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Von „neuen ” Herzen und Nieren

Der wissenschaftliche Fortschritt, der in unserem Jahrhundert Erstaunliches hervorbrachte, hat auch die medizinische Praxis stark gewandelt. Einiges von dem, was ehemals kühner Traum oder Utopie war, ist heute Alltag und Routine. So ist beispielsweise scheinbar längst vergessen, daß noch in unserem Jahrhundert Krankheiten, wie die Tuberkulose, die Kinderlähmung oder auch die Grippe, um nur einige Beispiele zu nennen, sehr gefürchtet waren. Heute sind diese ojtmals kein Problem mehr.

Spektakulärer noch sind die Fortschritte in der chirurgischen Disziplin. Die Transplantationsmedizin der letzten Jahre hat ungeahnte Perspektiven eröffnet. So besteht im Falle der irreversiblen Schädigung mancher Organe (Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Hornhaut, Knochenmark et cetera) die Möglichkeit sie durch Transplantation zu ersetzen. Dabei werden in der Begel die Spenderorgane jenen Patienten entnommen, bei denen der Hirntod eingetreten ist (Siehe dazu Interview Seite 17).

Allerdings muß die höchste Achtung vor dem Sterbenden gewährleistet sein. Es ist unveräußerliches Becht jedes Menschen, in Würde zu sterben, wobei ihm der Beistand und die Pflege der Ärzte und Schwestern sowie seiner Angehörigen nicht fehlen darf. Es ist daher rechtlich festgelegt, daß das Transplantationsteam nicht mit jenem Ärzteteam ident ist, das die Untersuchungen zur Todesfeststellung durchführt.

Allerdings ist man mancherorts auch dazu übergegangen, Organe von eben Verstorbenen zu entnehmen, die einem Herz-Kreislaufversagen erlegen sind. Es handelt sich dabei um tot eingelieferte Patienten, beispielsweise Unfallopfer, oder auch Patienten, die erfolglos wiederbelebt wurden. Einige Zeit nach dem Eintritt des Herzstillstandes können die Nieren, aber auch die Leber entnommen und erfolgreich transplantiert werden..

Diese Praxis hat in einigen Ländern Verbreitung gefunden. Bichtlinien, wie dabei exakt vorgegangen werden soll, stehen noch aus.

In Österreich werden seit Jahren Transplantationen routinemäßig durchgeführt und gehören praktisch zum Klinikalltag. Allein in unserem Land wurden im Jahr 1995 293 Nieren-, 108 Herz- und 110 Lebertransplantationen durchgeführt. Dennoch sind die Wartelisten lang, wie eine Statistik vom Transplantationsbericht 1995 des österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheitswesen zeigt. 18 Prozent der Patienten, die auf eine

Enorme Fortschritte gab es bei der Verpflanzung von Organen. Demnächst könnte sogar ein Schweineherz in einer Menschenbrust schlagen.

Leber warten, und 22 Prozent, die potentielle Herzempfänger sind, sterben noch während der Wartezeit.

Dieser Organengpaß hat die Forschung gezwungen, in andere Bereiche vorzustoßen. Schon oftmals wurde damit spekuliert, Tierorgane auf Menschen zu übertragen. Die Ergebnisse waren aber so entmutigend, daß es bei einigen wenigen Versuchen geblieben ist. Jetzt stehen wir aber möglicherweise vor einem Durchbruch.

Mit Hilfe gentechnischer Manipulationen konnte man Schweine heranzüchten, deren Gewebsverträglichkeit auf die des Menschen abgestimmt ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird man nun Organe von solchen Schweinen auf Menschen übertragen können, ohne die gefürchtete Abstoßungsreaktion auszulösen.

Wenn man den Prognosen glauben darf, sollen noch in diesem Jahr die ersten Schweine-Mensch-Herztransplantationen durchgeführt werden. Ob das nicht gleich auch wieder mit neuen, unbekannten Risken verbunden sein wird, bleibt abzuwarten. Unwahrscheinlich ist es jedoch nicht. Die Entwicklung künstlicher Organe bewegt sich noch weit im Vorfeld der klinischen Experimente. Echte Lösungen in diesem Bereich sind für die nächsten Jahre nicht zu erwarten.

Die Knochenmarkstransplantation wurde durch die atomare Katastrophe von Tschernobyl und spätestens nach der Durchführung an einem bekannten Sänger in der breiten Öffentlichkeit bekannt. Dabei handelt es sich um eine der Spitzenleistungen der Medizin. Das Verfahren selbst ist relativ einfach, aber hochriskant und kostspielig.

