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Wird jeder zehnte ein Alkoholiker?

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Alkohol - eine Droge? Alkoholmißbrauch Ursache vieler Probleme, vom schweren Verkehrsunfall zur zerrütteten Ehe: Wird immer mehr getrunken?

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Alkohol - eine Droge? Alkoholmißbrauch Ursache vieler Probleme, vom schweren Verkehrsunfall zur zerrütteten Ehe: Wird immer mehr getrunken?

Vor einiger Zeit warnte der Leiter des Schul- und Erziehungszentrums in Linz, Klaus Mayr, bei einer Pressekonferenz, daß fast neun Prozent der zehnjährigen Hauptschülerinnen bei einer Befragung angegeben hätten, ein- oder mehrmals pro Woche Alkohol zu trinken. Bei den Buben seien es etwas weniger. Im Polytechnischen Lehrgang lägen diese Anteile sogar bei 40 Prozent, für die Burschen, bei 17 für die Mädchen. Die Tendenz sei steigend.

Das klingt alarmierend. Gibt es also einen steigenden Hang dazu, zum Alkohol zu greifen? Eindeutig läßt sich das jedenfalls nicht festmachen. Manche Autoren behaupten sogar, es gäbe derzeit eine Art „neue Nüchternheit“, es würden in letzter Zeit also weniger Drogen, Alkohol und Nikotin gebraucht.

Was stimmt nun? Eine eindeutige, mit Daten belegte Aussage zur Klärung dieser Frage sei schwer zu machen, stellt Alfred Uhl vom Lud- wig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung in Wien-Kalksburg fest. Eines aber lasse sich mit großer Sicherheit feststellen: In den letzten 20 Jahre habe es beim Alkohol- mißbrauch keine dramatischen Veränderungen gegeben.

Schätzungen zufolge dürften derzeit in Österreich rund 300.000 Personen alkoholkrank sein. Das ergibt einen Anteil von fünf Prozent der Österreicher, wenn man die Zahl auf die erwachsene Bevölkerung bezieht. Dieser Bezug sei naheliegend, denn der Alkoholkonsum beginne nach wie vor etwa mit 16 bis 18 Jahren. Schätzungen für Deutschland (1,8 Millionen Alkoholabhängige in den alten Bundesländern laut „Zeitschrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik“) liegen etwa in derselben Größenordnung.

WER IST ALKOHOLABHÄNGIG?

Alkoholabhängig, also alkoholkrank, ist jemand, der süchtig geworden ist, also ohne Alkohol nicht auskommt. Dieser Gruppe werden ebenfalls jene zugerechnet, die zwar nicht verhaltensauffällig sind, bei denen aber infolge des Alkoholkonsums eine Organschädigung auftritt. Nicht unter diese Rubrik fallen Leute, die nur phasenweise problematische Mengen trinken, aber ansonsten unauffällig sind.

Wie kommt nun die Schätzung der Zahl der Alkoholkranken tatsächlich zustande?

Behandlungseinrichtungen, etwa das Anton-Proksch-Institut in Wien-Kalksburg, melden (unter Wahrung der Anonymität) die Zahl der im jeweiligen Jahr behandelten Patienten an das Statistische Zentralamt. Gleiches tun Spitäler, die Patienten mit organischen Schäden, die typisch für den Alkoholiker sind, behandeln. Geht man von diesen Zahlen aus, so kommt man unter Berücksichtigung plausibler Annahmen zu der oben genannten Zahl von 300.000.

Alkoholismus ist also ein Massenphänomen in Österreich. Welches Gewicht ihm tatsächlich zukommt, zeigt folgende Überlegung: Man muß eine Weile viel trinken, um Organschäden zu bekommen oder ver- naltensauffällig zu werden. Daher kann davon ausgegangen werden, daß ein Alkoholiker im Durchschnitt nur die halbe Phase eines Erwachsenenlebens der Kategorie Alkoholiker zuzurechnen ist.

Für den Durchschnittsösterreicher ergibt das folgende Wahrscheinlichkeit, Alkoholiker zu werden: „Ungefähr zehn Prozent, wenn die Bedingungen so bleiben, wie sie jetzt sind. In einer Schulklasse mit 30 Schülern kann man damit rechnen, daß etwa drei Alkoholiker werden,“ so Alfred Uhl.

Beachtliche Werte, die in den letzten 20 Jahren relativ konstant waren. Das läßt sich jedenfalls über die Zahlen für den Alkoholverkauf schließen. Da Österreich ein Mittelpreisland beim Alkohol ist, kann man davon ausgehen, daß Schwarzbrennen und illegale Importe nicht allzu stark ins Gewicht fallen. Der Gesamtverbrauch liegt bei rund zehn Liter Alkohol pro Kopf und Jahr.

Bis in die siebziger Jahre ist allerdings ein Anstieg zu beobachten, das zeigt auch die Entwicklung der Todesraten für Leberzirrhose. Diese Krankheit ist eine typische Folge des Alkoholmißbrauchs. Aus internationalen Vergleichen der Sterblichkeit erkennt man außerdem, daß Leberzirrhose eine Krankheit ist, die besonders in Ländern mit viel Weinbau auftritt. Führend bei diesen Daten ist Frankreich gefolgt von Italien und Spanien. Österreich gehört hier zur Spitzengruppe.

