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Traumhaft, eine Krebsimpfung!

Die HPV-Impfung ist ein wissenschaftlicher Durchbruch. Die Informationen dazu führen leider sehr oft in die Irre.

Wie erst unlängst bekannt wurde, verstarb Mitte Oktober eine 19-jährige Studentin, die kurz zuvor ihre erste HPV-Impfung zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs erhalten hatte. Ironie der Geschichte - just zu jener Zeit schwelgten die HPV-Befürworter in euphorischem Taumel: Ein zweiter Impfstoff war soeben für den österreichischen Markt zugelassen worden. "Ein Traum wird wahr", zeigte sich etwa der Sozialmediziner Michael Kunze an einer ersten Pressekonferenz begeistert. Von Vorarlberg bis Wien schienen sich die Experten einig: Alle Mädchen zwischen neun und 14 sind durchzuimpfen.

Bis Ende Oktober ist der Druck auf das Gesundheitsministerium stetig gewachsen: England, Dänemark und Spanien kündigten eine Gratis-Impfung an. Frauenministerin Doris Bures warnte vor einer "Zwei-Klassen-Medizin". Die Schauspielerin Katharina Stemberger, die 100.000 Unterschriften für die Aufnahme der Impfung in das kostenlose Impfprogramm gesammelt hatte, warf der Gesundheitsministerin gar "Halbwahrheiten" vor.

Andere Rangierungen

Dabei zeigt eine nüchterne Analyse: Die Halbwahrheiten kamen vor allem von den lautstarken Befürwortern. Sie scherten sich wenig um die Unwägbarkeiten, verwendeten Daten mitunter sehr selektiv - und stellten so die Impfung als wunderbare Lösung für ein angeblich gravierendes Gesundheitsproblem dar. Ein paar Beispiele:

Auf einem Informationsblatt zu einer Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie, der Österreichischen Krebshilfe und der Initiative gegen Gebärmutterhalskrebs heißt es: "Gebärmutterhalskrebs ist die zweithäufigste Todesursache junger Frauen in Europa zwischen 15 und 44 Jahren." Faktum ist: Gebärmutterhalskrebs stellt ein besonders großes Problem in Schwellen- und Entwicklungsländern dar. Er ist somit die zweithäufigste tödlich verlaufende Krebserkrankung weltweit. Vielleicht stimmt ja obige Aussage, wenn die weniger reichen (Ost-)Länder zu Europa dazugerechnet werden. Warum aber die Einschränkung auf die 15- bis 44-Jährigen? Weil die Krebs-Häufigkeit mit 35 rapide ansteigt und ab 45 wieder absinkt. Berücksichtigt man nur diese erste Welle, werden die Zahlen weitaus dramatischer.

Ganz andere Rangierungen findet Martin Sprenger, Mediziner und Public-Health-Experte aus Graz, bei der Betrachtung der Zahlen von Statistik Austria: "Bezieht man alle Altersgruppen mit ein, so nimmt der Gebärmutterhalskrebs in Österreich Platz 11 bei den Krebs-Neuerkrankungen ein; in Bezug auf die Sterblichkeit gar, nur' Platz 14."

Verzerrende Grafik

Irreführend ist auch eine vom Präsidenten der Österreichischen Krebshilfe, Paul Sevelda, in einer Pressekonferenz verwendete Grafik (siehe Abbildung nebenan). Sie suggeriert, dass die Häufigkeit der Krebsvorstufen ohne Impfung während den nächsten Jahren gleich bleiben wird - und damit auch die Krebstodesrate sich nicht ändern wird. Es fehlt der Hinweis, dass die Krebsmortalität zwischen 1977 und 2006 von 311 auf 169 gefallen ist und in Zukunft wahrscheinlich weiter fallen wird. Sprenger erklärt den Trend so: "Die Abnahme kann als Erfolg der Vorsorgeuntersuchung gewertet werden. Dazu beigetragen hat wohl auch die vermehrte Kondombenützung. Weitere wichtige Faktoren sind Ernährung, Hygiene und Umwelt."

Zusätzliche Kritik verdient die von Sevelda gewählte Skalierung - eine Zukunftsprognose auf 100 Jahre! Sie verschleiert, dass die Impfung nicht bereits morgen wirksam werden wird. Erst beim sehr genauen Hinschauen fällt auf: Die positiven Effekte werden recht spät, nämlich etwa in fünfzehn Jahren, spürbar werden (Grund dafür ist die lange Entstehungsgeschichte dieser Krebsart). Interessant auch, wie je nach Kontext unterschiedliche Statistiken zu den Infektionsraten geliefert werden.

Der Zauber der Zahlen

"Acht von zehn Frauen werden durch sexuelle Kontakte mit HPV infiziert", wird die angesehene Pathologin Margaret Stanley in einer APA-Meldung zitiert. Was dabei unerwähnt bleibt: Die hohe Selbstheilungstendenz. "Die HPV-Infektion verläuft meist symptomlos und klingt in 90 Prozent der Fälle spontan ab", erklärt die Medizinsoziologin Sylvia Groth vom Frauengesundheitszentrum in Graz.

