Baustelle Gehirn - Baustelle Gehirn: Eine Studie beschreibt die Pubertät bei Menschen, aber auch Affen als wesentlichen Reifungsprozess des Gehirns. - © iStock / wundervisuals
Wissen

Taumelnd in der Zwischenwelt

1945 1960 1980 2000 2020

Impulsiv und irrational: Teenager stellen ihr Umfeld oft auf die Probe. Denn in der Pubertät wird auch das Gehirn umgebaut.

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Impulsiv und irrational: Teenager stellen ihr Umfeld oft auf die Probe. Denn in der Pubertät wird auch das Gehirn umgebaut.

Es ist einer der großen Übergänge im Leben, für die es einst markante Initiationsriten gab. Schließlich ist die Pubertät eine klassische Schwellensituation: Der Körper wird umgebaut, das Leben zur Baustelle. Die Welt der Kindheit wird verlassen, jene der Erwachsenen ist noch nicht wirklich in Griffweite. Die seltsame Zwischenzone erscheint schummrig; sie ist abenteuerlich und bedrohlich, abgründig und unverständlich; ein Nährboden für Zweifel und Unsicherheit. Neue Leiden tun sich auf, das Mysterium der Sexualität erscheint glühend am Horizont der Existenz. Hinter den Grauschleiern des Alltags lauert das Gefühlschaos. Rückblickend sind manche froh, diese qualvolle Phase ein für allemal hinter sich gebracht zu haben. Andere erkennen darin vielleicht die nie mehr erreichten Höhepunkte ihres allzu routinierten Lebens.

Rausch- und Risikobereitschaft

Mit der Pubertät verändert sich nicht zuletzt das Verhalten: Impulsivität und Imponiergehabe, Rausch- und Risikobereitschaft sind durchaus typisch. Nervenkitzel, wo auch immer er zu finden ist, wird plötzlich interessant. Mitunter tauchen unliebsame Überraschungen auf: Manche Kinder, die bisher gut mit ihren Eltern kooperiert haben, stellen die Zusammenarbeit weitgehend ein; andere zeigen plötzlich destruktive oder selbstdestruktive Züge. Die Abgrenzung zu den Eltern rückt in den Vordergrund – doch das ist notwendig, um die Entwicklung der Kinder „zu eigenständigen, sozialen, verantwortungsvollen und kritischen Erwachsenen fortsetzen zu können“, wie der heuer verstorbene Familientherapeut Jesper Juul schreibt. Dagegen gewinnt der Einfluss jugendlicher Peer-Gruppen zunehmend an Bedeutung.

Was im Inneren der Heranwachsenden vor sich geht, darüber haben sich nicht nur unzählige Eltern, sondern auch Forscher unterschiedlichster Fächer den Kopf zerbrochen. Im Bereich der Neurowissenschaft wurde gezeigt, wie sich die Nervenbahnen im Hirn von Pubertierenden neu strukturieren. Vor allem im Stirnlappen des Gehirns – dem Sitz wichtiger Kontrollfunktionen – kommt es zu längeren „Umbauten“. Dieses Areal ist etwa für die Impulskontrolle, Gefahrenabschätzung und die Fähigkeit zum längerfristigen Planen relevant. Die Launen und Entscheidungsschwächen vieler Jugendlicher könnten auf diesen Umbau zurückzuführen sein. Zudem laufen die Verarbeitung und Zuordnung von Emotionen bei Teenagern und Erwachsenen in unterschiedlichen Hirnarealen ab. Auch dadurch lässt sich die stärkere Impulsivität bei den Heranwachsenden erklären.

Es ist einer der großen Übergänge im Leben, für die es einst markante Initiationsriten gab. Schließlich ist die Pubertät eine klassische Schwellensituation: Der Körper wird umgebaut, das Leben zur Baustelle. Die Welt der Kindheit wird verlassen, jene der Erwachsenen ist noch nicht wirklich in Griffweite. Die seltsame Zwischenzone erscheint schummrig; sie ist abenteuerlich und bedrohlich, abgründig und unverständlich; ein Nährboden für Zweifel und Unsicherheit. Neue Leiden tun sich auf, das Mysterium der Sexualität erscheint glühend am Horizont der Existenz. Hinter den Grauschleiern des Alltags lauert das Gefühlschaos. Rückblickend sind manche froh, diese qualvolle Phase ein für allemal hinter sich gebracht zu haben. Andere erkennen darin vielleicht die nie mehr erreichten Höhepunkte ihres allzu routinierten Lebens.