Detailaussagen über Veränderungen im Trinkverhalten sind durch Befragungen relativ schwer abzusichern, etwa die Frage, ob der Alkoholkonsum bei Frauen überdurchschnittlich gestiegen sei, sich also das Trinkverhalten der Frauen an das der Männer angepaßt habe. Im Durchschnitt trinken nämlich Frauen etwa nur ein Drittel von dem, was Männer konsumieren. Außerdem ist ihr Anteil an den völlig Abstinenten weitaus größer, während jener der Alkoholikerinnen nur bei etwa einem Fünftel aller Behandlungsfälle liegt.

PROBLEME DER BEFRAGUNGEN

Warum es eher schwierig ist, Auskunft über die Entwicklung des weiblichen Alkoholismus zu bekommen? Weil Befragungsergebnisse schwer zu interpretieren sind: Gruppen, in denen Trinken als Status- symbol angesehen wird, neigen dazu ihre Angaben zu übertreiben. Wer Trinken aber als Makel ansieht, wird eher untertreiben. Und bei Frauen wird meist letzteres anzutreffen sein.

Allerdings dürfte es schon stimmen, daß in Bevölkerungsschichten, in denen das Emanzipationsverhalten der Frauen stark ausgeprägt ist, es auch zu veränderten Trinkgewohnheiten kommt, meint Uhl. In der Gesamtstatistik falle dieses Phänomen aber nicht ins Gewicht.

Es gibt einige geschlechtsspezifische Auffälligkeiten. Da ist vor allem die Beobachtung, daß Leberzirrhose bei Männern nicht tun so viel höher liegt als bei Frauen, wie es dem weitaus höheren männlichen Alkoholismus entsprechen würde. Das läßt den Schluß zu, daß Frauen Alkohol wesentlich weniger gut vertragen.

Frauen fangen im allgemeinen erst später (etwa im vierten Lebensjahrzehnt) zu trinken an, sie werden dafür wesentlich schneller süchtig und entwickeln auch viel rascher Probleme mit dem Alkohol. Weitaus häufiger als bei Männern sind fami liäre Belastung mit psychischen Störungen bei weiblichen Alkoholkranken anzutreffen. Auch der Anteil der Geschiedenen ist bei weiblichen Alkoholpatienten deutlich höher als bei männlichen.

Bei Frauen scheint es ingesamt so zu sein, daß jene, die Alkoholikerinnen werden, weitaus gestörter sind, als dies beim durchschnittlichen männlichen Alkoholiker der Fall ist. Und das wirkt sich selbstverständlich auch auf die Rehabilitation aus.

Die Wahrscheinlichkeit, daß jemand seine Sucht in den Griff bekommt, wird nämlich stark von der jeweils gegebenen Grundproblematik, die den Alkoholmißbrauch hervorruft, abhängen. Bei vielen Berufen (etwa bei Weinbauern oder Bauarbeitern) ist starke Alkoholkonsum an der Tagesordnung. Bei den Frauen gibt es hingegen keine Gruppe, die gewohnheitsmäßig viel trinkt.

Die Rehabilitation von „berufsmäßigen Trinkern“ setzt andere Akzente als die von Patienten, die mit Esychischen Problemen zu kämpfen aben. Erstere müssen vor allem lernen, dem Gruppendruck standzuhalten. Bei den anderen hingegen ist die Problematik vielschichtiger und schwieriger, geht es doch um die Bewältigung eines meist schwerwiegenden Lebensproblems.

Interessant ist noch ein Detail am Rande, die Auffälligkeit der Abstinenzler, jener, die also keine Tropfen Alkohol anrühren, beziehungsweise einmal in mehreren Monaten einem halben Glas Sekt nicht auskommen. Sie sind im Straßenverkehr auffallend gefährlich und außerdem durch ein hohes Maß an neurologisch-psychiatrischer Belastung gekennzeichnet. Darüberhinaus stellt man fest, daß ihre Merkfähigkeit im Alter auffallend schlecht ist im Vergleich zu Leuten, die trinken.

ABSTINENZLER HÄUFIG KRANK

Bei großen Studien (etwa in England) ist herausgekommen, daß Abstinenzler doppelt so häufig krank sind wie der Normalverbraucher. Auch ihre Lebenserwartung liegt deutlich niedriger.

„Hier drückt sich meiner Ansicht nach nicht die Wohltätigkeit des Alkohols aus, sondern der Umstand, daß Leute, die sich psychisch, kreislaufmäßig oder neurologisch nicht wohl fühlen aus der Überzeugung, er täte ihnen nicht gut, einfach total den Alkohol meiden,“ stellt Uhl fest. Offensichtlich gibt es also zwei Möglichkeiten für Leute, die spüren, daß sie große Probleme haben: Entweder sie trinken viel, quasi als Medikament, oder sie rühren den Alkohol überhaupt nicht an.

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