Buchhinweis - Heimat: Gemischte Gefühle. Zur Dynamik innerer Bilder. Von Rainer Gross. V&R 2019. 175 Seiten. kart. Euro 21,- - © V&R
Wissen

Über Wurzeln, Flüsse und Sehnsuchtsorte

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

„Volks-Rock’n’Roll“ in ausverkauften Stadien: Andreas Gabalier ist ein Kardinalsymptom. Ebenso wie die virusartige Verbreitung von Volksfesten nach Vorbild der Münchner „Wiesn“. Dirndl, Lederhosen und Trachtenhemden sind heute auch mitten in der Großstadt en vogue. Die Werbung setzt ebenso darauf wie die Politik, und
dies längst nicht nur in den Bierzelten und Schunkelzonen des Rechtspopulismus. Wurde früher das Weltbürgertum idealisiert, hat sich nun eine mentale Schubumkehr vollzogen, die vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen wäre: Die Heimat, das Heimische und Heimelige, sind omnipräsent und unumgänglich.

Rainer Gross ist dieser Schubumkehr auf den Grund gegangen. In seinem neuen Buch umkreist der Wiener Psychiater und Psychotherapeut das Thema aus mehreren Perspektiven: von außen (Politik, Gesellschaft, Kultur), an den Schnittstellen von Sozialpsychologie und Identitätsdiskursen sowie von innen (Psychoanalyse).

„Es ist wohl fast ebenso schwer, über Heimat nachzudenken oder gar zu schreiben wie über die Liebe“, bemerkt er einleitend: Beide sind mit einer hochkomplexen Mischung von Gefühlen und Erinnerungen assoziiert. Erschwerend kommt hinzu, dass der Heimatbegriff in Österreich und Deutschland historisch besonders belastet ist und auch heute wieder als politische Kampfvokabel dient. Gross verfolgt die Ambivalenz von Heimat in der individuellen Gefühlswelt ebenso wie in den kulturellen Bildern und Produkten. Die Sicherheit der Heimat kann rasch zur Beengtheit werden, ebenso wie die Freiheit der Entwurzelung zur Isolation. Heimat ist niemals nur vorgegeben, denn es gibt „selbstgewählte Sehnsuchtsorte der Ankunft“. Sie ist aber auch nicht nur frei wählbar, denn es gibt eine genetische, bio- und geografische Verwurzelung. Wiewohl Wurzeln ein potenziell gefährliches Bild vom Ursprung sind: Der italienische Philologe Maurizio Bettini bevorzugt die horizontale Metapher eines Flusses, der von vielen Bächen genährt wird – Sinnbild für die Eingliederung auch neuer Einflüsse oder Traditionen. Es mag auch Seitenarme geben, die nebeneinander, aber nicht im Widerspruch zueinander stehen. Im Gegensatz zu starren, exkludierenden Heimatbildern plädiert auch Gross für ein pluralistisches Heimatverständnis
(siehe oben): Schließlich gibt es viele Lebensbereiche, in denen man sich heimisch fühlen kann. Starke Heimatgefühle sind nicht nur therapeutisch eine wertvolle Ressource, so Gross: „Dann können wir auch leichter einen neuen Aufbruch in die innere oder äußere Fremde wagen.“

„Volks-Rock’n’Roll“ in ausverkauften Stadien: Andreas Gabalier ist ein Kardinalsymptom. Ebenso wie die virusartige Verbreitung von Volksfesten nach Vorbild der Münchner „Wiesn“. Dirndl, Lederhosen und Trachtenhemden sind heute auch mitten in der Großstadt en vogue. Die Werbung setzt ebenso darauf wie die Politik, und
dies längst nicht nur in den Bierzelten und Schunkelzonen des Rechtspopulismus. Wurde früher das Weltbürgertum idealisiert, hat sich nun eine mentale Schubumkehr vollzogen, die vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen wäre: Die Heimat, das Heimische und Heimelige, sind omnipräsent und unumgänglich.

Rainer Gross ist dieser Schubumkehr auf den Grund gegangen. In seinem neuen Buch umkreist der Wiener Psychiater und Psychotherapeut das Thema aus mehreren Perspektiven: von außen (Politik, Gesellschaft, Kultur), an den Schnittstellen von Sozialpsychologie und Identitätsdiskursen sowie von innen (Psychoanalyse).

„Es ist wohl fast ebenso schwer, über Heimat nachzudenken oder gar zu schreiben wie über die Liebe“, bemerkt er einleitend: Beide sind mit einer hochkomplexen Mischung von Gefühlen und Erinnerungen assoziiert. Erschwerend kommt hinzu, dass der Heimatbegriff in Österreich und Deutschland historisch besonders belastet ist und auch heute wieder als politische Kampfvokabel dient. Gross verfolgt die Ambivalenz von Heimat in der individuellen Gefühlswelt ebenso wie in den kulturellen Bildern und Produkten. Die Sicherheit der Heimat kann rasch zur Beengtheit werden, ebenso wie die Freiheit der Entwurzelung zur Isolation. Heimat ist niemals nur vorgegeben, denn es gibt „selbstgewählte Sehnsuchtsorte der Ankunft“. Sie ist aber auch nicht nur frei wählbar, denn es gibt eine genetische, bio- und geografische Verwurzelung. Wiewohl Wurzeln ein potenziell gefährliches Bild vom Ursprung sind: Der italienische Philologe Maurizio Bettini bevorzugt die horizontale Metapher eines Flusses, der von vielen Bächen genährt wird – Sinnbild für die Eingliederung auch neuer Einflüsse oder Traditionen. Es mag auch Seitenarme geben, die nebeneinander, aber nicht im Widerspruch zueinander stehen. Im Gegensatz zu starren, exkludierenden Heimatbildern plädiert auch Gross für ein pluralistisches Heimatverständnis
(siehe oben): Schließlich gibt es viele Lebensbereiche, in denen man sich heimisch fühlen kann. Starke Heimatgefühle sind nicht nur therapeutisch eine wertvolle Ressource, so Gross: „Dann können wir auch leichter einen neuen Aufbruch in die innere oder äußere Fremde wagen.“