Jung und Alt - Loslassen gehört von früh an zum Lauf des Lebens. Es ist freilich umso schwieriger, je fester die Bindung an das Loszulassende ist. - © iStock / Kuzmichstudio
Wissen

Vom Loslassen und Festhalten

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Richtiges Loslassen bedeutet auch Gewinn, und richtiges Festhalten muss auch Verlust bedeuten. Reflexionen eines Alternsforschers.

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Richtiges Loslassen bedeutet auch Gewinn, und richtiges Festhalten muss auch Verlust bedeuten. Reflexionen eines Alternsforschers.

In esoterischen Pamphleten, Ratgebern für die „Gestaltung des Lebens“, aber auch in seriöser wissenschaftlicher Literatur, ist heute viel von der Kunst des Loslassens die Rede; ganz selten – wenn überhaupt – vom Guten des Festhaltens. Mit zunehmendem Alter kreisen auch meine Gedanken immer öfter um diese Themen.

Wenn jüngere Menschen gelegentlich manche Alten in Gedanken versunken vor sich hinträumen sehen, sollten sie sich bewusst sein, dass die nicht „ins Narrenkastl“ starren, sondern meist an Momente des Loslassens und des Festhaltens während ihres langen Lebens zurückdenken. Alte Menschen sind nämlich im Inneren alt und jung zugleich. Das beruht darauf, dass unsere Persönlichkeit im Alter von circa zwanzig Jahren bereits fertig geprägt ist und später durch die Lebensumstände zwar noch modelliert, aber nicht mehr grundlegend verändert wird. Diese These kann jeder durch Beobachtung der Mitmenschen in seiner Umgebung leicht selbst verifizieren: Man denke nur an das Wiedersehen mit seinen Mitschülern nach vielen Jahren bei Maturafeiern etc. Die Charaktere dieser Mitschüler sind mit jenen, die wir vor Jahrzehnten kennengelernt haben, immer noch fast identisch.

Da ist zunächst das leichte, befreiende Loslassen, etwa beim Antritt der Pension nach einem abgeschlossenen Berufsleben, oder der lang hinausgeschobene, aber nun realisierte Beschluss zur Beendigung einer gescheiterten Beziehung. Dann gibt es das unwillige, weil mit finanziellen Einbußen verbundene Loslassen beim Übertritt in den Ruhestand bei jenen, die ihre Arbeit immer nur als Mittel zum Zweck des Geldverdienens gesehen haben.

Vorbereitung auf das „dritte Alter“

Diese trivialen Formen des Loslassen-Müssens haben mit der Tugend des echten Loslassen-Könnens nichts zu tun. Diese Gabe ist etwa dann gefordert, wenn Menschen, die in ihrer Arbeit eine echte Berufung gesehen haben, aus dem Berufsleben ausscheiden. Das Loslassen fällt dieser Kategorie von Menschen besonders schwer, weil sie – mit der eventuellen Ausnahme von Wissenschaftlern, Künstlern, aber auch Handwerkern und anderen „Spezialisten“ – keine Möglichkeit haben, die gesetzlich festgelegte Hürde der Pensionierung zu überspringen und ihrer Leidenschaft mit der ihnen eigenen Expertise weiter zu frönen.

Vielen Wissenschaftlern und Ärzten fällt es besonders schwer, loszulassen, weil sie sich im berufstätigen Alter nicht auf das „dritte Alter“ nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben – noch in passabler körperlicher und geistiger Verfassung – vorbereitet haben. So fallen Leiter gro­ßer Kliniken nach der Pensionierung oft in ein schwarzes Loch der plötzlichen Bedeutungslosigkeit und Handlungsunfähigkeit. Vielen Politikern wiederum fällt das Loslassen so schwer, weil sie meist keine andere berufliche Perspektive mehr haben, die sie gegebenenfalls wahrnehmen können. Diejenigen, die den Absprung trotzdem wagen, wenden sich dann erstaunlicherweise oft Tätigkeiten zu, die den von ihnen vorher propagierten ethischen, moralischen und gesellschaftspolitischen Grundsätzen diametral entgegengesetzt sind. Das Loslassen-Müssen aufgrund nicht mehr zu ändernder äußerer Umstände, etwa die Beendigung einer geliebten sportlichen Tätigkeit wegen zunehmender körperlicher Beschwerden oder das Ende des Lesens, weil die Augen versagen, ist für viele Menschen ein einschneidendes, durch erzwungenes Loslassen bedingtes Erlebnis.

Neben diesen erzwungenen Spielarten des Loslassens gibt es noch viele andere Lebensumstände, in denen das Loslassen rein fakultativ erfolgt und daher besonders problematisch ist. Dies ist ja bekanntlich umso schwieriger, je fester die Bindung an das Loszulassende ist. Als biologisch orientierter Wissenschaftler vergleiche ich das gerne mit dem chemischen Begriff der Affinität, also der Bindungsstärke zwischen zwei Molekülen: Je höher die Affinität, des­to mehr Energie ist für eine Trennung der Moleküle nötig. Dieses „echte Loslassen“ ist immer mit einem Opfer verbunden und erfordert daher ein gewisses Maß an Altruismus. Das gilt für den freiwilligen Rücktritt von einer ehrenvollen oder mächtigen Position, ohne dass es sich beim Grund für diesen Entschluss um persönliche Defizite handelt. Dieses Loslassen im Dienst der guten Sache ist leider eine wahrlich seltene Tugend.

