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Wir müssen sommertauglich werden!

Die Abwärme der Klimageräte heizt die Städte auf, die ohnehin schon 'urbane Wärmeinseln' bilden. Sie dürften nur zugelassen werden, wenn alle passiven Maßnahmen ausgeschöpft sind.

Letzten Sommer wurde vom Fall eines herzkranken Mieters in Wien- Kaisermühlen berichtet, in dessen Wohnung im vierten Stock unterm Dach Raumtemperaturen von bis zu 34 Grad Celsius herrschen, weshalb er nicht mehr schlafen könne. Der Hausbesitzer weigere sich seit Jahren, dem Einbau eines Klimagerätes zuzustimmen, weil der Wärmetauscher die Fassadenansicht verunstalte. Der Klimawandel ist in der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung angekommen. Aber dieses simple Beispiel zeigt wie kaum ein anderes, wie sehr wir selbst an unserer eigenen Misere beteiligt sind, weil wir verlernt haben, ökologisch zu denken und zu handeln.

Ökologie -von griechisch "oikos": das Haus -ist die Lehre vom richtigen Haushalten. Ökologie hat also zunächst nichts mit dem Retten der letzten österreichischen Ziesel oder Blauraken zu tun, sondern mit dem ökonomisch klugen Handeln umsichtiger Hausbesitzer, mit dem Ziel, wirtschaftlich, zweckmäßig und im Rahmen des gesetzlich Erlaubten größtmögliches Wohlbefinden für die ihnen Anvertrauten zu erwirken.

Leichtfertige Bauweise

In der Haustechnik gibt es den Begriff der "Sommertauglichkeit", das heißt, ein Haus sollte so gebaut sein, dass die Raumtemperatur im Sommer 27 Grad Celsius nicht überschreitet. Und dies ist technisch durchaus möglich, denn die Tages-Mitteltemperatur der Luft in den Monaten Juli und August übersteigt in der Wiener Innenstadt selten 25 Grad. Der darüber hinausgehende überproportionale Temperaturanstieg in Räumen und öffentlichen Gebäuden bei traditioneller Bauweise ist auf solaren Strahlungseintrag (aufgrund fehlender Außenbeschattung) und falsches Lüftungsverhalten (durch Eintrag heißer Außenluft untertags) sowie auf mangelnde Nachtlüftung zurückzuführen. Wird die Sommertauglichkeits-Temperatur von 27 Grad signifikant überschritten, ist dies fast immer bauphysikalisch falschen Maßnahmen oder falschem Verhalten der Nutzer geschuldet.

Als ich 1986 den Kurs für die Beamtendienstprüfung absolvierte, wurden wir darauf hingewiesen, dass bei Bundesbauten so gebaut werden müsse, dass keine technische Kühlung im Sommer notwendig sei. Inzwischen ist aber einiges passiert. Der Bauboom ab den 1990er-Jahren hat dazu ge führt, dass in Wien durch Ausbau der Dachböden bzw. Aufstocken von Gründerzeithäusern zigtausend Wohnungen und Büros errichtet wurden. Leichtbauweise mit wenig Speichermasse, große Fensterflächen mit transparenter Isolierverglasung ohne Außenbeschattung und der fehlende Dachboden als Pufferzone führen zwangsläufig zu Überhitzung; die bauphysikalischen Mängel werden fast immer mit Kältetechnik kompensiert. Und hier beginnt sich die Katze in den Schwanz zu beißen.

Die im Einkauf kostengünstigen elektrischen Klimageräte (Splitgeräte) funktionieren wie ein Eiskasten, der an der Rückseite Wärme an die Umgebungsluft abgibt. Diese Abwärme heizt die Städte auf, die aufgrund der versiegelten Flächen und hohen Speichermasse ohnehin schon "urbane Wärmeinseln" bilden -mit Lufttemperaturen, die rund 5 Grad über dem Umland liegen. Nun sagen Klimaforscher, dass der Temperaturanstieg in den Städten signifikant rascher erfolgt als vom Klimawandel her zu erwarten wäre. Grund dafür: der weiterhin hemmungslose Verbrauch von Energie jeglicher Art und der rasante Einsatz von Klimageräten. Wir versuchen also, den Brand klein zu halten, indem wir Benzin hineinschütten ...

