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Vorsicht vor dem Neuro-Hype

Die Neurowissenschaften gelten heute als Leitwissenschaft. Ein Gespräch mit Felix Hasler, der den Boom der Gehirnforschung mit Skepsis verfolgt. Das Gespräch führte Martin Tauss

Mit einer "Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ hat der Liechtensteiner Pharmakologe Felix Hasler im Vorjahr für großes Aufsehen gesorgt. DIE FURCHE sprach mit Hasler über die potenziellen Gefahren infolge einer überzogenen Interpretation neuro-wissenschaftlicher Daten.

Die Furche: Bildgebende Verfahren vermitteln heute Einblicke in die Struktur und Funktion des Gehirns. Kann das dadurch generierte Wissen auch gefährlich werden?

Felix Hasler: Der aktuelle Neuro-Hype hat sich ganz wesentlich an genau diesen Bildern des Gehirns entzündet. Hoch technologische Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) haben vermeintlich die Möglichkeit geschaffen, dem Gehirn beim Wahrnehmen, Denken und Fühlen zuzusehen. Diese visuell beeindruckenden Bilder des Gehirns verfügen auch über viel mehr Suggestivkraft als zum Beispiel die EEG-Kurven, mit denen ja bereits seit den 1930er Jahren Hirnprozesse dargestellt werden. Die modernen Hirnbilder haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Neurowissenschaften heute zu einer Leitwissenschaft mit allumfassenden Erklärungsmodellen geworden sind. Das Problem dabei ist, dass so ein High-Tech-Bild zwar aussieht wie ein quasi-fotographisches Abbild des Gehirns, in Wirklichkeit aber etwas ganz anderes ist - nämlich das graphisch aufbereitete Endprodukt einer langen Kette komplexer und fehleranfälliger Berechnungen. Das Gefahrenpotenzial liegt darin, dass den Hirnbildern vorschnell ein Wahrheitsgehalt zugeschrieben wird, der wissenschaftlich überhaupt nicht berechtigt ist.

Die Furche: Im Hinblick auf die Rechtsprechung hat die Hirnforschung zu Debatten geführt, ob und wie "gefährliche Gehirne“ zu identifizieren sind. Wie beurteilen Sie diese Szenarien?

Hasler: Werden Bilder des Gehirns dazu herangezogen, auf bestimmte Verhaltensweisen oder gar das Begehen von Straftaten zu schließen, wie dies im Rahmen der jungen Disziplinen "Neuro-Recht“ bzw. "Neuro-Forensik“ ja bereits diskutiert wird, werden sie tatsächlich zu gefährlichen Bildern. Bei einem Gerichtsverfahren könnte die Feststellung einer funktionellen Gehirnanomalie den Angeklagten bei den Geschworenen rasch zu einem Täter werden lassen, ganz im Sinne von "Das Gehirn ist schuld an seiner Straftat“. Die Idee einer präventiven Identifizierung von Personen mit vermeintlich "riskanten Gehirnen“ kann dann rasch zu vorsorglichen Überwachungs- und Zwangsmaßnahmen führen. Insbesondere in repressiv ausgerichteten Gesellschaften ist dies höchst problematisch. In Wahrheit ist es aber bis heute nicht gelungen, einen bestimmten Gehirnzustand ursächlich mit einem bestimmten Verhalten in Verbindung zu bringen. Wichtig ist auch, dass viele Menschen Schädigungen des Gehirns aufweisen, aber nie zu Straftätern werden. Biologie ist eben nicht Schicksal.

Die Furche: Sie kritisieren den Neuro-Reduktionismus auch in der Psychiatrie. Wieso eigentlich?

Hasler: Ich möchte darauf hinweisen, dass im heutigen Verständnis psychischer Erkrankungen eigentlich ein mehrdimensionales bio-psycho-soziales Entstehungsgefüge angenommen wird. In letzter Zeit hat aber eine massive Verschiebung hin zur Biologie stattgefunden, während gleichzeitig die innerpsychischen und sozialen Komponenten der Krankheitsentstehung dramatisch abgewertet wurden. Als Folge davon werden psychische Störungen heute in erster Linie medikamentös therapiert. Eine dramatische Übermedikation mit Psychopharmaka ist eine direkte Konsequenz der Biologisierung der Psychiatrie. Für Kinder mit der Diagnose ADHS etwa hat die Ritalin-Verschreibung innerhalb von 20 Jahren um etwa das 50-fache zugenommen. Auch bei Antidepressiva und anderen Psychopharmaka steigen die Verschreibungszahlen. Hier besteht die Gefahr, dass wissenschaftliche Mythen und nicht wissenschaftliche Fakten die Therapie bestimmen.

Die Furche: Apropos Aufweichung der Grenzen: Immer wieder flammt eine besorgte Diskussion zum Einsatz von Psychopharmaka im Sinne von "Gehirn-Doping“ auf. Welche Wissensgrundlage steckt dahinter?

Hasler: Das ist letztlich eine Phantom-Debatte, die auf einen medialen Hype zurückzuführen ist. Ausgangspunkt ist insbesondere die Vorstellung, dass in den Pharma-Labors der Welt gerade fieberhaft daran gearbeitet wird, neuartige Medikamente zu entwickeln, die unser Gedächtnis, unsere Lernfähigkeit und Motivation zielgerichtet verbessern können. Schaut man sich die Mediendebatte genauer an, stößt man auf die immer gleichen Thesen: Beim "Neuro-Doping“ handle es sich um ein neues und weit verbreitetes Phänomen; die Substanzen würden über eine hoch spezifische Wirkung verfügen und wären sowohl effektiv als auch gut verträglich. Davon stimmt jedoch so gut wie gar nichts. So zeigen etwa aktuelle Zahlen aus Deutschland, dass nur 4-5 Prozent der Studenten zu solchen Mitteln greifen - und dies nur selten, da Nebenwirkungen wie Nervosität oder Schlafstörungen als unangenehm erlebt werden. Auch mit der Entwicklung innovativer kognitionsverbessernder Medikamente ist nicht zu rechnen. Selbst bei Alzheimer-Demenz gibt es derzeit ja nur Therapien mit sehr limitierter Wirksamkeit. Zudem hat jüngst eine ganze Reihe von Pharma-Firmen ihre Forschung im Bereich Psychopharmakologie heruntergefahren oder sogar ganz eingestellt. Das zeugt auch nicht gerade von großem Optimismus.

Die Furche: Sie plädieren also für Neuro-Skepsis und halten Neuro-Spekulation für gefährlich?

Hasler: Ich plädiere dafür, sich durch die oft verkündeten "revolutionären Erkenntnisse der Hirnforschung“ nicht blenden zu lassen. Denn im Rahmen unserer naturwissenschaftlich informierten Weltsicht ist leider auch eine unkritische Neuro-Ehrfurcht entstanden. Immerhin: War der Neuro-Hype bis vor kurzem noch fast unwidersprochen, kommt nun ein Gegentrend mit Kritik an den empirischen Möglichkeiten der Neurowissenschaften und den prinzipiellen Grenzen ihrer Erkenntnis in Gang. Vielleicht können dadurch ja ein paar Veränderungen in der Wissenschaftspraxis angestoßen werden. Und wer weiß, vielleicht kommt es in der Hirnforschung in den nächsten Jahrzehnten zu eine Phase echter Produktivität mit wirklich revolutionären Erkenntnissen.

Neuromythologie

Von Felix Hasler. transcript-Verlag, 2012 (3., unveränderte Auflage 2013). 264 S., kart., Euro 22,80

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