Da die Wirksamkeit der Impfung bei bereits Infizierten zumindest fraglich ist - darauf weisen die Studien Future eins und zwei hin -, werden, wenn es darum geht, die Impfung für bereits sexuell aktive Frauen anzupreisen, ganz andere Zahlen aus dem Hut gezaubert. "Von hundert Frauen (sind) nur eine bis zwei gerade mit einer HPV-Infektion eines der Impfstämme infiziert", heißt es auf einer Powerpointfolie von Sevelda. Das Wort, gerade' markiert hier den feinen Unterschied.

Doch bedeutet das gleichzeitig, dass die Impfung bei den 98 bis 99 gerade nicht infizierten Frauen auch wirken wird. Vielleicht waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits einmal infiziert - was dann? Ein gewisser Nutzen ist von der Impfung natürlich zu erwarten. Wie groß dieser allerdings sein wird, weiß man (noch) nicht.

Weitere Unsicherheiten sind: Über die Nebenwirkungen der Impfung ist bisher wenig bekannt. Auch wenn anfangs die Produktion von Antikörpern sehr hoch ist, weiß man nur, dass die Schutzwirkung mindestens 6,5 Jahre anhalten wird; eventuell muss zu einem späteren Zeitpunkt nachgeimpft werden - und das kostet Geld. Schließlich könnte die Impfung zwar die Beinahe-Ausrottung der HP-Viren 16 und 18 zur Folge haben, gleichzeitig aber - möglicherweise - dazu führen, dass andere, ähnlich gefährliche HP-Viren diese ökologische Nische besetzen. Und so wiederum Krebs auslösen.

Vorsorge nicht obsolet

Zuwenig herausgestrichen wird in der Diskussion, dass der Schutz lediglich zwei Hochrisiko-Viren betrifft, die rund 70 Prozent der Krebserkrankungen verursachen. Aber: die Vorsorgeuntersuchung wird damit gerade nicht obsolet. Im Gegenteil, sollten sich die Frauen durch die Impfung in falscher Sicherheit wiegen und die Vorsorgeuntersuchung nicht mehr in Anspruch nehmen, so hätte dies fatale Folgen. "Würde die Teilnahme am Pap-Abstrich nur um zehn Prozent sinken, dann wäre der Wert der Impfung zunichte - weil die Impfung allein schützt eben nicht", zitiert Groth eine Modellrechnung einer belgischen HTA-Studie. Dabei könnte mittels Pap-Abstrich allein Gebärmutterhalskrebs zu 90 Prozent verhindert werden.

Kostengünstiger als die Durchimpfung aller Altersgruppen (einen Mädchenjahrgang zu impfen, würde derzeit in Österreich rund 20 Millionen Euro kosten) wäre es deshalb, die Reichweite und Qualität der Vorsorgeuntersuchung auszubauen. Mit zielgerichteten Kampagnen könnten dabei auch Frauen erreicht werden, die sonst nur schwer zu erreichen sind, nämlich jene aus den niederen Bildungsschichten.

Kondome helfen auch

Auch verringern Kondome das Übertragungsrisiko von HPV um mindestens 70 Prozent (Quelle: NEJM 2006, 354(25): 2645-54). Die konsequente Anwendung von Kondomen verhindert damit Krebs mit ähnlich hoher Sicherheit wie die Impfung. Davon ist in der Broschüre der Krebshilfe aber nichts zu erfahren. Ob hier nicht doch ein "conflict of interest" besteht? Die Broschüre ist nämlich von einem der Impfhersteller gesponsert.

Die in vielerlei Hinsicht unerfreuliche Propaganda diskreditiert jedoch nicht das Produkt. Die Impfung ist - wissenschaftlich gesehen - ein Durchbruch. Leider sind die Impfstoffe, obwohl ja mittlerweile zwei Produkte am Markt angeboten werden, sehr teuer geblieben.

Man darf gespannt sein, ob der Staat ab diesem Jahr für die Durchimpfung aller Mädchen aufkommen wird: Ende Dezember wurde eine vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Studie fertig gestellt. Es bleibt zu hoffen, dass Andrea Kdolsky eine wissensbasierte Entscheidung trifft - und nicht die Emotionalisierung der Debatte vorantreibt, in dem sie etwa den Tod dieser einen jungen Studentin instrumentalisiert. Einen positiven Anlass liefert der tragische Fall trotzdem: Mit Nachdruck ist zu fordern, dass alle unerwünschten Wirkungen der Impfung gemeldet und dokumentiert werden.

Sehr informative Webseiten sind:

www.fgz.co.at

http://public-health.meduni-graz.at/archiv/artikel.html

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