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Sonneneinstrahlung als Freund und Feind

Auch der Katarakt, die Trübung der Augenlinse, ist ein UV-assoziiertes Problem. Zur Prävention werden Sonnenbrillen mit hohem Schutzfaktor empfohlen.

Der Sommer kommt in großen Schritten näher und zieht die Menschen nach draußen, in die Wärme und das Licht. Dabei erinnert sich bestimmt so mancher beim Verlassen des Hauses an die mahnenden Worte verantwortungsvoller Eltern früher: Sonnencreme nicht vergessen!

Dass man sich vor der Sonne schützen muss, ist den meisten Menschen bewusst -vom Hautkrebs bis zur Hautalterung, all diese Gefahren stecken in der UV-Strahlung der Sonne. Dabei wird scheinbar oft darauf vergessen, dass die Strahlung auch einen positiven Effekt auf unseren Körper hat. So braucht der Körper das UV-B-Licht der Sonne, um Vitamin D synthetisieren zu können. Und laut Studien und Ernährungsinstituten nimmt die Bevölkerung in unseren Breitengraden davon zu wenig zu sich. "Die Befunde in Mittel-und Nordeuropa zeigen, dass ein gar nicht unerheblicher Teil zumindest im unteren Bereich der Vitamin D-Versorgung angesiedelt ist", sagt auch Professor Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen.

Vitamin D: Vielfältige Funktionen

Im Körper fungiert Vitamin D wie ein Hormon und reguliert zahlreiche wichtige zelluläre Vorgänge. Es wird benötigt, um Kalzium zu absorbieren und die Knochen gesund zu halten, zudem regt es die Muskel-und Gewebebildung an. Die zwei wichtigsten Vitamin D-Formen, die im Körper vorkommen, sind Vitamin D3 und D2. Dabei wird nur das Vitamin D3 in der Haut gebildet; Vitamin D2 wird dem Körper über pflanzliche Lebensmittel zugeführt.

Neben der Sonneneinstrahlung kann Vitamin D3 auch über die Nahrung eingenommen werden: Es kommt etwa in Fettfischen wie Makrelen oder Heringen vor, in Leber und Eigelb, sowie in speziell damit angereicherten Nahrungsmitteln wie Margarine oder Orangensaft. Die Wissenschaft entdeckte das Vitamin am Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem viele Kinder in städtischen Gebieten an Rachitis erkrankten. Ihnen fehlte durch hohe Luftverschmutzung und zu viel Zeit in Innenräumen das Sonnenlicht. Nachdem die Forscher sich der Wirkung der Sonnenstrahlung bewusst wurden, ließ sich die Krankheit durch mehr Zeit in der Sonne und der Beigabe von Dorschleber behandeln.

Neben Rachitis können Menschen, die zu wenig Vitamin D im Körper haben, ein höheres Risiko für Osteoporose, Herzkrankheiten und Multiple Sklerose haben, sowie auch anfälliger für Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder grippale Infekte sein. Sogar Krebs, Diabetes oder Alzheimer werden damit in Verbindung gebracht. Das deutsche Robert Koch Institut geht davon aus, dass etwa 50 Prozent der Gesamtbevölkerung nicht den optimalen Wert an Vitamin D aufweisen. "Dazu muss man aber sagen: Was genau optimal ist, darüber streitet sich die Wissenschaft", gibt Zeeb zu denken. "Andererseits kann man sagen, dass nur ein minimaler Anteil der Bevölkerung einen klinischen Vitamin D-Mangel hat." Er selbst bezeichnet Werte ab 50 Nanomol pro Liter als optimal und hält sich damit auch an die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), manche Wissenschaftler sprechen jedoch auch von 75. Weniger strittig ist der untere Grenzwert: Ab 12,5 Nanomol pro Liter spricht man von einem klinischen, also krankheitswertigen Vitamin D-Mangel.

Risikogruppen für einen solchen Mangel sind etwa ältere Menschen, die wenig außer Haus gehen, oder Säuglinge, die noch nicht häufig der Sonne ausgesetzt werden. In diesen Fällen ist es auch sinnvoll, Vitamin D als Nahrungsergänzung zuzuführen.

Doch wie viel Sonne braucht der Mensch täglich? "Es ist sehr abhängig davon, wie stark die Sonneneinstrahlung ist," sagt Zeeb. So macht es einen Unterschied, auf welcher Höhe man sich befindet und in welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Erde eintreffen. Ein Richtwert für Menschen mit heller Haut sind 10 bis 15 Minuten täglich, die man ungeschützt und direkt in der Sonne verbringen soll. Laut WHO reicht es dafür, Arme, Nacken, Gesicht und einen Teil der Beine frei zu machen. In der Früh, im Halbschatten sowie im Frühjahr und im Herbst kann man diese Zeit etwas verlängern. Je dunkler der Hauttyp, umso ausgedehnter sollte man in der Sonne bleiben, da der Körper länger braucht, um die Strahlung aufzunehmen. Bei sehr dunkler Haut kann man bis zu zwei Stunden am Tag in der Sonne verbringen. Die beste Tageszeit zur Vitaminproduktion ist zwischen 10 bis 14 Uhr. Übertreiben sollte man es jedoch nicht: Ein Sonnenbrand ist wegen des Hautkrebsrisikos unbedingt zu vermeiden. "Problematisch wird die Strahlung, sobald sich die Haut rötet und erste Anzeichen eines Sonnenbrandes aufweist", so Zeeb.

Gefährliche UV-Strahlung

Aber auch die Hautalterung wird durch intensive UV-Strahlung vorangetrieben -die Elastizität der Haut lässt nach. Um das zu vermeiden, hilft Sonnencreme. Diese blockt zwar die Vitamin D-Produktion im Körper. Meist wird jedoch beim Eincremen auf die eine oder andere Stelle vergessen, die Vitamin D-Versorgung bleibt dann sichergestellt. Zeeb rät, auf Cremes mit niedrigem Sonnenschutzfaktor zu verzichten: "Gerade wenn man im Sommer in Regionen mit intensiverer Sonneneinstrahlung fährt, muss man darauf achten, Sonnenschutzwerte zwischen 25 und 30 zu verwenden."

Zudem sei es sinnvoll, Sonnencreme mit Kleidung als Schutz zu ergänzen und sich generell nicht zu lange in der prallen Sonne aufzuhalten. Der Professor weist darauf hin, dass auch Katarakt, die Trübung der Augenlinse, ein UVassoziiertes Problem ist, dem bisher weniger Beachtung geschenkt wird. Um sich davor zu schützen, empfiehlt er Sonnenbrillen, die nicht nur einen hohen Schutzfaktor haben, sondern auch einen seitlichen Schutz bieten, damit auch durch Reflexion kein Sonnenlicht auf die Linse trifft.

Sonnencreme gehört also weiter zur Basisausrüstung für jeden Sommertag. 10 bis 15 Minuten kann man jedoch bedenkenlos in der Sonne verbringen und damit den Vitamin D-Wert in die Höhe treiben. Die Unterversorgung ist vor allem ein Problem der sonnenarmen Wintermonate. Vitamin D wird vom Körper über Monate gespeichert. Im Winter tragen die Speicher wesentlich zur Versorgung bei -bis man im Frühjahr die Reserven wieder auffüllen kann.

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