Rausch- und Risikobereitschaft

Mit der Pubertät verändert sich nicht zuletzt das Verhalten: Impulsivität und Imponiergehabe, Rausch- und Risikobereitschaft sind durchaus typisch. Nervenkitzel, wo auch immer er zu finden ist, wird plötzlich interessant. Mitunter tauchen unliebsame Überraschungen auf: Manche Kinder, die bisher gut mit ihren Eltern kooperiert haben, stellen die Zusammenarbeit weitgehend ein; andere zeigen plötzlich destruktive oder selbstdestruktive Züge. Die Abgrenzung zu den Eltern rückt in den Vordergrund – doch das ist notwendig, um die Entwicklung der Kinder „zu eigenständigen, sozialen, verantwortungsvollen und kritischen Erwachsenen fortsetzen zu können“, wie der heuer verstorbene Familientherapeut Jesper Juul schreibt. Dagegen gewinnt der Einfluss jugendlicher Peer-Gruppen zunehmend an Bedeutung.

Was im Inneren der Heranwachsenden vor sich geht, darüber haben sich nicht nur unzählige Eltern, sondern auch Forscher unterschiedlichster Fächer den Kopf zerbrochen. Im Bereich der Neurowissenschaft wurde gezeigt, wie sich die Nervenbahnen im Hirn von Pubertierenden neu strukturieren. Vor allem im Stirnlappen des Gehirns – dem Sitz wichtiger Kontrollfunktionen – kommt es zu längeren „Umbauten“. Dieses Areal ist etwa für die Impulskontrolle, Gefahrenabschätzung und die Fähigkeit zum längerfristigen Planen relevant. Die Launen und Entscheidungsschwächen vieler Jugendlicher könnten auf diesen Umbau zurückzuführen sein. Zudem laufen die Verarbeitung und Zuordnung von Emotionen bei Teenagern und Erwachsenen in unterschiedlichen Hirnarealen ab. Auch dadurch lässt sich die stärkere Impulsivität bei den Heranwachsenden erklären.

Rückblickend sind manche froh, diese qualvolle Phase hinter sich zu haben. Andere erkennen darin die nie mehr erreichten Höhepunkte ihres allzu routinierten Lebens.

Eine neue Studie hat diese biologischen Veränderungen nun genauer unter die Lupe genommen, auch im Vergleich zu anderen Spezies. Affen sind dafür besonders geeignet, denn sie haben ebenfalls einen entwickelten Stirnlappen. Vielleicht sind auch manche Affeneltern ob des Verhaltens ihres pubertierenden Nachwuchses irritiert: Denn sowohl Menschen als auch Primaten – in der Studie anhand von Makaken dokumentiert – zeigen in der Phase des Erwachsenwerdens Schwierigkeiten, impulsive Reaktionen zu stoppen. „Trotz all der gesellschaftlichen Einflüsse, die unsere Teenager-Jahre bestimmen, durchlaufen das menschliche Gehirn und das Affengehirn auffallend ähnliche Veränderungen“, folgern die amerikanischen Studienautoren im Fachjournal Trends in Neurosciences. „Das gilt besonders für jene Areale, wo die Selbstkontrolle angesiedelt ist.“

Evolution des Leichtsinns

Die Forscher gehen davon aus, dass die „Sensationssuche“ (mehr dazu hier) vieler Jugendlicher biologisch begründet ist: Sie steht im Zusammenhang mit einem Prozess, der das Gehirn auf der Basis neuer Erfahrungen umgestaltet. Jugendlicher Leichtsinn und nervenaufreibende Abenteuer spielen während der Pubertät oft eine große Rolle. Doch das ist nicht zwingend schlecht, sagt Studienautorin Beatriz Luna von der Universität Pittsburgh. „In dieser Entwicklungsphase hat man noch nicht dieses perfekt hemmende Kontrollsystem im Gehirn, aber das ist nicht ohne Grund. Evolutionär gesehen ermöglicht diese Phase neue Erfahrungen, die wichtig sind, um das Gehirn optimal an die Anforderungen der Umwelt anzupassen.“

Die Schwellensituation der Pubertät schafft somit gewissermaßen die Schablone für das erwachsene Gehirn. Selbstkontrolle umfasst nicht nur die Fähigkeit, ein bestimmtes Verhalten momentan stoppen zu können, bemerken die Forscher. Vielmehr gehe es auch darum, zeitgerecht eine strategische Planung für diverse Herausforderungen zu entwickeln. „Die Pubertät als Phase des Erkundens und Erforschens ist hier essenziell, denn neue Erfahrungen tragen dazu bei, die Verschaltungen des reifen Gehirns herauszubilden.“