Gas - © Foto: APA / AP POOL / Michael Sohn

Wege aus der Energiekrise

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Österreich ist gut gepolstert in die Heizsaison gegangen. Doch die Internationale Energieagentur warnt in einer Studie, dass Europa 2023 mit einer Gaslücke konfrontiert sein könnte. Nun gilt es, einen langfristig sinnvollen Weg einzuschlagen. Eine Analyse.

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Österreich ist gut gepolstert in die Heizsaison gegangen. Doch die Internationale Energieagentur warnt in einer Studie, dass Europa 2023 mit einer Gaslücke konfrontiert sein könnte. Nun gilt es, einen langfristig sinnvollen Weg einzuschlagen. Eine Analyse.

Das Jahr 2022 markiert eine Zeitenwende für die Energieversorgung Europas. Die Beziehung zu Russland ist kaputt, veranschaulicht durch zerfetzte Pipelines in rund 80 Metern Tiefe, wenige Seemeilen südöstlich der dänischen Insel Bornholm. Bis Anfang Juni strömten dort täglich rund 1,6 Terawattstunden russisches Gas durch die zwei Stränge der Nord Stream 1 nach Deutschland. Genug, um die voestalpine z. B. drei Monate mit Gas versorgen zu können. Seit letzten September sind sie auf Geheiß des russischen Gaskonzerns Gazprom leer. Nach dem Anschlag am 26. September bleiben sie auf lange Zeit zerstört.

Europa und auch Österreich haben die erste Hürde erfolgreich genommen: Die heimischen Gasspeicher wurden zwischen April und Mitte November zu 95,5 Prozent gefüllt. Österreich ist mit einem guten Polster in die Heizsaison gegangen. Die Versorgungsaussicht für den Rest des Winters ist in ganz Europa positiv, ein Gasmangel gilt heute als unwahrscheinlich. Der Preis dafür war hoch: Durch das Zurückhalten von Gasmengen verknappte Russland das Angebot und löste eine Schockwelle an den Märkten aus. Einerseits, weil kurzfristig nicht genügend Alternativen zu russischem Gas zur Verfügung standen, und andererseits, weil Europa die Nachfrage nach Gas nicht schnell genug reduzieren konnte. Schließlich wollten die Wohnungen warm und die Industrieöfen heiß bleiben. Entgegen aller ökonomischen Signale mussten die Gasspeicher gefüllt werden: neben voller Lieferkapazität norwegischen Gases vor allem mit Flüssigerdgas (LNG) aus den USA, Katar, Algerien, Nigeria – und Russland.

Das Wetter hat geholfen

Mit einem „Whatever it takes“ signalisierte der deutsche Energieminister Robert Habeck im Juli, dass Deutschland als größter Gasverbraucher Europas (mit 900 Terawattstunden zehnmal so viel wie Österreich) die Versorgung um jeden Preis sichern wolle. Auch das hat die Preise nach oben getrieben – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und darüber hinaus. Die staatlichen Eingriffe waren zweifelsohne notwendig: Ohne sie wären wir heute nicht in der Lage, mit Zuversicht durch den Winter zu gehen.

Entwicklungen, die nicht von europäischen Politiker(inne)n beeinflussbar sind, haben Europa 2022 auch bei der Sicherung der Gasversorgung geholfen. Dieses Jahr könnte unter einem anderen Stern stehen: Aus europäischer Sicht nützlich war, dass China 2022 über weite Strecken eine Zero-Covid-Politik verfolgte, was die dortige Produktionsleistung drosselte. Durch den geringeren Gasverbrauch in China wurden am weltweiten Markt Mengen an Flüssigerdgas frei, die in Richtung Europa umgelenkt wurden. Außerdem kündigten LNG-Lieferanten Verträge mit Abnehmern in Bangladesch, Sri Lanka und Pakistan. Sie belieferten dank lukrativer Preise lieber Europa. In Südasien führte das zu Stromausfällen, in Europa zu vollen Gasspeichern. Mittlerweile hat China seine Zero-Covid-Politik aufgeweicht. Die Nachfrage nach LNG könnte heuer wieder zunehmen, was wiederum den Preis treibt und potenziell Gasmengen aus Europa fernhält.

Beim Befüllen der Gasspeicher in Europa hat auch das Wetter geholfen. Je niedriger die Temperaturen, umso höher der Bedarf. Die erste Hälfte der Heizsaison 2022/23 war – abgesehen von einer kurzen Kältewelle Ende September und einem „normalen“ Dezember – überdurchschnittlich warm. Der Oktober lag österreichweit 3,9 Grad über dem Schnitt von 1961 bis 1990. Im November waren es 2,4 Grad mehr.

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