Durch richtiges Nutzerverhalten kann man mit geringen Investitionskosten die Situation grundlegend verbessern, ohne den Energieverbrauch weiter anzutreiben. 1984 zog ich mit meiner jungen Familie in ein Genossenschaftshaus aus dem Jahr 1934 - im dritten Stock unter dem Dachboden. In den ersten Jahren erreichten wir im Sommer Raumtemperaturen von bis zu 33 Grad, im Winter stand das Kondenswasser an der Außenwanddecke des Kinderzimmers; Schimmelbildung war die Folge. Nach einer längeren Lernphase war Handeln angesagt: Die Genossenschaft erteilte die Erlaubnis, die Obergeschoßdecke auf eigene Kosten mit begehbaren Isolierplatten zu belegen.

"Querlüften" als zusätzlicher Trick

Die Dachbodenfenster wurden mit Taubenschutzgittern ausgerüstet und bleiben von Ende Mai bis Anfang September offen. Dies war der erste Quantensprung! Der einzig sinnvolle Sonnenschutz auf der Südseite ist eine Außenbeschattung. Hier ist eine großzügige Genehmigungs-und Förderpraxis seitens der Hauseigentümer und der Behörden gefordert. Durch konsequentes Herunterfahren der Jalousien und Schließen der Fenster untertags, vor allem am heißen Nachmittag, kann man den Wärmeeintrag durch Sonnenstrahlung und heiße Außenluft signifikant absenken. In Italien praktizierte man das schon immer. Durch starkes Lüften während der kühleren Nachtstunden bis in den frühen Vormittag werden die Wände quasi von der untertags aufgenommenen Wärme wieder "entladen". Als letzter Trick wurden die Putztürchen der inzwischen obsoleten Kamine (Achtung beim ersten Mal öffnen: ausräumen und aussaugen!) und alle Fenster auf der kühlen Hofseite über Nacht geöffnet ("Querlüften").

Zuletzt habe ich 2012 eine tiefgehende energetische Sanierung meiner Mietwohnung durchgeführt und den ganzen Prozess auch messtechnisch begleitet und ausgewertet. Abgesehen von der sommerlichen Behaglichkeit wurden durch die Summe aller Maßnahmen auf Seite der Heizung und Warmwasserbereitung 21 bis 25 Prozent Erdgas eingespart. Auch im Jahrhundertsommer 2017 wurde aufgrund des beschriebenen einfachen "Klima-Managements" die kritische Temperatur von 27 Grad nur an einem Tag überschritten, sonst lag die Zimmertemperatur deutlich darunter.

Flammender Appell von Papst Franziskus

Dämmung der Obergeschoßdecke, Hinterlüften der Dachböden, Außenjalousien auf der Ost/Süd/West-Sonnenseite sowie intensive Nachtlüftung sind die wirksamsten Hebel zum Erreichen der Sommertauglichkeit. Die Arbeitsgruppe "Ressourcenorientiertes Bauen" am Institut für Konstruktiven Ingenieurbau der Universität für Bodenkultur Wien hat einen Technologie-Leitfaden zu sommerlicher Überwärmung herausgegeben, der dazu eine Menge nützlicher Informationen liefert (www.wien.gv.at/stadtentwicklung/energie/pdf/ueberwaermung.pdf)

Es ist leicht, auf Donald Trump zu schimpfen, der den Klimavertrag von Paris aufkündigen will. Doch Ökologie ist der Blick auf die großen Zusammenhänge, und dazu können, ja müssen wir alle etwas beitragen. Die 2015 mit Blick auf den Weltklimagipfel verfasste Enzyklika "Laudato si'" von Papst Franziskus ist ein flammender Appell an alle Menschen guten Willens, eigenverantwortlich aktiv zu werden. Einen kleinen Beitrag zur Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt können wir leisten, wenn Mieter, Hausbesitzer und öffentliche Hand gemeinsam die urbane Wärmeinselbildung hintanhalten - nicht durch Bekämpfen der Symptome, sondern durch Vermeiden der Ursachen und sinnvoll steuernde Förderungen.

Es ist eine alte Erfahrung bei systemischen Prozessen: Die sinnlos scheinende Einzelmaßnahme ("Tropfen auf den heißen Stein") addiert sich im Zusammenspiel zu einer unerwartet drastischen Änderung des Gesamtsystems. Wärmeabgebende Klimageräte sind keine Lösung, sondern verstärken das Problem. Sie müssten höher besteuert und dürften nur zugelassen werden, wenn alle passiven und bauphysikalisch wirksamen Maßnahmen ausgeschöpft sind.

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