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"Verstehen heißt beantworten können"

Wer Wolfgang Rihm begegnet, ist mit ihm in Denkbewegung. Er ist einer der wichtigsten Komponisten unserer Zeit und treibt auf lustvoll hohem Niveau dem Hörer seiner Musik und dem Leser seiner Texte Gewohnheiten aus. Auch seinem Gegenüber, dem er ein überraschender, liebenswürdiger, heiterer und tiefsinniger Gesprächspartner ist.

Die Furche: Herr Rihm, haben es die jungen Komponisten heute schwerer, als Sie es am Anfang hatten?

Wolfgang Rihm: Nein. Es gibt heute viel mehr Förderungsmöglichkeiten. Allein die Ernst-von-Siemens-Stiftung vergibt an junge Musiker jedes Jahr mehr als zwei Millionen Euro. Und die Interpreten sind heute viel vertrauter mit dem, was jetzt entsteht. Als ich die ersten Orchesterstücke Anfang der siebziger Jahre hatte, saßen Leute im Orchester, die waren um 1910 geboren, die hatten viel größere Berührungsangst.

Die Furche: Glauben Sie nicht, dass die Dilettantisierung, die um sich greift, die Substanz gefährdet?

Rihm: Sicher, aber dafür entstehen andere Substanzen. Ich kenne das seit dreißig Jahren - es geht immer abwärts; aber ich kann schon aus purem Gesundheitserhalt nicht immer in diesem Sog leben. Der Politiker ist ein Idiot und der nächste noch ein größerer, dann wird alles nur noch von Computern gemacht, dann kommt der Meteor und die Welt geht unter … Himmel! Schauen wir das uns Naheliegende an und tun wir da Gutes, helfen wir den Menschen, denen wir ins Gesicht schauen können.

Die Furche: War es nicht eine Chance früherer Musiker, dass sie noch etwas überwinden mussten?

Rihm: Jeder hat etwas zu überwinden. Wir sprachen doch gerade von den Strukturen, die im Abbau begriffen sind, da müssen wir kämpfen und etwas überwinden. Aber jeder in seinem Bereich. Zu sagen, die Welt ist schlecht, verpufft. Deswegen bin ich in Gremien, Kuratorien, Jurys usw. Da kann ich etwas in Bewegung bringen.

Die Furche: Was wollen Sie, was können Sie ihren Schülern mitgeben?

Rihm: Ich gehe von dem aus, was der Schüler mitbringt. Ich bespreche mit ihm, was er macht, und helfe ihm zu dem, was er eigentlich will. Ansonsten kann sich der Schüler überall seine Vorbilder holen, wenn er das möchte - oder wenn sie das möchte, es gibt ja auch viele Frauen, die komponieren, und das sehr gut. Da ist eine Entscheidungskompetenz heranzubilden, denn Kunst machen heißt, sich aus einem Qualitätsbewusstsein heraus zu entscheiden, das zu tun und nicht jenes. Das hat nichts mit vordergründigem Stilverhalten zu tun und nicht mit den Mitteln, mit denen jemand arbeitet. Es kann einer nur für Cello schreiben, der nächste arbeitet mit Computerklängen, mit Kiesgeräuschen oder großem Orchester. Wie etwas geschieht, das können wir besprechen, daran erkennen wir die Qualität und können etwas verbessern.

Die Furche: Mit dem Handwerk als Voraussetzung?

Rihm: Nein, das Handwerk ist nicht vorausgesetzt, es entsteht durch das Tun. Man lernt nicht malen, indem man davor steht und gesagt kriegt, wie es geht, sondern indem man malt. Kennen Sie einen Sänger, der nicht durch das Singen zum Singen kommt?

Die Furche: Kann man Musik über die Struktur hinaus "verstehen"?

Rihm: Man kann sie wahrnehmen. Verstehen heißt für mich beantworten können. Der Hörer, der nichts weiß, versteht deswegen nichts, weil er nichts beantworten kann. Er kann die Musik nicht mit einem - wie immer - "eigenen Ton" weitertragen. Oft heißt verstehen auch nur: Ich mag das. Aber kann man denn Goya oder Rembrandt verstehen? Man sieht: Da ist eine Frau drauf. Die schaut nach links …

Die Furche: Wie reagieren Sie auf das Verlangen, eigene Werke zu beschreiben?

Rihm: Das ist so eine Vorstellung, dass man das machen muss. Ich schreibe lieber ein neues Stück. Für das Programmbuch gibt es kluge Leute. Die können dann schreiben: In Takt 19 setzt die Flöte ein. Dann denkt jeder, jetzt setzt die Flöte ein, das muss Takt 19 sein. Aha. Jetzt hat man's verstanden.

Die Furche: Ist es sinnvoll, in der Musik noch von Botschaft zu sprechen?

Rihm: Es gibt Momente, in denen Musik in Ihnen und in mir etwas anrührt. Für den einzelnen mag das botschaftsfähig sein, weil Musik die Möglichkeit hat, über sich hinauszuweisen in ein Du, in ein Anderes hinein. Da sind wir wieder beim Begriff des Beantworten-Könnens. Da muss aber auch etwas sein, was beantwortet werden kann. Wenn das nicht ist, entsteht im Hörer das Gefühl, er versteht das nicht. Das kann ich wiederum nachvollziehen. Popmusik zum Beispiel verstehe ich nicht, Unterhaltungsmusik ist mir genuin unverständlich. Aber viele Menschen hängen ihr Herz dran, und darum soll es auch so sein. Muss man denn alles verstehen? Trotzdem kann man ständig Aufklärung betreiben über das, was ist, und über die Bedingungen mehr erfahren, aber oft sind es dann Lebenserfahrungen, die mit den eigenen nicht zu verbinden sind.