Echtes Loslassen ist immer mit einem Opfer verbunden, beispielsweise ein freiwilliger Rücktritt von einer mächtigen Position: Dieses Loslassen ist eine seltene Tugend.

Als Betreuer („Doktorvater“) von Dissertanten ist es besonders wichtig, diesen jungen Wissenschaftlern sowohl Ansprechpartner für ihre intellektuellen Fragen als auch ihre persönlichen Bedürfnisse zu sein. Zugleich muss ihnen aber der Freiraum für selbstständige wissenschaftliche Arbeit gegeben werden. Das bedeutet auch, dass man diesen vorwärts stürmenden, neugierigen, talentierten, aber zunächst unerfahrenen Studenten nicht während ihres gesamten Studiums vorhalten darf, dass die Idee zu ihrem Forschungsprojekt und dessen Finanzierung von ihrem Betreuer stammt. Der muss dieses Projekt jetzt nämlich einmal loslassen! Jetzt ist es das „Baby“ des jungen Wissenschaftlers, in das er seine eigenen Ideen einbringen soll, auch wenn diese eventuell vom ursprünglichen Konzept des Projekts abweichen.

Echtes, bewusstes, nicht wirklich erzwungenes, auf rein rationalen und/oder emotionalen Überlegungen basierendes Loslassen ist also die Königsdisziplin dieser Sparte. Einzusehen, dass eine Liebe trotz aller Bemühungen nicht erwidert wird und daher – konträr zu den eigenen Gefühlen – losgelassen werden muss, ist wohl eine der schwersten Entscheidungen. Schwerer ist es wahrscheinlich nur, am Ende des eigenen Lebens loszulassen, besonders wenn man nichts von der Zukunft erwartet. Gläubige Menschen haben hier sicher einen Vorteil, aber auch nicht religiöse Menschen scheinen sich im Augenblick des letzten Loslassens bewusst zu sein, dass ihr Leben einen Sinn gehabt haben könnte. Wer jemals einem Sterbenden beigestanden hat, wird von diesem letzten Loslassen für immer tief beeindruckt bleiben.

Auch das Loslassen der Kinder in ihr eigenes Leben ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Das gilt insbesondere für die Akzeptanz ihrer ausgewählten Partner, denn durch sie und ihre Familien wird man unter Umständen mit sehr fremden – den eigenen vielleicht sogar entgegengesetzten – Lebensentwürfen konfrontiert. Umso schöner ist es dann aber, wenn sie doch ihren Weg gefunden haben.

Suche nach dem Gleichgewicht

Wenn man akzeptiert, dass künftige Perspektiven im Alter naturgemäß immer weiter eingeschränkt werden, hat sich diesbezüglich – jedenfalls für mich – seit der Jugend nicht sehr viel geändert: Es gibt doch noch immer so viel zu tun und zu erleben. Im Englischen gibt es für das Loslassen einen schönen Aphorismus: „Sad to leave – but happy to go“. Die Botschaft dieses kurzen Satzes ist auf Deutsch nicht leicht zu übersetzen. Das plumpe „Abschied und Aufbruch“ entbehrt der Sentimentalität eines Abschieds von einer prinzipiell guten Lebenssituation und des mit Neugier und Freude, aber auch etwas Zweifel verbundenen Blicks in die Zukunft – also einer bittersüßen Mischung von Traurigkeit und Glück.

In all den Diskussionen über das Loslassen sollte man nicht vergessen, dass auch das Festhalten eine Tugend sein kann: an einem geliebten Menschen, trotz oft unterschiedlicher Meinung, festzuhalten; Freundschaften zu pflegen; Traditionen und Gewohnheiten zu bewahren; und erfüllende Fähigkeiten und Begabungen weiter zu kultivieren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Richtiges Loslassen bedeutet nicht nur Verlust, sondern auch Gewinn. Und richtiges, unverkrampftes Festhalten soll nicht nur Gewinn bringen, sondern muss auch Verlust bedeuten. So sollte ein Zustand des persönlichen Gleichgewichts entstehen, der gut durch das taoistische Prinzip des Yin und Yang symbolisiert wird. Dabei verkörpert Yin innere Energie, Schatten, Stille und Ruhe; Yang hingegen das aktive Prinzip, Licht und Bewegung. Ein Idealzustand ist erreicht, wenn sich durch richtiges Loslassen und Festhalten ein Gleichgewicht eingestellt hat.

Der Autor ist em. o. Prof. an der Univ. Innsbruck und war Gründungsdirektor des ÖAW-Instituts für Biomedizinische Alternsforschung sowie ehem. Präsident des FWF

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