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Robert Rallard: Uber Wasser ein PR-Genie

Er wurde als Aufspürer gesunkener Schiffe berühmt. Er war es, der die Wracks der „Titanic" und des Schlachtschiffs „Bismarck" fand, fotografierte, weltweit publizierte. Formatfüllend liegen sie vor uns: Weitwinkelobjektive und eine Elektronik, die das vorhandene Licht zehntausendfach verstärkt, machen es möglich. In beiden Fällen blieb die er-Suchexpedition erfolglos, beide Maletellte sich der Erfolg für Bobert D. Balrardejst kurz, bevor auch die zweite Expedition hätte abgebrochen werden müssen, doch noch ein.

Ballards neues Buch „Abenteuer Ozean - Mein Leben als Tiefseeforscher" bedient seine Leser nicht nur mit der speziellen, von Katastrophen im allgemeinen und Schiffsunglücken im besonderen ausgehenden Faszination. Was Ballard über zwei weitere Themen zu sagen hat, ist mindestens ebenso interessant. Das eine sind die Erkenntnisse der Meeresgeologie, die Ballards Spezialgebiet war, bevor er sich völlig der populäreren Wracksuche widmete. Nicht weniger ausführlich, und zum Teil erfrischend offenherzig, kommen die Verflechtungen zwischen Militär und Forschung zur Sprache.

Wer mit der Verteilung von Forschungsmitteln zu tun hat, findet bestätigt: Wenn sich das Militär der stärksten Militärmacht als Sponsor high-tech-intensiver Forschung betätigt, haben wenige europäische Länder eine Chance, gleichzuziehen. Ballards Karriere begann in einer Forschungseinrichtung der US-Navy, wo seine enorme Begabung für Öffentlichkeitsarbeit zur Gewinnung von Sponsoren eingesetzt wurde. Er nimmt gern den Mund voll. Seine Erkenntnis, daß Schiffstrümmer in großen Tiefen keinen Kreis, sondern einen Schweif immer leichterer Teile bilden, vergleicht er doch tatsächlich mit der Entdeckung des Steins von Bosette, die Entdeckung komplexer Lebensformen in der Tiefsee hält er für „von mindestens so großer Tragweite" wie die Forschungen Charles Darwins und durch die Entdeckung des „Bismarcks"-Wracks, glaubt er gar, könnten sich manche Deutsche „gezwungen sehen, ihre ambivalente Haltung gegenüber der Nazizeit zu überprüfen".

Die Suche nach der „Titanic" war einerseits sein Hobby, überzeugte aber auch die Mächtigen im Pentagon von der Brauchbarkeit der eingesetzten Technik für militärische Zwecke, wie Auffindung und Untersuchung verunglückter Atom-U-Boote. Private Sponsoren, vor allem im Medienbereich, profitierten von der publizistischen Attraktivität der Suche nach den Wracks der „Titanic", der „Bismarck", der „Lusitania" oder antiker, mit Amphoren beladener Schiffe.

Der von den Meerestiefen unwiderstehlich angezogene Ballard war zunächst ein Propagandist der bemannten Forschungs-U-Boote, wurde aber, zum Mißvergnügen einiger Unentwegter, dieser Technologie später teilweise abtrünnig. Er entwickelte das Argo-Jason-System, bei dem ein größeres unbemanntes Tauchfahrzeug das Operationsgebiet eines zweiten, kleineren, ebenfalls unbemannten Tauchfahrzeuges ausleuchtet und ihm als Basis dient. Das kleine Fahrzeug "Jason" - kann gefährliche Aufgaben übernehmen, etwa in den Ballsaal der „Titanic" eindringen oder den Beaktor eines gesunkenen U-Bootes auf Dichtheit prüfen. Die gesamte Anlage wird gefahrlos vom Mutterschiff aus gesteuert. Ein Motiv, diese Entwicklung zu forcieren, waren wohl auch kritische Situationen in der Tiefe, darunter ein Brand in der Stahlkugel des von Auguste Piccard konstruierten Bathyscaph.

Einmal scheint ihm die Angst einen Streich gespielt zu haben. Treuherzig erzählt er, wie der Bathyscaph gegen eine unserseeische Felswand schrammte, wie „plötzlich Perlenschnüre aus winzigen Tropfen am Beobachtungsfenster vorbei" aufstiegen, wie er „Ich sehe Benzin im Wasser" ausrief und die Franzosen den Notaufstieg einleiteten, und welche Angst er in den folgenden Stunden ausstand. Nun hängt aber die Stahlkugel des Bathyscaph unter dem mit Benzin gefüllten Tank, der den Auftrieb liefert. Die Bläschen müßten zuvor ein Tauchmanöver ausgeführt haben, um sich vor dem Fenster zeigen zu können. Wahrscheinlich handelte es sich um Luftblasen, die im Ballastmechanismus hängengeblieben waren. Kein Wunder, daß die Franzosen während des Aufstieges nichts mehr sprachen.