Die Furche: Können Sie Ihre innerste Motivation benennen, zu komponieren?

Rihm: Ich habe als Kind Geschichten geschrieben und gezeichnet, mit neun oder zehn begann ich zu komponieren. Im Grunde ist es ein verlängerter kindlicher Impuls, der mich immer weitertreibt. Dieses Teilhaben-Können am Entstehen von etwas, dieses Schaffen-Können von einem Organismus und dabei spüren, dass man angeschlossen ist an einen Strom, der alles andere auch nährt. Das ist etwas sehr Schönes. Wenn es für andere ebenfalls etwas bedeutet, ist es mir auch ein Glück.

Die Furche: Fanden Sie die 1970er Jahre musikalisch auch so aufregend?

Rihm: Ich empfand es nicht so - ich empfand mich selber als spannend. Als ich begann, an die Öffentlichkeit zu treten, Anfang der siebziger Jahre, da war noch eine Zweiteilung zu spüren: Was den einen zu hässlich, war den anderen zu schön. Das Umgebende finde ich heute viel interessanter. Ich lebe in der Gegenwart. Ich bin nicht jemand, der Vergangenheit als Droge auf Flaschen zieht und später daran saugt. Ich bin vergangenheitsbewusst, weiß alles, was ich gemacht habe, habe einen riesigen Erinnerungsraum, kann mich an Gerüche, Berührungen, Bewegungen, Gefühle, Situationen in der Kindheit erinnern. Es ist alles da - und deshalb für mich ein Problem, es verklären zu müssen. Es begleitet mich wie eine nährende Substanz, die nie ausgeht und mich immer weiter zeugt.

Die Furche: Wo spüren Sie Grenzen?

Rihm: Eine Erfahrung, die jeder macht: Je mehr man weiß, desto weniger weiß man. Die Achse ist in der Mitte, auf der einen Seite das Wissen, auf der anderen das Unwissen. Der Erfahrungsraum wird größer, das heißt, ich erfahre mich immer mehr könnend und immer mehr versagend. Beides. Das Können, das Mögliche ist sozusagen gedeckt durch die Substanz des Versagens und des Unmöglichen. Analog umgekehrt. Es geht mir auch bei der Gestaltung der Stücke so: Wenn sehr Hermetisches entstanden ist, muss ich gar nichts mehr absichtlich wollen, und ein paar Monate später entstehen entgegenkommende, fast heitere Gebilde.

Die Furche: Sind Sie unerschöpflich?

Rihm: Ich bin oft erschöpft. Aber da gibt es auch diesen unerklärlichen Begriff der Gnade. Es ist immer etwas da, und es lässt sich daraus immer etwas gewinnen, was ich noch nicht kenne. Das macht mich glücklich. Auch in Momenten, in denen ich verzweifle, nicht weiterkomme, weiß ich, ich bin aufgehoben in einer schöpferischen Konstitution, die mir gegeben ist.

Das Gespräch führte Ursula Strohal.

"Ich habe einen großen Musikblock in mir"

Wolfgang Rihm ist eine Instanz. Ein kenntnisreicher Musiker, der in Fülle komponiert und brillante Essays schreibt. Ein intimer Kenner der Literatur und bildenden Kunst, ein unkonventioneller Lehrer an der Musikhochschule Karlsruhe. Sein Buch "Offene Enden" (Hanser Verlag, 2002) öffnet Geist und Sinne. Rihm wurde 1952 in Karlsruhe geboren, studierte dort und machte bald steile Karriere. Die Musiktheaterwerke "Jakob Lenz", "Die Hamletmaschine", "Oedipus" und "Die Eroberung von Mexico" gingen, wie viele Orchester- und Kammermusikstücke, ins Repertoire ein. Ein viel zitierter Rihm-Ausspruch umschreibt seine schöpferische Verfahrensweise: "Ich habe die Vorstellung eines großen Musikblocks, der in mir ist. Jede Komposition ist zugleich ein Teil von ihm, wie auch eine in ihn gemeißelte Physiognomie." Es ist ein ständiges Umformen und neu Generieren in mehreren Stilformen, bis hin zum bewussten Zitat der "Übermalung". Rihm und der belgische Künstler Jan Fabre arbeiten gegenwärtig an dem szenischen Konzertwerk "I am a Mistake", der NDR bereitet für November eine Rihm-Konzertreihe vor, zahlreiche Uraufführungen sind geplant. Beim Schwazer Klangspuren-Festival 2007 war Rihm Composer in residence, bei den Tiroler Festspielen Erl wurde "Sotto Voce II" uraufgeführt. "Eine Petitesse", sagt Rihm, "aber mit Genuss geschrieben." Er komponiert viel, aber weder leicht noch schnell. Und mit Genuss? "Es gibt eigentlich in jedem Stück Momente, wo ich spüre, da kann ich was geben. Das genieße ich dann sehr." Ursula Strohal

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