Nach der totalen Zerstörung des empfängereigenen Immunsystems durch Bestrahlung und Chemotherapie, wird das „neue” Knochenmark in den Kreislauf eingebracht. Das bedeutet, daß der Empfänger über einige Wochen hindurch ohne funktionierendes Immunsystem in einenrab-solut sterilen Baum überleben muß. Mit einer Gesamtzahl von weltweit mehr als 40.000 Transplantationen ist das Knochenmark eines der Organe, das am häufigsten transplantiert wird.

Um diese Eingriffe in vielen Fällen komplikationslos abwickeln zu können, hat die Intensivmedizin neue Apparate und Methoden entwickelt. Die Funktionen einiger Organe (Lungen, Herz, Nieren) können mit Hilfe technischer Mittel über einen Zeitraum hindurch ersetzt werden. Beatmungsgerate gehören praktisch zur Grundausstattung einer Intensivstation. Mittlerweile sind es immer mehr Menschen, die einmal auf einer solchen Intensivstation gelegen sind und dank der Apparatemedizin kritische Situationen gut überstanden haben.

Was auf der einen Seite so segensreich ist, wirft auf der anderen Seite neue und schwerwiegende Probleme auf. Die Kehrseite der Medaille ist ebenfalls bekannt: dank der künstlichen Aufrechterhaltung von Organ-funktionell werden manche Patienten mit großem Aufwand über lange Zeiträume hindurch am Leben erhalten. Was als Hilfe für das Leben gedacht war, verwandelt sich in ein Hindernis für ein würdiges und humanes Sterben.

Immer wieder sind die Ärzte vor Situationen gestellt, die ausweglos scheinen. Ein trauriges Beispiel, das in der jüngeren Vergangenheit für große Aufregung sorgte, ist der Fall einer Hirntoten, die schwanger war. Marion Bloch, so hieß die junge Frau in Erlangen, die bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt wurde, daß sie bald darauf in einem Krankenhaus verstarb, trug noch das Leben ihres Kindes unter dem Herzen. Das zuständige Ärzteteam entschied sich für eine Äufrech-terhaltung der Beatmung und der elementaren intensivmedizinischen Maßnahmen, um dem Kind eine Chance zu geben. Nach einigen AVo-chen kam es zum Spontanabortus. In der Fachliteratur wird aber von anderen Fällen berichtet, bei denen es zur Geburt eines gesunden Kindes kam.

Ein weiterer, nicht weniger aufsehenerregender Bereich der Medizin ist die Gentechnik. Die Perspektiven, die sich abzeichnen, übertreffen alles bislang Dagewesene. Auch wenn man sehr wohl zwischen futuristischer Träumerei und realen Zukunftsaussichten unterscheiden muß, sind die Möglichkeiten, die diese neue Technik erschließt, faszinierend. Der Mensch „ä la carte” ist und bleibt jedoch Utopie.

Es besteht die berechtigte Hoffnung, vielen Krankheiten mittels der Gentechnik ernsthaft die Stirn bieten zu können. Erstmals sind wir in der Lage, das Übel an der Wurzel packen zu können. Denn wenn man die falsche oder fehlende Information innerhalb des Erbgutes korrigieren kann, muß man nicht mehr die Krankheit an sich behandeln, weil die Krankheit nicht mehr zum Ausbruch kommen kann.

All die Fortschritte können nicht darüber hinwegtäuschen, daß es dennoch viele Probleme gibt, deren Lösung noch aussteht. Aids (man mag immer wieder ob der Tatsache staunen, daß die Krankheit erst seit rund 16 Jahren bekannt ist), Krebstumore,

Herzinfarkte, um nur einige zu nennen, zeigen ganz deutlich das Unvermögen der Medizin. Hinzu kommen noch die oben erwähnten Schwierigkeiten, die sozusagen Produkt des medizinischen Fortschrittes selbst sind.

Bei aller Fortschrittsgläubigkeit muß man anerkennen, daß es wohl immer etwas geben wird, was den Einsatz aller Kräfte gleichsam herausfordert. Die „heile Welt” ist jedoch utopisch. Die Würde des Menschen zu erkennen und unter ihrer Wahrung zu behandeln, ist und bleibt das Hauptziel der Medizin. Die Frage der Technik und der Apparate ist ne-benrangig. Werden diese aber in den wahren Dienst der Menschlichkeit gestellt, kann man sie bejahen.

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