Jahre später war Ballard mit französischen Forschern zur mutmaßlichen Untergangsstelle der „Titanic" unterwegs, als er noch schnell geheimen Verpflichtungen gegenüber dem Pentagon nachkommen mußte. Die französischen Mitfahrer wurden mit Ausreden vom Leitstand der Tauchgeräte ferngehalten, während die Amerikaner die Trümmer des gesunkenen Atom-U-Bootes „Scorpion" kartographierten. Ballard hatte auch die Überreste des 1963 bei seiner ersten Fahrt in die Tiefe verunglückten Atom-U-Bootes „Thresher" erkundet. Schier unglaublich: 129 Menschen starben, der Prototyp einer neuen U-Boot-Klasse ging verloren, weil sich die Militärs aus Sparsamkeit mit der Hartlötung anstelle der Schweißung einer Bohrleitung begnügt hatten. Das Rohr brach gleich bei der ersten Belastung, der Wasserstrahl erzeugte einen Kurzschluß, der Stromabfall veranlaßte den Beaktor zur Schnellabschaltung, der elektrische Motor versagte ebenfalls, doch das Atom-U-Boot war so konstruiert, daß es ohne Antrieb nicht aufstieg, sondern immer tiefer sank. Lang vor Ablauf der sieben Minuten, die der Atomantrieb benötigte, um wieder Dampf abzugeben, war die „Knautschtiefe" erreicht.

Ballard stellt zwar seine Beziehungen zum Militär als Ergebnis glücklicher Zufälle dar, kann aber nicht umhin, mit seinen Überzeugungskünsten zu glänzen. Daher erfahren wir, wie er einem der hohen Herren im Pentagon seine Visionen von der Zukunft des U-Boot-Krieges vermittelte: Ob dem Herrn Admiral klar sei, daß es in der Tiefe der Weltmeere Schluchten gebe, „in denen Sie - oder die Sowjets - ihre ganze U-Boot-Flotte verstecken könnten?" Womit die Finanzierung des Argo-Jason-Sy-stems mit dem freilich nicht welterschütternden Betrag von 600.000 Dollar jährlich gesichert war. Die Militärs bezahlten das System und durften es einen Monat pro Jahr zu Terminen ihrer Wahl nutzen.

Das Drei-Mann-Forschungs-U-Boot „Alvin", mit dem in zwei Jahrzehnten ein Teil der Durchbrüche in der Meeresgeologie erzielt wurde, gehörte einer der weniger gut gepolsterten Forschungseinrichtungen der US-Navy. Die neue Titankugel, die die Einsatztiefe von 1.800 auf 4.000 Meter erhöhte, war hingegen Abfallprodukt der großzügig dotierten Atom-U-Boot-Entwicklung. Keine Universität der Welt hätte den Bau, vor allem aber die Weiterentwicklung des Bootes bezahlen können.

Reine Wissenschaftler mögen sich guten Gewissens eines Sponsorings, das wichtige erdgeschichtliche Erkenntnisse ermöglichte, erfreuen. Ballard war an etlichen meeresgeologischen Untersuchungen beteiligt, bevor er alle Kräfte auf die submarine Technologie und das Mediengeschäft konzentrierte. Seine Tätigkeit als Forscher fiel in eine Zeit, in der die' Vorstellungen von der Erdgeschichte wieder einmal revidiert wurden. Die letzten Zweifel an der Bewegung der Kontinentalschollen wurden beseitigt. Mit dem Tieftauchboot „Alvin" konnte der schmale Spalt im Atlantik inspiziert werden, aus dem die heiße Lava quillt, die den sich langsam verbreiternden Meeresboden zwischen den auseinanderdriftenden Kontinenten ausfüllt.

Er war auch einer von denen, die unweit der Galapagos-Inseln Leben fanden, welches die Biologen zwang, tradierte Ansichten aufzugeben. Offenbar konnte sich Leben auch ohne Beteiligung des Sonnenlichtes entwickeln. In der Schwärze der Tiefsee gibt es eine ganze Palette riesiger Muscheln, mehrere Meter langer Röhrenwürmer und anderer Lebensformen, die an Stellen, an denen warmes, mit Schwefelwasserstoff gesättigtes Wasser aus dem vulkanischen Meeresboden austritt, Artengemeinschaften bilden und ohne Photosynthese auskommen. Das gesamte Wasser der Weltmeere, so die Annahme amerikanischer Meeresgeologen, dürfte im Lauf der Jahrmillionen diese Spaftensysteme des öfteren passiert haben. Die Bedeutung dieser Tatsache für die Evolutionsbiologie ist noch nicht abzuschätzen. Eine andere bedeutungsvolle Entdeckung sind ge waltige Schlotsysteme in den Bruch-zonen, aus denen ebenfalls, zum Teil mehrere hundert Grad, heißes Wasser austritt.

Wissenschaftliche Sensationen, vor allem aber die Wracksuche, die sich wohl nur mit viel gutem Willen als wissenschaftlich etikettieren läßt, sind auch ein gewaltiges Mediengeschäft. Die Auffindung der „Titanic" und der „Bismarck" wurde zu einem vom Militär subventionierten Mediencoup, bei dem die Amerikaner stets die Nase vorne hatten. Die französischen Meeresforscher hatten sich lediglich an der ersten, erfolglosen „Titanic"-Suche beteiligt - entsprechend gering fiel zu ihrem Ärger ihr Anteil am Infotainment-Kuchen aus.

Mit dem Ende des Kalten Krieges versiegte der Geldstrom von der Navy. Doch Ballard steht längst auf gesunden kaufmännischen Füßen. Ohne die Navy wäre das aber nie und nimmer möglich gewesen. Vielleicht sollten die Europäer die Amerikaner an diese Wettbewerbsverzerrung erinnern, falls die USA wieder einmal, wie bei der letzten Gatt-Runde, die europäische Filmförderung mit demAr-gument, sie wirke wettbewerbsverzerrend, zu Fall bringen wollen.

ABENTEUER OZEAN - MEIN LEBEN ALS TIEFSEEFORSCHER

Von Robert Ballard

Verlag Ullstein, Berlin 1996

448Seiten, geb., Farbfotos, öS 42),-

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