 1980 2000 2020

Was soll Forschung an den Universitäten ausmachen: Sind es nur die messbaren Fortschritte, die zu konkreten Anwendungen führen – oder darf Wissenschaft auch reiner Selbstzweck sein? Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Was soll Forschung an den Universitäten ausmachen: Sind es nur die messbaren Fortschritte, die zu konkreten Anwendungen führen – oder darf Wissenschaft auch reiner Selbstzweck sein? Ein Gastkommentar.

Vor Kurzem hörte ich bei der Promotionsprüfung eines Freundes, eines studierten Chemikers, zu. Nach dessen Vortrag stellte ihm sein Vater – stolz und trotzdem verschmitzt – die Frage: „Was bringen deine Ergebnisse? Lässt sich damit etwas anfangen?“ Mein Freund antwortete mit dem eingeübten Verweis auf den potenziellen Nutzen, den selbst Grundlagenforschung in sich berge.

Dieses Beispiel spiegelt die in unserer Gesellschaft vorhandene Erwartung wider, dass Forschung nützlich sein sollte. Die meisten Wissenschaftler beugen sich diesem Erwartungsdruck. Selbst wenn ihre Arbeit jenseits ökonomischer, technischer oder sozialer Wirksamkeit liegt, trauen sie sich nicht zu sagen: „Meine Arbeit ist nicht nützlich.“ Wir scheinen aus den Augen verloren zu haben, dass Tätigkeiten gerechtfertigt sein können, ohne einem äußeren Zweck zu dienen. Der Besuch eines Konzerts oder eines Gottesdienstes zum Beispiel stellt für viele Menschen eine wichtige Sinnquelle dar. Mit Nützlichkeit aber haben beide nichts zu tun.

Politiker begründen die an Universitäten gerichtete Nützlichkeitserwartung häufig damit, dass durch Steuermittel finanzierte Forschung der Gesellschaft etwas zurückgeben müsse. Naturwissenschaftler können dieser populistisch zugespitzten Wendung problemlos entsprechen, zumindest im Sinne medialer Oberflächlichkeit. Sie üben sich einfach in Science-Fiction, indem sie die potenzielle (wenn auch unabsehbare) Nützlichkeit ihre Erkenntnisse beschwören. Geisteswissenschaftlern hingegen fällt diese Übung schwerer. Sie befassen sich nämlich nicht mit Vorgängen in der Natur, deren Kenntnis technische Entwicklungen forcieren kann. Ihre Domäne ist die Welt des Geistes. Und obwohl der Geist eines der größten Geheimnisse darstellt und an Technik nichts Rätselhaftes ist: Unser Interesse gilt vor allem dem technisch Machbaren – und nicht geistvollen, aber zweckfreien Reflexionen. Zweckdienlichkeit ihres Fachs können Geisteswissenschaftler daher nur über Umwege plausibel machen. Etwa indem sie zeigen, dass ihre Erkenntnisse dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Demokratie etc. und in weiterer Folge der wirtschaftlichen Stabilität des Landes dienen könnten.

Existenzielles Interesse

Ob unmittelbare oder bloß indirekte Nützlichkeit – im Ringen um öffentliche Finanzierung verschafft sie den Wissenschaften auf der einen Seite einen Vorteil gegenüber den Künsten. Gute Kunst stellt nämlich vorrangig Fragen, und wenn sie doch auch Antworten gibt, dann liegen diese außerhalb des sprachlich Fassbaren und somit jenseits von Zwecken. Auf der anderen Seite ist zu bemerken: Die Nützlichkeit der Forschung verbannt sie aus dem Kulturverständnis vieler Menschen. Zur Kultur würden Literatur, Schauspiel, die bildenden Künste und Musik gehören, nicht aber Mathematik, Mechanik und Chemie. Diese Ansicht teilen selbst viele Wissenschaftler, weil das Nützlichkeitscredo ihre ästhetische Empfindsamkeit und die Freude am Erkennen vertrieben hat. Kurzum: Forschung stelle vielleicht eine Leistung unserer Kultur dar, nicht aber ein Kulturgut, das sich – wie ein Kunstwerk – selbst genügen darf.