Vandana Shiva - © Foto: picturedesk.com / Everett Collection

Vandana Shiva: „Natürlich umarme ich Bäume!“

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Vandana Shiva kämpft gegen Monokulturen – in der Landwirtschaft ebenso wie im Denken. Indiens bekannteste Umweltaktivistin über Corona, Digitalisierung und ihre Vision von Wissenschaft.

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Vandana Shiva kämpft gegen Monokulturen – in der Landwirtschaft ebenso wie im Denken. Indiens bekannteste Umweltaktivistin über Corona, Digitalisierung und ihre Vision von Wissenschaft.

Hart, aber herzlich: So erscheint Vandana Shiva, wenn man ihr am Bildschirm gegenübersitzt. Die indische Quantenphysikerin überträgt die antikoloniale Tradition im Sinne Gandhis auf die Probleme der Globalisierung. Seit den 1970er-Jahren engagiert sie sich für Biodiversität und Frauenrechte, vor allem im Bereich der Landwirtschaft. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Alternativen Nobelpreis 1993, dem „Save the World“-Preis 2009 und dem „Sydney Peace“-Preis 2010. Die FURCHE erreichte sie für ein Zoom-Interview in Dehradun am Fuße des Himalaja, wo sie eine Bio-Landwirtschaft, Saatgutbanken sowie eine Bildungseinrichtung für Agrarökologie betreibt.

DIE FURCHE: Letztes Jahr sah man schreckliche Corona-Bilder aus Indien: Krankenhäuser waren überfüllt, Leichen lagen auf den Straßen. Wie ist die Lage heute?
Vandana Shiva: Diese zweite Corona-Welle war tatsächlich verheerend. Wie überall auf der Welt zählten vor allem Menschen mit Begleiterkrankungen zu den Todesopfern – in Indien oft Krankheiten, die durch Armut oder schlechte Ernährung bedingt sind. Seit Omikron ist die Infektionsrate hoch, aber die Krankheitsverläufe sind nicht mehr so schwer. Als Wissenschaftlerin versuche ich die Dinge immer im Kontext zu sehen. Und da darf man nicht vergessen: Jedes Jahr verhungern in Indien 1,4 Millionen Kleinkinder. Der Hunger ist oft größer als die Corona-Angst.

DIE FURCHE: Apropos Kontext: Die UNO hat bereits 2020 betont, dass es der zunehmende Druck auf die Natur ist, der das Risiko für Pandemien erhöht...
Shiva: In den letzten 30 Jahren der Globalisierung war ein Anstieg neuer infektiöser Krankheiten zu beobachten. Studien zeigen, dass dies mit der Invasion des Menschen in ehemalige Waldgebiete zusammenhängt. In Indien sind die sogenannten „Affenkrankheiten“ gut dokumentiert. Wenn Wälder zerstört werden, springen die Krankheitserreger von Tieren auf Menschen über. Die UNO sagt, dass wir das nicht als medizinisches Problem sehen sollten, sondern als gestörte Beziehung zur Natur. Die Nähe zu Tieren ist grundsätzlich nicht problematisch. Wenn die Affen ein „Zuhause“ haben, gehen sie nicht in die Siedlungen. Das Risiko entsteht erst, wenn man wilde Tiere vertreibt. Denn das sind Krankheiten, eingeschleppt von „Tierflüchtlingen“.

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